Vom Feld ins Supermarktregal

Die Dietzenbacher Montessori-Schule zieht eigenes Gemüse in der „Ackerdemie“

„Ackercoach“ Anja Edhofer pflanzt gemeinsam mit den Schülerinnen Hermine, Leyla und Malina Salat und Fenchel in den Acker ihrer Klasse.
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„Ackercoach“ Anja Edhofer pflanzt gemeinsam mit den Schülerinnen Hermine, Leyla und Malina Salat und Fenchel in den Acker ihrer Klasse.

Wie weit ist eigentlich der Weg einer Kartoffel, bis sie in einer Chipstüte landet? Diese Frage werden Kinder der Montessori-Schule bald beantworten können. Seit einigen Wochen stecken sie in den Vorbereitungen, die nötig sind, um eine „Ackerschule“ zu werden. Nun konnten die ersten Pflanzen in die vorbereiteten Felder der Klassen am Gustav-Heinemann-Ring einziehen.

Dietzenbach - Die Montessoris nehmen damit an dem Programm des Vereins „Ackerdemia“ aus Berlin teil. Während die zugeteilten „Ackercoaches“ den Lehrkräften bereits Workshops gegeben haben, haben die Schüler sich Wissen rund um die Feldarbeit im Unterricht angeeignet. „Wir haben etwas über Wurzeln und den Boden gelernt“, erzählt Malina, während sie einen zarten Fenchelspross aus dem Ziehtöpfchen löst. Mit Bedacht setzt sie ihn in den klumpigen Lehm. Ihre Mitschüler Leyla und Hermine sind derweil damit beschäftigt, den Boden zu lockern. „Das ist hier eine echte Herausforderung“, meint „Ackercoach“ Anja Edhofer, die verschiedene Lernorte im Rhein-Main-Gebiet betreut.

Für das Projekt wurden auf dem Gelände des Montessori Campus‘ vier Flächen angelegt, die jeweils in 13 Beete unterteilt sind – die Dietzenbacher Schule hat damit den größten Lernort der „Ackerdemie“ im Rhein-Main-Gebiet. In jeder Reihe finden andere Gemüsesorten ihren Platz. „Je nachdem, welche Sorten sich gut vertragen“, weiß Hausmeisterin Bianka Groß. Über die digitalen Unterlagen, die die „Ackerdemie“ teilnehmenden Schulen zu Verfügung stellt, hat sich die Ehrenamtliche in allerlei Agrarwissen eingelesen. „Neben den 13 vorgegebenen Beeten haben wir auch ein ‚Experimentierbeet‘ angelegt“, sagt Pädagogin Jasmin Holle, die für das Projekt zuständig ist. Zwischen den Gemüsesorten dürfen sich dort Erdbeeren und weitere Ideen entfalten. „Die Kinder haben da viele Einfälle.“

Nun, zur ersten Pflanzung, wird die Theorie in die Praxis umgesetzt. Viele kleine Hände bringen Sellerie, Gemüsezwiebeln, Kartoffeln und mehr in die Erde. Coronakonform im Klassenverband und mit genügend Abstand. Letzterer ist schließlich auch bei den Setzlingen wichtig, damit diese gut wachsen und Wurzeln schlagen können. „Diese lockern den Boden auf“, erläutert Edhofer den Kindern, die Schaufel und Harke kurz ruhen lassen. Im nächsten Jahr wandern die Pflanzen jeweils eine Reihe weiter. Die Projektbetreuerin der „Ackerdemia“ erläutert: „Dadurch kommen mehr Nährstoffe in den Boden und der Ertrag wird größer.“ Eine Geduldsprobe für die Montessoris.

Auch der Vorsitzende der Schule Marcel Jung kann das Ergebnis kaum abwarten: „Ich bin gespannt, wie es läuft – auf jeden Fall eine tolle Sache, dass wir mitmachen können.“ Die Schule hat sich um das Projekt beziehungsweise um dessen Sponsoring beworben – und schließlich die Zusage bekommen. „Trotzdem gibt es da manche ‚Probleme‘, die wir vorher nicht bedacht haben“, sagt der Vorsitzende und deutet lachend auf die zahlreichen Spaten, Rechen für die noch ein Schuppen angeschafft werden muss. Doch abseits eines fehlenden Gartenhäuschen findet Jung: „Es kommt Bewegung in unser Außengelände.“ Zuletzt wurde das „grüne Klassenzimmer“ eingeweiht.

Das „Ackerdemie“-Projekt ist in drei Etappen aufgeteilt: Erste Pflanzung, zweite Pflanzung und Nachsaat. „Diese werden jeweils von den Ackercoaches betreut“, beschreibt Holle. „Danach sind wir auf uns allein gestellt.“ Sie baut dabei auf die Erfahrung, die derzeit aktive Kinder künftig den jüngeren Klassen mitgeben können. „Es ist wichtig, dass die Schüler den bewussten Umgang mit Lebensmitteln lernen und wissen, woher das Gemüse im Supermarktregal eigentlich kommt“, so die Pädagogin. Von der Aussaat bis zum Marketing durchlaufen die Schüler die einzelnen Schritte der Lebensmittel, die sie selbst ziehen. Jung kündigt an: „Das Marketing ist eher etwas für ältere Klassenstufen, deswegen werden wir uns wahrscheinlich eher symbolisch an Dietzenbacher Läden für den einfachen Verkauf wenden.“

Doch bis dahin ist der Weg noch weit. Erst einmal wollen Salat, Kartoffeln und Co. reifen. Ganze 860 Pflänzchen haben die Montessorischüler in die Beete gepflanzt. „Es ist mir selbst ein Anliegen, dass die Kinder lernen, dass hinter Lebensmitteln wirklich Arbeit steckt“, meint Anja Edhofer. Ende Mai gesellen sich mit der zweiten Pflanzung Mais, Tomaten oder Gurken dazu. Im September folgen Feldsalat, Spinat und Konsorten. (Lisa Schmedemann)

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