Ein Stück Verantwortung

87-jährige Gisela Löhr sorgt am Platz der Republik für Ordnung

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Jeden Samstag beseitigt Gisela Löhr, was andere unweit des Bahnhofs achtlos wegwerfen.

Dietzenbach – Das Bild zu Neujahr besteht häufig aus aufgeweichten Böllerteilen, Plastikkappen und Raketenstöcken, die in den Straßen liegen. Doch nicht nur zum Jahreswechsel werfen Menschen achtlos Müll in ihre Umgebung. Von Lisa Schmedemann

Gerade wenn man es eilig hat und schnell in die Bahn hüpfen will, vergessen manche ihr Umweltbewusstsein. Dass der Platz der Republik trotzdem ordentlich aussieht, haben die Dietzenbacher einer Anwohnerin der Grünanlage zu verdanken: Seit mehr als 35 Jahren sorgt Gisela Löhr zwischen Hügelstraße und Bahnhof für Ordnung.

„Man kann nicht die ganze Arbeit auf die Stadt abschieben“, findet die 87-Jährige. Jeden Samstag geht sie vor ihre Haustür und beseitigt den Dreck. „Wer hier wohnt, trägt auch ein Stück Verantwortung.“ Die Übeltäter werden gerügt, ehe der fallen gelassene Kaffeebecher den Erdboden berührt. „Viele sind dann einsichtig und heben ihren Dreck wieder auf“, berichtet Löhr. Solange sie sich bücken kann, werde sie „ihren“ Platz der Republik sauber halten. Sie schätzt die Nachbarschaft rund um den „aale See“, wie das Gebiet früher hieß. „Wir sind hier eine Gemeinschaft und im Sommer sitzen wir gemeinsam draußen auf den Bänken“, erzählt die Rentnerin. Und wenn es darauf ankommt, vereinigen sie sich: „Als 2001 die S-Bahn gekommen ist, wollten sie unsere Anlage durch einen Parkplatz ersetzen.“ Löhr schimpfe auch mal, wenn es sein muss. Manchem mag die Dame aus den Stadtverordnetenversammlungen bekannt sein, bei denen sie nach eigener Aussage oft in der Opposition stehe.

Ansonsten gibt sie sich jedoch bescheiden und verzichtet auf ein Bild. „Nein, ich möchte mich nicht in den Vordergrund drängen“, sagt sie und lacht. „Man hört mich ja oft genug, da muss man mich nicht noch sehen.“

Dominik-Brunner-Platz eingeweiht

Löhr sieht sich in der Pflicht, ihren Wohnort auch sauber zu halten. „Man sagt ja: Daran sieht man, was für Leute hier wohnen.“ Und am Platz der Republik seien das ordentliche Menschen. „Mein Mann hat zu Lebzeiten immer den Rasen gemäht“, sagt Löhr. Das überlasse sie zwar mittlerweile der Stadt, doch um die Blumen kümmere sie sich nach wie vor. „Da hatte ich im Sommer ganz schön was zu tun, aber ich habe ja auch Zeit“, winkt sie ab. Während sie erzählt, schweift sie immer wieder ab. „Der Platz ist so schön, vor allem im Frühling, wenn alles blüht.“ Auf dem Tisch vor ihr liegt ein Umschlag, aus dem zwei Karten hervorlugen. „Die Stadt schickt mir als Dank Theaterkarten“, erklärt sie. Das laufe schon einige Jahre so. Dabei mache sie das doch gerne. „Ich liebe mein Dietzenbach mit all seinen Seiten.“ Wem es hier nicht gefällt, der solle gehen. „Mich interessiert, was hier passiert – und wenn es mir nicht gefällt, mache ich den Mund auf oder ändere es selbst.“

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