Zwischenbilanz zum Pandemie-Verlauf

Offenbachs Landrat Oliver Quilling: „Corona ist noch lange nicht vorbei“

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Lob für die Asklepios Klinik in Langen: Der Klinikstandort Langen sei ein „hidden Champion“, sagt Landrat Oliver Quilling. 

Wie ist die Corona-Pandemie bisher im Kreis Offenbach verlaufen? Landrat Oliver Quilling (CDU) zieht im Interview Bilanz.

  • Offenbachs Landrat Oliver Quilling zieht eine Zwischenbilanz über den Verlauf der Corona-Pandemie
  • Im Landkreis Offenbach sind aktuell 160 Personen am Coronavirus erkrankt
  • Ein starker Anstieg der Corona-Neuinfektionen könnte den Kreis an seine Grenzen bringen

Offenbach - Landrat Oliver Quilling (CDU) zieht im Interview eine Zwischenbilanz über den bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie im Landkreis Offenbach. 

Wie ist es bisher im Kreis Offenbach gelaufen?

Bislang hat unser Gesundheitsamt dank der hoch motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Corona-Lage gut im Griff. Wir haben bislang zügig die Infektionsketten identifiziert, dadurch die Kontaktpersonen unter Quarantäne gestellt und den täglichen Kontakt gehalten. Dies ist unsere wichtigste Aufgabe. 

Offenbach: Wenige Verstöße gegen Corona-Regeln im Kreis

Darüber hinaus hat das Gesundheitsamt von Anfang an Tests vorgenommen, obwohl es nicht dessen originäre Aufgabe ist. Aktuell sind rund 160 Menschen Sars-CoV-2 positiv. Insgesamt sind täglich rund 400 Personen – Positive, Kontaktpersonen und Reiserückkehrer – in der telefonischen Überwachung. Nicht alle Gesundheitsämter in Hessen arbeiten so intensiv.

Wie war die Akzeptanz der Kontaktbeschränkungen in der Bevölkerung?

Persönlich sind wir überwiegend auf Akzeptanz gestoßen. Auch nach Rückmeldung der Anzeigen der Polizei haben sich alle Bürgerinnen und Bürger bis auf wenige Ausnahmen an die Kontaktbeschränkungen gehalten. 

Bei Verstößen handeln wir jedoch konsequent. 705 Bußgeldverfahren sind eingeleitet worden. Das mag auf den ersten Blick viel aussehen, allerdings muss man es in Relation zu rund 355. 000 Menschen, die im Kreis leben, setzen.

Wie klappte das Zusammenspiel zwischen Kreis und Kreiskommunen?

Wir stehen in engem Austausch. Seit acht Wochen finden regelmäßige Telefonkonferenzen statt. Zunächst waren diese täglich. Nachdem etwas Routine eingetreten ist, telefonieren wir mehrmals wöchentlich.

Corona in Offenbach: Höchste Falldichte in einem Pflegeheim in Mainhausen

Die Abstimmung ist aus unserer Sicht erforderlich, damit beispielsweise die Regeln in Langen nicht anders ausgelegt werden als in Rodgau. Gebote und Verbote sollen für alle Menschen, unabhängig ihres Wohnortes, möglichst gleich gelten.

Gab es Infektionscluster im Kreis Offenbach? Wenn ja: wo und warum?

Eindeutige Infektionscluster gab es bisher im Kreis nicht. Bei den ersten bekannten Fällen erkannten wir einen klaren Zusammenhang mit Reiserückkehrern aus dem Wintersport. Aber wir hatten auch Fälle, die auf den Karneval in Heinsberg zurückzuführen sind. 

Die höchste Falldichte hatten wir bislang bekanntermaßen in einem Pflegeheim in Mainhausen. Das Virus wurde von außen in die Einrichtung hineingetragen. Das ist bundesweit öfters in Pflegeheimen passiert. Deshalb wurden die Besuche in Alten- und Pflegeeinrichtungen in Hessen generell streng reglementiert.

Oliver Quilling (CDU) ist Landrat des Landkreises Offenbach.

Wie ist die Lage der Wirtschaft im Kreis Offenbach?

Die Wirtschaft leidet auch im Kreis massiv unter den Beschränkungen der vergangenen Wochen. Das wird insbesondere an der Arbeitslosenquote, die innerhalb eines Monats von 4,0 auf 5,0 Prozent gestiegen ist, deutlich.

Offenbach: Landrat sieht Corona als Belastung für Städte und Gemeinden 

Die Wirtschaftsförderung des Kreises und der Kommunen unterstützt Unternehmer bei der Antragstellung für Hilfsmaßnahmen. Darüber hinaus beraten wir in zahlreichen Fragen rund um diese besondere Situation.

Welche finanziellen Auswirkungen der Coronakrise gibt es auf den Kreis Offenbach und die Kommunen, etwa bei der Gewerbesteuer?

Akut trifft der Einbruch insbesondere bei der Gewerbesteuer die Städte und Gemeinden. Auf den Kreis wird dies aufgrund der rückwirkenden Berechnungsgrundlage der Kreisumlage in den kommenden Jahren durchbrechen. Bereits jetzt schon müssen wir einen Anstieg der Fallzahlen von Anträgen auf Sozialleistungen feststellen.

Wie war die Auslastung der Krankenhäuser im Kreis Offenbach? War die Verschiebung planbarer OP und totale Fokussierung auf Corona gerechtfertigt?

Nach den schrecklichen Bildern überlasteter Krankenhäuser aus europäischen Ländern war das oberste Gebot in Deutschland, Kapazitäten in den Krankenhäusern zu schaffen. Das war eine absolut richtige Entscheidung. Glücklicherweise gab es deshalb auch in den meisten Krankenhäusern keine Überlastung, so auch nicht im Kreis Offenbach. 

Offenbachs Landrat Quilling zu Corona-Maßnahmen: Nicht übertrieben

In dieser Sondersituation musste Vorsorge klar vor Wirtschaftlichkeit gehen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Situation bisher so gut gemeistert hätten, wenn wir nicht in allen Bereichen – und vor allem auch in den Krankenhäusern – die Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hätten. Hoffen wir, dass die Krankenhäuser auch in Zukunft nicht an die Kapazitätsgrenze stoßen, denn das Virus ist noch lange nicht besiegt. Die gefühlt entspannte Situation darf uns nicht in trügerischer Sicherheit wiegen.

Hätten Sie im Nachhinein betrachtet etwas anders gemacht bei der Corona-Politik? Beziehungsweise gibt es Kritik oder Anregungen zu den bisher getroffenen Regelungen von Land und Bund?

Da in Deutschland die Corona-Pandemie bislang bei Weitem nicht die dramatischen Auswirkungen hat wie in anderen europäischen Ländern oder gar in den USA, waren die Entscheidungen offensichtlich nicht so verkehrt. Es wäre ein falscher Schluss, zu glauben, weil die Fallzahlen in Deutschland geringer waren, seien die Vorsichtsmaßnahmen, Verbote und Gebote übertrieben. 

Der frühzeitige Shutdown hat uns vor Schlimmerem bewahrt. Für diese weltweite Pandemie gab es keine vorbereitete Handlungsanweisung, an die man sich lehrbuchmäßig hätte halten können. Eine Betrachtung aus der Retrospektive wäre sehr vermessen. Natürlich merkt man in der Praxis, dass Verordnungen und Organisationsabläufe angepasst werden müssen. 

Landrat sieht Klinik im Kreis Offenbach als „Hidden Champion“ im Kampf gegen das Coronavirus

Das wird auch weiterhin in der sich verändernden Lage nötig sein. Im Grunde hat die Ministerialverwaltung gerade, was das Umsetzen von Verordnungen anbelangt, innerhalb weniger Tage das geleistet, was üblicherweise in Wochen oder gar Monaten entsteht. Natürlich kann da nicht alles auf Anhieb perfekt sein.

Wie beurteilen Sie die neuen Vorschriften?

Die neuen Vorschriften zeigen den Leitgedanken: Mehr Verantwortung im Umgang mit der Krise für den Einzelnen, weniger konkrete Verbote und mehr Normalität. Das erfordert aber nach wie vor hohe Disziplin von uns allen im Hinblick auf Hygieneregeln und Abstand im Umgang miteinander. Auch an dieser Stelle gilt: Wir dürfen nicht glauben, dass die Ansteckungsgefahr schon beseitigt ist.

Gab es bisher im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie kreisspezifische Besonderheiten?

Mit der Asklepios Klinik Langen verfügen wir über ein sogenanntes Level-1-Krankenhaus, das für die Behandlung von Covid-19-Patienten, die auf eine besonders anspruchsvolle künstliche Beatmung angewiesen sind, spezialisiert ist. 

Corona-„Alarmwert“ für verschärfte Maßnahmen wären in Offenbach eine neue Dimension

Im vom Land Hessen definierten Versorgungsgebiet vier – also Frankfurt, Main-Kinzig, Hochtaunus, Main-Taunus sowie Stadt und Kreis Offenbach – hat das verhältnismäßig kleine Krankenhaus mit die meisten Patienten versorgt. Eine Vielzahl von Patienten kam bislang gar nicht aus dem Kreisgebiet. Der Klinikstandort Langen ist ein „Hidden Champion“.

Was kann der Kreis für den weiteren Umgang mit Corona und für künftige Pandemien, aber auch generell in Bezug auf die allgemeine Gesundheitsversorgung, aus der Corona-Pandemie lernen?

Künftige Pandemien sind für mich noch gar nicht das Thema. Wir sind noch mitten in der aktuellen Corona-Pandemie. Die Bundeskonferenz hat einen neuen „Alarmwert“ definiert: 50 Neuinfizierte pro 100. 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. 

Das wären bei uns im Kreis Offenbach 175 neue Fälle pro Woche. Der höchste Wert waren bislang 103 neue Fälle pro Woche. Aktuell liegen wir bei rund der Hälfte. 175 neue Fälle pro Woche wären eine Dimension, die wir in dieser Größe bislang noch nicht kennen. Diese Fallzahl bringt uns an die Grenze dessen, was derzeit leistbar wäre. Deshalb machen wir uns jetzt schon Gedanken, wie wir diese Situation stemmen könnten. Corona ist noch lange nicht vorbei!

Das Gespräch führte  Niels Britsch

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