Reichsprogromnacht

Aus dem Leben gerissen: Initiative erinnert an Dietzenbacher Opfer der Nazis

Die Erinnerung wach halten: Artus Rosenbusch (rechts) erzählt von dem Leid der Dietzenbacher Juden.
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Die Erinnerung wach halten: Artus Rosenbusch (rechts) erzählt von dem Leid der Dietzenbacher Juden.

Die Initiative „Aktives Gedenken in Dietzenbach“ erinnert jedes Jahr am 9. November mit einem Rundgang durch die Altstadt an die Grauen der Novemberpogrome. So fanden sich Mitglieder sowie Gäste auch in diesem Jahr zusammen. Während der Tour machten sie an den acht im alten Ortskern verlegten „Stolpersteinen“ halt, säuberten diese und gedachten der Menschen, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

Dietzenbach –Eingelassen sind die Steine überall dort, wo die einstigen Dietzenbacher lebten. In der damals noch beschaulichen Gemeinde wohnten zahlreiche jüdische Mitbürger. Sie waren geachtet, sangen in Chören und engagierten sich ehrenamtlich in den zahlreichen Vereinen.

So beginnt die Tour, die von den beiden Mitgliedern der Initiative, Horst Schäfer und Artus Rosenbusch, geleitet wurde, am Tegut in der Babenhäuser Straße. Direkt vor dem Eingang zum Supermarkt befindet sich der Stolperstein von Elisabethe Ebert. Die im Jahr 1882 geborene Dietzenbacherin war eines von vielen Euthanasieopfer des Naziregimes. Sie wurde aufgrund ihres „minderwertigen Lebens“ in die Heilanstalt Weilmünster deportiert. Dort ermordete man sie vermutlich am 20. Oktober 1941.

Die jüdische Familie Hermann und Emma Wolf lebte hingegen an der Ecke Bahnhofstraße 71/Wilhelm-Leuschner-Straße. Ihr Haus war zugleich das ehemalige Gebetshaus. An dieser Stelle erfuhren die Teilnehmenden der Tour, welches Leid die beiden Eheleute und ihre sechs Kinder erleben mussten.

In dem Haus „Am Platz der Republik 4“ wohnte Philipp Wurm, der im Alter von nur 22 Jahren im Zuchthaus Dieburg verstarb. Auch der für ihn eingelassene Stolperstein wurde gereinigt, und die Teilnehmer des Altstadt-Rundgangs erfuhren, welchen Qualen Wurm während des nationalsozialistischen Regimes ausgesetzt war.

Josef und Johannette Ostermann waren die beiden letzten in Dietzenbach lebenden Juden. Sie wohnten in der Rathenaustraße. Später allerdings zogen sie nach Frankfurt. Von dort deportierte man das Paar, das im Jahr 1942 vermutlich in Sobibor verstarb.

Rosenbusch säubert die Stolpersteine der Familie Wolf.

Neben den acht Stolpersteinen in der Altstadt sind in Dietzenbach noch 15 weitere von dem Künstler Gunter Demnig erschaffene Gedenktafeln im Boden zu finden. Aufgrund der Kälte entschied sich Horst Schäfer, die Tour nach 90 Minuten in der Rathenaustraße zu beenden. Dabei erhielten er und Artus Rosenbusch kräftigen Applaus für ihre Vorträge. „Unglaublich beeindruckend“ sagte der neu gewählte Erste Stadtrat René Bacher. Für Freiheit und Würde jedes Einzelnen einzutreten, sei die Aufgabe der ganzen Gesellschaft und aller dazugehörigen Gruppen. Auch Ute Zanger war von dem Rundgang begeistert: „Ich habe die Tour schon einige Male mitgemacht, aber immer ist etwas Neues dabei.“

Doch damit war die Veranstaltung nicht zu Ende. Völlig unerwartet stießen vier Jugendliche, die zufälligerweise den Rundgang entdeckt hatten, zu der Gruppe. Sie erkundigten sich nach dem Anlass und Horst Schäfer erklärte ihnen, dass es sich um eine Gedenkveranstaltung im Rahmen der Novemberpogrome handele. Daraufhin entstand eine Diskussion zwischen den jungen Leuten und den Besuchern des Rundgangs. „Wir waren schon mal im Jüdischen Museum“, sagte der Heinrich-Mann-Schüler Danial. Dabei hätten er und seine Mitschüler viel zum Thema erfahren. Seine Schulkameraden Burak und Christian pflichteten ihm bei. „Haben sie vielleicht Flyer?“, fragte Celine, die ebenfalls die Heinrich-Mann-Schule besucht. „Dann könnten wir Werbung in unserer Schule für die Veranstaltung machen“, fuhr sie fort. Das Interesse der Jugendlichen erfreute Schäfer: „Es ist sehr schön zu sehen, dass sich auch Schüler für dieses schwierige Thema interessieren.“ Schließlich hätten sie eher selten junge Zuschauer.

In seinem Buch „... und tilg nicht unser Angedenken“, das auch den Dietzenbacher Schulen zur Verfügung steht, hat Horst Schäfer die Geschichte und die Biografien der Dietzenbacher Juden aufgearbeitet. Geschlossen wurden damit erstmalig große Wissenslücken über die NS-Opfer, aber auch über die Täter. (Von Burghard Wittekopf)

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