Holpriger Weg zur Selbstständigkeit

Elektrischer Rollstuhl gewünscht: Krankenkasse stellt sich quer

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Das Anschieben ist auf Dauer zu anstrengend.

Dietzenbach - Christa Pfaff sitzt im Rollstuhl und möchte ohne viel Anstrengung voran kommen. Doch ein Elektrofahrzeug ist teuer und daher nicht leicht zu bekommen. Von Tamara Schempp 

Christa Pfaff weiß wie es ist, wenn jeder Bordstein zum schier unüberwindbaren Hindernis wird. Wie es ist, vor jeder noch so kleinen Stufe Halt zu machen und sich Halt zu suchen. Wie sich die Angst vor dem Fallen anfühlt – auch, wenn sie angeschnallt ist. Die 68-Jährige sitzt im Rollstuhl. Ihre Beine werden mit orthopädischen Stiefeln stabilisiert, eine Folge ihrer Spastik. Christa Pfaff ist eine von rund 200.000 Menschen in Deutschland, deren Diagnose laut der privaten Patientenorganisation Surveillance of Cerebral Palsy in Europe (SCPE) in der Kindheit Zerebralparese oder „Little’sche Krankheit“ lautete, eine Nervenkrankheit. Als Pfaff eineinhalb Jahre alt war, erhielt ihre Mutter die Mitteilung.

Die Krampflähmung betrifft besonders Pfaffs Beine. Ihre Spastik, eine dauerhafte Verkrampfung der Muskeln, ist durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems im Gehirn entstanden. Einen Sturz ihrer Mutter auf der nassen Steintreppe mit dem Fötus im Bauch vermutet Pfaff als Ursache. Vielleicht ist die Krankheit auch ohne Vorfall angeboren. So genau lässt sich das nicht sagen, erklärt ihre Betreuerin Christa Hartmann.

Mit ihrem derzeitigen Rollstuhl kommt Christa Pfaff nicht weit.

Zwei Stürze aus dem Rollstuhl im vergangenen Jahr haben auch bei Christa Pfaffs Psyche Spuren hinterlassen. Zwei Oberschenkelhalsbrüche zogen die Stürze nach sich. Zuvor war Gehtrainig noch möglich. Mittlerweile sitzt sie in einem Pflegerollstuhl. Seit rund fünf Jahren baut sie ab. Dies sei vermutlich auch eine Folge des Alters, sagt Hartmann, die ihre Namensvetterin seit 22 Jahren betreut. Anders als ihre Beine kann Pfaff die Arme problemlos bewegen und so den Rollstuhl anschieben.

Der derzeitige fahrbare Untersatz ist im Gegensatz zum vorigen, aus dem Christa Pfaff herausgefallen ist, zwar stabiler gebaut, dadurch aber wuchtig und schwer. 30 Kilo wiegt er. Die Arme werden vom Schieben schnell müde. Außerdem sei der Rollstuhl bereits 20 Jahre alt, berichtet Betreuerin Christa Hartmann. „Den könnte man fast ins Museum stellen.“

Pfaff hat daher einen großen Wunsch: einen elektrisch betriebenen Rollstuhl, bis zu 26 Stundenkilometer schnell. Abwaschbar sollte er sein, bequeme Polster haben und genügend Licht im Dunkeln abgeben. Sie möchte neben ihrem gehenden Mann Jürgen herfahren können. Mit ihm lebt die zur Einrichtungsbeirätin gewählte Bewohnerin im Waldemar-Klein-Haus am Kindäcker Weg. Jürgen sei ihr eine große Stütze, berichtet Hartmann. Doch Pfaffs Ehemann arbeitet tagsüber in der Offenbacher Behindertenwerkstatt Hainbachtal.

Dass sie auf die Hilfe anderer angewiesen ist, stört die 68-Jährige gewaltig. „Ich will wieder ein bisschen unter die Leute gehen“, sagt Pfaff. Das Sprechen fällt ihr manchmal schwer. Sie möchte auch mal alleine Dinge tun können, führt sie weiter aus, wie zum Bäcker zu fahren und ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Kaffee trinken. Oder ins Rathaus-Center zum Friseur – ohne, dass sie dorthin jemand schieben muss.

Skifahren klappt auch mit Behinderung

„Ein E-Rolli fördert die Selbstständigkeit und Teilhabe“, findet auch Hausleiterin Christa Hartmann. Er würde außerdem Pfaffs medizinische Versorgung sicherstellen, indem sie eigenständig zum Arzt fahren kann. Dies sind Gründe, die Hartmann bei der Krankenkasse angegeben hat, um einen elektrischen Rollstuhl zu bekommen. Doch der kostet bis zu 20.000 Euro. „Da kriegste ein Auto für“, sagt Hartmann. Vor eineinhalb Jahren hat die 48-Jährige den ersten Antrag bei Pfaffs Krankenkasse AOK gestellt. Er wurde abgelehnt. Ihr habe man am Telefon gesagt, man sehe für einen Ersatz ihres aktuellen Modells keine Notwendigkeit, berichtet Hartmann. „Privat gewünschte, medizinisch nicht notwendige Ausstattungen wie zum Beispiel (...) ein Elektrofahrzeug, das schneller als 6 km/h fährt, sind keine Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung“, heißt es von Seiten der AOK Hessen auf Anfrage.

Im zweiten Versuch ermittelte das Sanitätshaus vergangene Woche auf ärztliche Verordnung hin eine günstigere Variante: das sogenannte e-Fix-System. Ein Zusatzantrieb verwandelt einen manuell angetriebenen in einen elektrischen Rollstuhl. Das Sanitätshaus erstellt einen neuen Kostenvoranschlag, der bei der AOK eingereicht wird.

Für Christa Pfaff heißt es nun wieder: warten. Ein E-Rolli würde vieles erleichtern. Etwa den Weg auf den Bieberer Berg in Offenbach. Im Stadion war der Kickers-Fan schon seit sieben Jahren nicht mehr. Am liebsten hätte sie einen in Rot, der Farbe ihrer Lieblingsmannschaft. Mit ihm könnte sie „in der besonderen Atmosphäre“ des Stadions, wie sie schwärmt, inmitten der Geräuschkulisse verschwinden. Und für einen Moment vergessen, dass sie im Rollstuhl sitzt.

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