„Perversion einer Spielstraße“

Anwohner beklagen Raser nahe Hessentagspark

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Die Einfahrt in die Adolph-Kolping-Straße ist laut Anwohnern eine Gefahrenstelle

Dietzenbach - Die Adolph-Kolping-Straße ist eine ausgewiesene Spielstraße in der maximal sieben Stundenkilometer gefahren werden dürfen. Daran halten sich laut Anwohnern die wenigsten. Von Ronny Paul 

Die Stadtpolizei indes, geht Bürgerbeschwerden nach und hat 2017 23.000 Geschwindigkeitsüberschreitungen in Dietzenbach festgestellt. Das Wohngebiet westlich des Gustav-Heinemann-Rings (Baugebiet 70) erwacht immer mehr zum Leben, der Montessori-Campus floriert, Bagger werkeln gegenüber des Rathauses: Dementsprechend nimmt der Verkehr in Steinberg zu. Und der Unmut einiger Bürger ebenso. Ordnungsamtschef Markus Hockling berichtet, ihn erreichen häufig Beschwerden von Anwohnern „Am Stadtpark“, der Ringelnatzstraße und der Adolph-Kolping-Straße. Eben jene Zuwege, die auch Richtung Montessori-Campus, Helen-Keller- und Heinrich-Mann-Schule führen.

An der Adolph-Kolping-Straße, so schildert es ein Anwohner, sei es besonders schlimm: „Die brettern hier einfach durch, den ganzen Tag lang, das kann nicht wahr sein.“ Die verkehrsberuhigte Straße, die vom DRK-Seniorenzentrum bis an den Thomas-Mann-Ring reicht, nutzen etliche Verkehrsteilnehmer als Abkürzung in oder aus den Wohngebieten. Dass in der Spielstraße nur sieben Kilometer pro Stunde erlaubt sind, kümmert wohl die wenigsten. Und das, obwohl dort am Anne-Frank-Platz viele Familien mit Kindern wohnen. „Ich habe den Eindruck, die Menschen wissen nicht, was ,Spielstraße’ bedeutet“, ärgert sich Dietmar Quiring, der mit seiner Frau seit März in Sichtweite des neu geschaffenen Platzes wohnt. Neulich beim Gartenfest seien die Raser ein viel diskutiertes Thema gewesen. Besonders kritisch sieht Quiring die Situation an der Einmündung Thomas-Mann-Ring in die Kolping-Straße: Auf der einen Seite – zum Anne-Frank-Platz hin – gibt es Einhausungen für fünf Container. Auf der gegenüberliegenden Seite parken Autos. Eine kritische und unübersichtliche Stelle für spielende Kinder, findet Quiring, der schildert, vor allem Transporter rasen dort oft durch. Er bringt die Idee ins Spiel, die Kolping-Straße in der Mitte – auf Höhe der Tiefgarageneinfahrten – abzusperren und somit den Durchgangsverkehr komplett zu unterbinden. Allerdings weist Hockling auf Nachfrage darauf hin, dass dort vor Jahren eine Einbahnstraßenregelung aufgrund Anwohnerbeschwerden erst aufgehoben wurde, Parken gegenüber der Containereinhausungen sei jedoch nicht gestattet.

Grundsätzlich kontrolliere die Stadtpolizei routinemäßig vor Grundschulen und Kindertagesstätten und an den entsprechenden Hotspots, sagt Ordnungsamtschef Hockling. Generell gehe die Stadtpolizei Bürgerbeschwerden immer unter s 06074 373333 oder per Mail an dglstadtpolizei@dietzenbach.de nach, betont der Ordnungsamtschef. An der Kolping-Straße haben sich seine Mitarbeiter Anfang August, zwischen 7.15 und 10.30 Uhr mit einem mobilen Blitzer postiert und kontrolliert. Die Bilanz: zehn Geschwindigkeitsüberschreitungen. Bei einer morgendlichen Kontrolle im Juli seien es in dreieinhalb Stunden 14 Fahrzeuge gewesen. „Das ist überschaubar“, urteilt Hockling. „Am Stadtpark“ waren es bei der letzten Kontrolle 23 Verkehrssünder in zwei Stunden. Da gebe es andere „Hotspots“ in der Kreisstadt. So tappen an der Straße „Am Rathausplatz“ im Schnitt 50 Sünder pro Stunde in die Radarfalle. Oder an der Idsteiner Straße waren es in sechs Stunden mehr als 120 Autos, berichtet er.

Insgesamt hat die Stadtpolizei im vergangenen Jahr mit einer mobilen Messanlage – seit Ende Dezember gibt es eine zweite – rund 17.000 Verstöße festgestellt, weitere 6 000 bei den neun festen Blitzern im Stadtgebiet, für die die Stadtpolizei drei Einschübe zur Verfügung hat, die sowohl Geschwindigkeitsübertretungen als auch Überfahren von roten Ampeln festhalten können.

An neun Stellen in der Kreisstadt stehen feste Blitzer, die die Stadtpolizei die je nach Bedarf mittels drei zur Verfügung stehenden Einschüben aktivieren kann.

Die gröbsten Verstöße stellt die Stadtpolizei häufig nicht innerorts, sondern auf den Zubringerstraßen – etwa der L 3001 Richtung Offenthal oder B 459 Richtung Waldacker – fest. Den unrühmlichen „Spitzenwert“ hat ein Pkw-Fahrer im vergangenen Jahr auf Höhe des Globus-Marktes aufgestellt, als er bei erlaubten 50 Stundenkilometern mit mehr als 130 Sachen gerast ist, informiert Hockling, der nicht müde wird, auf Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung hinzuweisen: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht – im ruhenden wie fließenden Verkehr“, betont er. Das, was die Anwohner der Kolping-Straße erwarten. „Die Durchraserei ist eine Katastrophe, wir haben die Wohnung nicht für viel Geld gekauft, um an einer Rennstrecke zu wohnen“, sagt Quiring. „Dass die Straße Spielstraße genannt wird, ist ein Witz.“ Auch die Container machen den Anwohnern zu schaffen: Zum Ausleeren parken viele mit laufendem Motor und schmeißen ihr Leergut in den Glascontainer. „Das ist laut, die Stadt macht aber nichts. Schilder, wann geleert werden darf, hängen nicht an den Containern.“ Quiring überlegt, einen Anwalt hinzuzuziehen: „Das ist eine Perversion einer Spielstraße. Ich bin seit 25 Jahren in Dietzenbach, das kenne ich sonst nirgendwo in der Stadt.“

Kuriose Blitzer-Bilder: Die verrücktesten Radarfotos

Auch Möglichkeiten zum Verweilen auf dem noch nicht sonderlich frequentierten Anne-Frank-Platz, etwa Boule-Gelegenheiten oder ein Schachbrett, die sich manch Anwohner dort wünscht, erteilt der Fachbereich „Bau- & Immobilienmanagement“ eine Absage: „Es war zu keinem Zeitpunkt angedacht, auf dem betreffenden Platz auch Spielflächen anzubieten. Dies hat den Hintergrund, dass sich manche Einwohner zwar wünschen, sie könnten dort Boule oder Schach spielen, andere Personen fühlen sich jedoch durch solche Angebote wiederum gestört.“

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