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Die Dietzenbacherin Erika Teufel erzählt von ihrer Flucht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs

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Auf der Flucht: Erika Teufel zeigt den 500 Kilometer langen Fluchtweg auf der Karte.
Auf der Flucht: Erika Teufel zeigt den 500 Kilometer langen Fluchtweg auf der Karte. © wittekopf

 Mit neun Jahren musste Erika Teufel ihre Heimat im damaligen Oberschlesien verlassen. Gegen Ende Des Zweiten Weltkriegs floh sie von Opplen im heutigen Polen bis ins Fichtelgebirge. Von ihren Erfahrung erzählt sie im Gemeindehaus der St. Martin Kirche.

Dietzenbach –  „Wir hatten eine liebvolle Kindheit“, erzählt Erika Teufel, die damals noch Narwara hieß und in Opplen im heutigen Polen aufgewachsen ist. „Es gab keine Autos und wir spielten Brennball oder Völkerball auf den Straßen“, fährt sie fort. Nur wenn die Sirenen aufheulten, mussten sie die Schutzräume aufsuchen. Doch als sich zu Beginn des Jahres 1945 die Lage immer weiter zu spitzte, beschloss ihr Vater, der als Beamter über die Lage in Schlesien gut informiert war, dass es an der Zeit war, die Familie in Sicherheit zu bringen. „So entschieden meine Eltern, dass meine Schwester, meine Mutter und ich zu meinen Großeltern nach Groß Wierau (Polen) fahren sollten.“ Sie erinnere sich noch an die vielen Menschen, die auf dem Bahnhof waren und ebenso fliehen mussten.

Die Zeit in Groß Wierau war kurz. Nach nur vier Wochen flüchtete die Familie vor der russischen Armee. „Ich erinnere mich noch, dass wir das Geschirr und Wäsche in Kisten packten und auf dem Hof meiner Großeltern vergruben, denn alle hofften, dass sie bald wieder heimkehren konnten.“ Zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen zog die Familie los. „Es war eine endlose Kolonne mit vielen Pferdewagen, einige Menschen mussten laufen“, berichtet Erika Teufel.

Soldaten werden vor den Augen von Erika Teufel erschossen

Auf ihrem Weg nach Pilsen durchquerte ihre Familie das damalige Sudetenland. Sie übernachteten in Tanzsälen oder fanden auf Bauernhöfen Unterschlupf. Das Rote Kreuz versorgte sie mit trockenem Brot und dunkler Marmelade. „Wir erhielten täglich Kohletabletten, aber viele Menschen wurden krank und starben“, schildert Teufel. Inzwischen hatten sie und ihre Familie mehr als 300 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, die Füße waren wund und die Schuhe durchgelaufen. Viele litten an Krätze und waren verlaust. Auch mussten sie immer wieder um ihr Leben bangen, wenn sie die Tiefflieger einholten. „Dann mussten wir uns natürlich schnell verstecken“, sagt Teufel. In Rakovnik verunglückte der Großvater schwer und erlag seinen Verletzungen, wie die Familie später erfährt.

Ende April machten die Geflüchteten kurz vor Pilsen halt, denn hier wollten sie auf das nahende Ende des Krieges warten. Doch durchatmen konnten sie nicht. Bei einem Großangriff auf das dortige Skoda-Werk verstarb Erika Teufels Großmutter. Und auch im Mai sollte sich die Lage noch weiter verschlimmern. „Nun bekamen wir kein Essen mehr und alle Flüchtlinge wurden auf einen Hof getrieben“, erzählt Teufel. „Ich erinnere mich noch an Lastwagen voller gefangener deutscher Soldaten die ankamen.“, so Teufel weiter. Vor ihren Augen wurden die Männer erschossen. Zudem kursierte das Gerücht, dass die Geflüchteten ebenso beseitigt werden sollen. Doch kurz vor dem Grenzübergang nach Bayern, wurden sie von amerikanischen Soldaten empfangen, die sie ins Fichtelgebirge geleiteten. Der Empfang dort war, wie Teufel schildert, nicht sehr herzlich. „Wir waren verdreckt und verlaust“, erinnert sie sich. Später dann fand ihr Vater in Frankfurt Arbeit. Hier traf Erika Teufel einige Zeit darauf ihren Mann und zog schließlich nach Dietzenbach. (Von Burghard Wittekopf)

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