Nach Angriffen auf Einsatzkräfte

Spessartviertel in Dietzenbach: „Situation offensichtlich unterschätzt“

Die Hochäuser im Spessartviertel sind nach der Gewalteskalation von rund 50 Männern gegen Polizei und Feuerwehr Ende Mai unrühmlich in aller Munde. archivFoto: podiebrat
+
Die Hochäuser im Spessartviertel sind nach der Gewalteskalation von rund 50 Männern gegen Polizei und Feuerwehr Ende Mai unrühmlich in aller Munde.

Die Angriffe auf Feuerwehr und Polizei in Dietzenbach sollen politische Folgen haben. Es würden die Augen vor den Problemen verschlossen, so ein Vorwurf. 

  • Am 29. Mai wurden in Dietzenbach (Kreis Offenbach) Polizei und Feuerwehr in einen Hinterhalt gelockt
  • Die Angriffe geschahen im Spessartviertel, das einst für seine sozialen Probleme bekannt war
  • Die politische Debatte um das mutmaßliche Problemviertel entbrennt nun erneut 

Dietzenbach – Spätestens seit den unfassbaren Angriffen auf Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr am 29. Mai ist das Spessartviertel in Dietzenbach wieder unrühmlich in aller Munde, nachdem sich das Quartier um die fünf Hochhäuser, in denen rund 3200 Menschen leben, in den vergangenen Jahren scheinbar beruhigt hatte. Für die DL/FW-UDS-Fraktion ist das keine hinnehmbare Situation. Sie fordert in einem Antrag für die kommende Stadtverordnetenversammlung am Freitag, 26. Juni, den Magistrat auf, „die Voraussetzungen für eine umfassende Behandlung des Themenkomplexes ,Rosenpark’ durch die Stadtverordneten zu schaffen“. 

Spessartviertel in Dietzenbach: „Es passiert nichts“

Darunter stellt sich Fraktionschef Jens Hinrichsen vor, dass den Dietzenbacher Stadtverordneten einerseits alle aktuellen Informationen zu relevanten straf- und privatrechtlichen, finanziellen sowie sozialpolitischen Aspekten bereitstelle. Andererseits findet Hinrichsen, sollte sich dringend ein interfraktioneller Arbeitskreis Rosenpark gründen, „um für die notwendigen Entscheidungen einen breiten Konsens zu erreichen“. Offensichtlich sei die Situation in dem Quartier unterschätzt worden. 

Die Fraktion ist der Meinung, „es passiert nichts“, auch Dietzenbachs Bürgermeister Jürgen Rogg habe keine Aktivitäten bezüglich des Problemfeldes gezeigt. „Ich vermisse die Besinnung, dass dort mehr gemacht werden müsste“, meint Hinrichsen. Die Probleme seien vielschichtig, er nennt die hinterhältigen Krawalle, das umfängliche Bunkern von Hehlerware, die jahrelangen gerichtlichen und staatsanwaltlichen Verzögerungen und die liquiditätsbedrohenden Inkassoprobleme für die Stadtwerke und Städtische Betriebe. 

Nach Angriffen in Dietzenbach: Spessartviertel hat viele Probleme

Auch nennt er die hohe Fluktuation in dem Quartier, Überbelegung von Wohnungen und den hohen Anteil bildungsferner und sozialschwacher Einwohner. Das Hauptproblem sieht Hinrichsen allerdings in der Hausverwaltung. „Alle wissen, dass dort eine Riesensauerei passiert, aber keiner macht was. “ Er meint: „Wenn mögliche Strafverfahren gegen die Rosenparkverwaltung nach fünf Jahren polizeilicher Ermittlungen noch immer nicht zur Einleitung eines Strafverfahrens geführt haben, dann festigt dies nicht das Vertrauen der Einwohner in die deutsche Justiz. “ Seine Traumvorstellung sei ein Arbeitskreis, in dem alle Beteiligten – von Vertretern der Stadtverwaltung, über Stadtverordnete, Polizei, Eigentümern und Mietern – sich austauschen, Lösungen finden und die Probleme gemeinsam angehen.

Einige werden denken: Das gab es doch schon einmal. In der Tat. Einen Zusammenschluss, der ein friedliches Zusammenleben der Dietzenbacher Bürger fördern und begleiten sollte, gab es viele Jahre lang. Im Januar 1993 bereits gründete der damalige Stadtverordnetenvorsteher Gottfried Kuzelka (SPD) den „Runden Tisch für ein humanes Miteinander“ und lud zum ersten Mal örtliche Politiker, Vertreter aus Vereinen, Schulen und Kirchengemeinden sowie von Feuerwehr und Polizei zum gemeinsamen Gespräch. Anlass waren die damaligen Brandanschläge und Überfälle auf Flüchtlingsheime, Asylbewerber und Obdachlose. Ziel der Runde sollte ein gemeinsamer Blick auf die Situation vor Ort sein, um bei Bedarf Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, damit, wie es hieß, „die deutsche und ausländische Bevölkerung gleichberechtigt, angstfrei und friedlich miteinander leben kann“. Dabei erhielt der Runde Tisch für seine Arbeit durchaus ein gewisses Gewicht: Angesiedelt wurde das Projekt in der Verantwortung des jeweiligen Stadtverordnetenvorstehers.

Dietzenbach: Angriffe im Spessartviertel sollen politische Folgen haben

Intensiv widmete sich später vor allem Peter Gussmann (SPD) als Erster Bürger der Stadt den Zusammenkünften. Auch seine Nachfolgerin Kornelia Butterweck (CDU) setzte während ihrer gesamten Amtszeit auf den gemeinsamen Austausch und die Projekte, die sich daraus entwickelten. „Wir haben nicht nur geredet, sondern viele Maßnahmen ins Leben gerufen, unter anderem ist die Tafel aus den Treffen hervorgegangen“, erinnert sie sich. Konsequent seien auch Polizei und Feuerwehr immer eingebunden gewesen. „Wir haben uns oft im Spessartviertel getroffen und die Situation dort wahrgenommen.“

Christel Germer (CDU), Stadtverordnetenvorsteherin seit vier Jahren, setzt dagegen von Beginn ihrer Amtszeit an auf Alternativen und neue Konzepte, die sich mit der Zeit in der Stadt ergeben hatten. „Wir haben beispielsweise das Integrationskonzept mit all seinen Arbeitsgruppen erarbeitet, auf dessen Grundlage man all die Fragen um das Miteinander viel besser angehen kann.“ Den Runden Tisch einzuberufen sei entsprechend nicht mehr notwendig gewesen. In zeitgemäßen Projekten investiere die Stadt intensiv in das Miteinander, gerade im Bereich der Jugendarbeit. Nach wie vor wichtig sei aber immer die Bereitschaft, gemäß der aktuellen Situation zu arbeiten. „Wenn Bedarf ist, können wir auch den Runden Tisch jederzeit wieder einberufen“, sagt die Stadtverordnetenvorsteherin.

Diesen Bedarf hat zumindest die DL/FW-UDS-Fraktion nun angemeldet.

Von Ronny Paul und Barbara Scholze

Gewalt in Dietzenbach: Die Justiz duldet im Spessartviertel einen rechtsfreien Raum, schreibt OP-Redakteur Ronny Paul in seinem Kommentar zu den Angriffen. 

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare