Kümmern um Probleme von Südosteuropäern

Viele prekäre Arbeitsverhältnisse

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Dagmar Dörner und Ivan Ivanov vor den Hochhäusern in der Robert-Koch-Straße.

Dietzenbach - Dagmar Dörner kümmert sich in der Kreisstadt um die Probleme von Menschen aus Südosteuropa. Unterstützung bekommt sie von Ivan Ivanov vom Projekt „Faire Mobilität.“ Von Ronny Paul 

Per SMS kündigt der Arbeitgeber Milena Dimitrova (Name geändert). Die Firma, die Spielhallen betreibt, hat die Mutter eines sechsjährigen Kindes ausgenutzt – einen schriftlichen Arbeitsvertrag gibt es nicht. Als sie Hartz IV beantragen will, ist das der Knackpunkt: Die Pro Arbeit benötigt einen Kündigungsbeleg, den ihr der Arbeitgeber aber nicht ausstellen will. Die Bulgarin lebt seit etwa eineinhalb Jahren in der Kreisstadt, Deutsch spricht sie nur gebrochen, schildert Diplom-Pädagogin Dagmar Dörner, die bei der Stadt für die Informationsstelle Südosteuropa arbeitet.

Dörner beschäftigt sich seit 2013 mit Südosteuropäern und deren Problemen. Der Fall Dimitrova kommt ans Licht, als die Kitaleitung Rückstände beim Eigenbetrag fürs Essen ihres Kindes meldet. Dörner nimmt Kontakt auf und entdeckt einen Problemkomplex. Als Dimitrova im Krankenhaus behandelt wird, kommt zutage, dass sie keinen Versicherungsschutz besitzt. Es offenbaren sich zudem Rückstände bei Vermieter und Stromversorger, aus denen eine fristlose Kündigung und die Sperrung der Stromversorgung resultieren. Nachdem Dörner Gespräche mithilfe eines Dolmetschers führt, kann sie helfen, nimmt Kontakt zur Versicherung auf, die wiederum die Abmeldung des Arbeitgebers der Pro Arbeit bestätigen kann.

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Nur ein Beispielfall aus Dörners täglicher Arbeit. Unterstützung bekommt sie von Ivan Ivanov, der im Auftrag des DGB für das Bundesprojekt „Faire Mobilität“ in Frankfurt arbeitet. Ballungsraum in der Kreisstadt sind die Hochhäuser an der Robert-Koch- und an der Messenhäuser Straße, die einen Bewohnerwandel erlebt haben. Früher wohnten dort vornehmlich türkische Bürger, heute überwiegend Südosteuropäer. Von rund 1430 in Dietzenbach gemeldeten Bulgaren und Rumänen leben dort immerhin 430 (30 Prozent). Die Dunkelziffer – Stichwort: Überbelegung – könnte höher sein.

Ivanov berichtet von Problemmustern: Viele sprechen wenig oder gar kein Deutsch und sind damit anfällig für die Abzocke von Arbeitgebern. Manche bekommen keinen oder nur einen Teil des Lohns, andere haben keine Arbeitsgenehmigung, wieder anderen wird von einem auf den anderen Tag gekündigt. „Wir wollen Wege aufzeigen, wie die Probleme mit Arbeitgebern zu lösen sind“, sagt Ivanov. Auch manche Bank mache sich fehlende Sprachkenntnisse und Unwissenheit zunutze: Dörner berichtet von einem Fall, in dem ein Südosteuropäer eigentlich nur ein Konto eröffnen wollte und sich einen Bausparvertrag und Riester-Rente hat aufschwatzen lassen. „Die Menschen kennen sich nicht aus und werden abgezockt“, bedauert Dörner, „dabei füllen viele Neubürger aus Südosteuropa die Rentenkasse“. Der Schlüssel zum Erfolg sei die Sprache, doch viele bekommen Arbeit und Sprachkurse nicht unter einen Hut, sagt Dörner.

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Der Ansatz von Dörner und Ivanov ist Hilfe zur Selbsthilfe. Dörner, die seit 1989 für die Stadt arbeitet und auch als Schuldnerberaterin im Beratungszentrum Mitte aktiv ist, steht in Themen des alltäglichen Lebens mit Rat zur Seite, etwa bei Finanzfragen, Wohnproblemen, Kita und Schule, Versicherung, Bildung, Beruf und Arbeit. Sie interveniert bei Krisen und Problemen und vermittelt bei Bedarf an andere Projekte und spezialisierte Beratungsstellen wie die Pro Arbeit oder das DGB-Projekt „Faire Mobilität“, für das Ivanov arbeitet. Der 28-Jährige geht davon aus, dass nur die wenigsten Hilfe aufsuchen – meist aus Scham, vermutet er. „Es landen bedauerlicherweise viele in prekären Arbeitsverhältnissen, bekommen meist keinen Mindestlohn.“

Dörner und Ivanov versuchen, mithilfe von Infoständen, etwa vor den Hochhäusern an der Robert-Koch-Straße, auf die Beratungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen. Auch der Wegweiser „Herzlich willkommen in Dietzenbach“ werde jedes Jahr aktualisiert, auch im Internet, sagt Dörner.

Informationsstelle Südosteuropa im Rathaus (Europaplatz 1), 06074/373319.

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