Interview

Astrazeneca-Impfungen Kreis Offenbach – Nebenwirkungen besonders bei jungen Menschen

Eine Seniorin wird in einem Impfzentrum geimpft. Zu sehen ist der Oberarm sowie eine Spritze mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer, die kurz davor ist, in den Arm gestochen zu werden.
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Eine Seniorin wird in einem Impfzentrum geimpft.

Der Landrat des Kreises Offenbach, Oliver Quilling, spricht im Interview über die Corona-Situation und den Stand der Impfungen im Kreis sowie über die Krisenpolitik von Bund und Land.

Dietzenbach – Als Landrat ist Oliver Quilling (CDU) auch für das Gesundheitsamt des Kreises Offenbach zuständig. Im Interview spricht er über Inzidenzwerte im Kreis Offenbach und den Stand der Impfungen im Landkreis.

Guten Tag Herr Quilling, wissen Sie schon, wann Sie sich gegen Corona impfen lassen können?

Wir zählen zur Priorisierungsgruppe 3 als Personen, die in besonders relevanter Position in staatlichen Einrichtungen tätig sind. Wann diese Gruppe dran ist, weiß ich noch nicht.

Corona im Kreis Offenbach: So ist der Stand bei den Impfungen

Wie ist die Impfsituation im Kreis?

Wir haben rund 20.000 Menschen mit der ersten Dosis geimpft. Von diesen haben bereits etwa 7 000 Personen auch die Zweitimpfung erhalten. Insbesondere die Situation in den Altenheimen hat sich durch die Corona-Schutzimpfung merklich entspannt.

Gab es die Situation, dass Impfstoff vorhanden war, aber wegen der strengen Impfreihenfolge nicht verabreicht werden konnte?

Nein, wir konnten bislang immer berechtigte Personen versorgen.

Was passiert im Kreis mit angebrochenen Impfdosen?

Wir planen sehr genau, sodass wir keine Reste haben. Sollten einzelne Personen nicht zum Termin kommen, so kontaktiert unser Impfteam weitere Berechtigte, um deren Impfung vorzuziehen. Es ist uns sehr wichtig, dass wir keine Impfdosen vernichten müssen. Dank des Engagements unseres Impfteams konnten wir bisher auch alle Dosen verbrauchen.

Wie viele Menschen im Kreis sind mit Astra Zeneca geimpft worden, und sind Komplikationen bekannt?

Exakt 4 255 Menschen wurden mit Astra Zeneca im Kreis geimpft. Größere Komplikationen sind uns nicht bekannt, aber Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Müdigkeit gab es besonders bei jungen Menschen.

Wandelbare Richtwerte in der Corona-Krise – und wie man den Durchblick behält

Lange Zeit galt der Inzidenzwert von 50 als Richtwert, dann war das Ziel, die Inzidenz unter 35 zu bekommen, mittlerweile gilt der Grenzwert von 100 als Richtwert – blicken Sie da noch durch?

Das alles ist ein sehr dynamischer Prozess, auch für uns. Aber nach einem Jahr haben wir uns daran gewöhnt, dass es in Zeiten der Pandemie immer wieder Kurskorrekturen gibt. Durch die Mutationen hat sich die Ansteckungswahrscheinlichkeit wesentlich erhöht. Ein Richtwert von 100 für alle Lebensbereiche ist sehr pauschal. Das muss differenziert betrachtet werden. Wir haben bei uns im Kreis beim Erlassen von Allgemeinverfügungen nicht ausschließlich Inzidenzwerte berücksichtigt, sondern die lokale Ansteckungsgefahr beurteilt.

Können Sie verstehen, dass die Bürger angesichts dieser willkürlich erscheinenden Festlegungen und ständigen Änderungen immer mehr ihr Vertrauen in die Politik verlieren?

Natürlich ist es ungewöhnlich, dass sich die Vorgaben in einem so engen Takt ändern. Doch wir müssen dabei immer im Blick haben, dass die Erkenntnisse über das Virus auch ständig zunehmen. Darauf gilt es, flexibel zu reagieren. Ich kann Ihnen versichern, es macht keinem Politiker Spaß, schlechte Nachrichten zu verkünden. Doch dies gehört zur Verantwortung in solchen Positionen dazu. Zuweilen hat man den Eindruck, dass die Diskussionen in der Bundeskonferenz parteipolitisch geführt werden. Den Beginn der Pandemie prägte ein geschlossenes Auftreten. Politisches Gezerre führt zu Verunsicherung.

Corona im Kreis Offenbach: Lockerungen für Seniorenheime hängen von mehreren Faktoren ab

Warum gibt es in Seniorenheimen keine Lockerungen, obwohl dort bereits durchgeimpft wurde?

Aufgrund der umfänglichen Impfungen lassen sich Besuchsbeschränkungen lockern. Da diese Regelung aber auf eine Landesverordnung zurückgeht, muss die Landesregierung die Situation in ganz Hessen beurteilen.

Zu beachten gilt es dabei jedoch, dass es in den Einrichtungen auch Menschen gibt, die nicht geimpft sind. Dies kann zum einen daran liegen, dass sie sich bewusst gegen eine Impfung entschieden haben oder zum anderen, dass sie zum Zeitpunkt der Impfung gesundheitlich nicht in der Lage dazu waren.

Ihre Prognose: Wie lange können Kommunen und Unternehmen die Einschränkungen und die damit verbundenen wirtschaftlichen Einbußen noch durchhalten?

Es gibt in bestimmten Branchen dramatische Entwicklungen. Dort geht es um Existenzen, zum Beispiel Einzelhandel, Tourismus, Veranstaltungsbrache, Hotel, Gastronomie, etc. Manche Wirtschaftszweige erleben in der Krise allerdings Zuwächse, extrem im Onlinehandel und in der IT-Branche. Zuletzt haben sich die Gewerbesteuerentwicklungen nach dem massiven Einbruch vor einem Jahr wieder leicht in eine positive Richtung entwickelt. Wichtig ist, dass die Unternehmen und Selbstständigen, die besonders unter der Krise leiden, zügig die staatlichen Überbrückungshilfen erhalten. Die Novemberhilfe konnte erst stockend ausgezahlt werden. Das hat etwas mit den verschärften Prüfungen zu tun, weil es beim ersten Hilfspaket zu Betrugsfällen kam. Benachteiligt waren die, die Hilfe besonders nötig hatten.

Umgang mit Corona im Landkreis Offenbach: Als Politiker trägt man viel Verantwortung

Das Land Hessen hat den Kreisgesundheitsämtern mehr Verantwortung übertragen – kann der Kreis nun selbstständig weitergehende Maßnahmen ergreifen (etwa Kitas und Schulen im Alleingang schließen)?

Alleingänge sind in einer eng verknüpften Region wie dem Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main eher schwierig. Deswegen tauschen wir uns mit unseren Nachbarn aus.

Fühlen Sie sich als Verantwortlicher für den Kreis von Landes- und Bundespolitik im Stich gelassen?

Bei aller Kritik müssen wir immer auch sehen, dass es eine solche Krise in Deutschland noch nie gab. Auch gab es weder Massenimpfungen noch Massentests in diesem Umfang. Eine frühzeitige Einbindung der Gesundheitsämter in die Teststrategie des Bundes wäre vor Ort hilfreich gewesen.

Corona im Kreis Offenbach: „WIr sind bereits in der dritten Welle“

Wie ist die dritte Welle in Griff zu bekommen, wenn momentan die Zeichen auf Lockerungen stehen?

Diese Frage beschreibt genau den aktuellen Zwiespalt. Wir sehen anhand der Zahlen und deren rasanter Zunahme, vor genau einen Monat betrug die Inzidenz noch 36,8, dass wir bereits in der dritten Welle sind. Gleichzeitig sind Lockerungen angekündigt, was signalisiert, das Schlimmste sei überstanden. Gerade dieser Trugschluss ist gefährlich! Wir dürfen nicht nachlassen, uns und andere zu schützen. Denn das Virus und insbesondere die Mutationen sind leicht zu übertragen. Die Inzidenz spricht klar gegen pauschale Lockerungen. Die Öffnung des Einzelhandels mit kontrolliertem Zugang halte ich für denkbar.

Was können Sie über die Mutanten im Kreis sagen?

Die Mutationen dominieren das derzeitige Infektionsgeschehen im Kreis. Alle sequenzierten Proben werden in den Laboren als Mutation bestätigt. Es handelt sich vorrangig um die britische Variante.

Ministerpräsident Bouffier sagte kürzlich, dass das Land den Schulträgern 75 Millionen Euro für Schutzausstattungen zur Verfügung gestellt habe. Hat der Kreis Gelder beantragt und die Schulen entsprechend ausgerüstet?

Ja, 4,2 Millionen Euro hat der Kreis aus diesen Mitteln bekommen. Davon geht der Großteil in Höhe von drei Millionen Euro an die Städte und Gemeinden für die Kindertagesstätten. Beim Landesprogramm geht es vorrangig nicht nur um Lüfter. Auch sonstige Baumaßnahmen und insbesondere Verbrauchsgüter wie Desinfektionsmittel können davon finanziert werden. Zum Thema Lüfter kurz angemerkt: Bei uns im Kreis gibt es rund 3000 Klassenräume. Vier Räume davon sind innenliegend, die seither über Lüftungsanlagen belüftet wurden. Diese Anlagen haben wir aufgerüstet. Unsere Klassenräume lassen sich durch Stoßlüften nach den Vorgaben des Umweltbundesamtes lüften. Luftreiniger ersetzen nicht das Lüften. (Interview: Niels Britsch)

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