Gericht

32-Jähriger wegen Raubes und Körperverletzung verurteilt

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Rechtsanwalt Fatih Kantekin hatte für seinen Mandanten auf Freispruch plädiert. 

Mann wegen Raubes und Körperverletzung verurteilt. Er soll einen Mann im Gewerbegebiet wegen eines Handys übel malträtiert haben.

Dietzenbach – Staatsanwalt und Verteidigung hatten auf Freispruch plädiert, doch das Schöffengericht in Offenbach verurteilte einen 32-Jährigen wegen Raub und Körperverletzung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Der Hauptzeuge hatte keine Zweifel, den Angeklagten zu erkennen.

Der Geschädigte erzählt, wie er sich am 29. August 2018 gegen vier Uhr morgens in der Aral-Tankstelle an der Elisabeth-Selbert-Straße derart mit seiner Freundin stritt, dass er deren Auto verließ und wegging. Schließlich habe er sich auf die Erde gesetzt, bis er merkte, dass fünfzig Meter weiter zwei Männer aufstanden und sich ihm näherten. In dem Moment habe er vermutet, die beiden wollten nachfragen, was los sei. „Darauf hatte ich jedoch keine Lust“, erklärt der 34-Jährige, warum er eilig weiter ging. Die Männer hätten ihn aber eingeholt und erst höflich nach einer Zigarette gefragt. Der Wortführer habe sein Smartphone gesehen und nachgefragt, ob es sich um ein „Samsung S9“ handele. Als er bejahte, habe sich dessen Ton abrupt gewandelt. Der Geschädigte imitiert eine bellende Phonetik: „Handy her!“ Auf einem Feldweg sei er gestolpert. Immer wieder habe er „Handy her!“ gehört. Auf dem Boden liegend habe er Tritte gegen den Oberkörper sowie Ohrfeigen bekommen, „auch noch, als ich das Handy nicht mehr hatte“.

Beim ersten Blick in die Bildergalerie der Polizei sei er sich beim Konterfei des Angeklagten „nur zu 98 Prozent“ sicher gewesen, habe wegen der Restzweifel aber niemanden anschwärzen wollen. Das geraubte Mobilgerät fand sich über Funksignale in einem Laden für gebrauchte Handys im Rhein-Main-Gebiet, der dem Angeklagten gehört. Was der Geschädigte außerdem aussagt, bestätigt ein Polizist.

Der Mann hatte schließlich beim zweiten Blick in die Kartei den Ladenbesitzer identifiziert. Dem Ermittler sagte er, „wenn ich die Stimme höre, weiß ich garantiert, ob er das ist“. Die Polizei rief zur weiteren Klärung des Sachverhalts im Geschäft an und stellte auf laut. Bei der Person, die abnahm, habe er ein Zeichen gegeben: „Das ist er nicht.“ Dann habe sich der Angeklagte „mit dem gleichen coolen Akzent“ wie beim Überfall gemeldet, „ich habe angefangen, zu schwitzen“. Er sei sich am Telefon genauso wie aktuell absolut sicher gewesen, dass es sich beim Angeklagten um den Haupttäter handele.

Auch Rechtsanwalt Fatih Kantekin zweifelt nicht, dass der Geschädigte tatsächlich denkt, den Richtigen identifiziert zu haben. Der Verteidiger zielt darauf, dass er ihn mit jemandem verwechsle, der ebenfalls dem polizeilich vermerkten „nordafrikanischen Phänotyp“ entspreche. Kantekin erwähnt die damalige Größenangabe. Sein Mandant sei rund zehn Zentimeter kleiner als die 1,80 bis 1,85 Meter. Die Differenz erklärt der Zeuge mit der Stufe vom Bürgersteig zur Straße, „außerdem war ich in Panik“.

Kantekin spricht die fehlende „Nase mit kleinem Höcker“ an. Eine Narbe oder zusammengewachsene Brauen finde sich ebenso wenig um die Augenpartie „wie eine rasierte Oberlippe, die er als Bartträger nie hatte“. Sein Mandant agiere seit über zehn Jahren im Handygeschäft, „so dumm, ein selbst geraubtes Handy privat zu nutzen, wäre er nicht“.

Beim Ankauf gesetzlich vorgeschriebene Dokumente wie eine Kopie des Personalausweises kann der Angeklagte nicht vorlegen, auch nicht die Quittung, die bei der Polizeivernehmung angeblich beim Steuerberater gelegen haben soll. In die Polizeikartei kam der Mann durch Delikte in der Jugend. Im vergangenen Jahr verurteilte ihn ein Gericht wegen Versicherungsbetrugs zu einer Geldstrafe.

Staatsanwalt Dirk Schillhahn plädiert wegen der Widersprüche zum Erscheinungsbild bei der Identifikation auf Freispruch, „im Zweifel für den Angeklagten“. Außerdem vermutet auch er, so leichtsinnig verhalte sich keiner, der sich in dem Metier auskenne.

Richter Manfred Beck und die beiden Schöffen sehen das anders. Der Angeklagte habe gedacht, „mir passiert wie immer nichts“. Mehrfach habe die Polizei wegen Körperverletzung ergebnislos gegen ihn ermittelt. Die Zeugenaussage in Kombination mit den fehlenden Belegen lasse keinen Zweifel.

Der Angeklagte dürfte gegen die Haft auf Bewährung von zwei Jahren und die Zahlung von 3000 Euro an die „Hanauer Hilfe für Opfer und Zeugen“ Berufung einlegen.

VON STEFAN MANGOLD

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