Kreisbeigeordneter Carsten Müller stellt Sozialstrukturatlas vor

Dietzenbach belegt traurige Spitzenposition

Politiker sind sich einig: In Dietzenbach gibt es etwa mit dem Bildungshaus und dem Boxprojekt bereits gute Ansätze in der Jugendarbeit.
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Politiker sind sich einig: In Dietzenbach gibt es etwa mit dem Bildungshaus und dem Boxprojekt bereits gute Ansätze in der Jugendarbeit.

Zahlen, die es in sich haben, präsentierte der Sozialdezernent des Kreises Offenbach, Carsten Müller. In der Sitzung des Sozialausschusses stellte er den Sozialstrukturatlas 2020 der Kreisverwaltung vor. Dieser bezieht sich auf Zahlen aus dem Jahr 2019 und zeigt: Dietzenbach steht vor großen Herausforderungen.

Dietzenbach - Mit ihrem hohen Anteil an Familien mit drei und mehr Kindern, Arbeitslosen und Menschen mit Migrationshintergrund hat die Stadt den höchsten Bedarf an Prävention sowie Maßnahmen durch Pro Arbeit. „Die Zahlen sind im Kreis nirgends so hoch wie hier“, betonte Müller. So gibt es in Dietzenbach etwa einen Anteil von 61,1 Prozent an Familien, die drei oder mehr minderjährige Kinder haben. Im gesamten Kreis sind es 37,3 Prozent. Durch diese hohe Anzahl, so ist dem Sozialstrukturatlas zu entnehmen, besteht ein erhöhtes Risiko, dass die Bevölkerung auch auf finanzielle Unterstützung oder sozialpädagogische Leistungen angewiesen ist.

Darüber hinaus lebten zum Erhebungszeitpunkt 20,4 Prozent der Unter-Dreijährigen in Familien, die SGB II beziehen. Kreisweit waren es hingegen nur 13,3 Prozent. Neben den Eltern haben auch viele Jugendliche und junge Erwachsene Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. In der Altersgruppe von 15 bis einschließlich 24 Jahren sind 2,9 Prozent der Bürger arbeitslos. Zum Vergleich: Im gesamten Kreis sind 2,1 Prozent betroffen. Zudem sprechen die Zahlen auch in der Altersgruppe von 20 bis 64 Jahren für sich. Hier sind 5,2 Prozent der Dietzenbacher Einwohner ohne Arbeit und damit beinahe doppelt so viele wie im gesamten Ostkreis (3 Prozent), wie es im Sozialstrukturatlas heißt.

Dietzenbach belegt jedoch nicht allein in Sachen Arbeitslosigkeit eine traurige Spitzenposition, auch hinsichtlich der Altersarmut sind die Zahlen hoch. So beziehen 7,4 Prozent der Bürger, die 65 Jahre und älter sind, Grundsicherung, das sind damit doppelt so viele wie im gesamten Kreis. Ein Blick auf die Bevölkerungsstruktur zeigt allerdings, dass in Dietzenbach vergleichsweise wenig ältere Menschen leben. Denn die Kommune ist, wie auch Sozialdezernent Carsten Müller mitteilte, die von der Altersstruktur her jüngste im Kreis. „Eine junge Stadt ist eine lebendige Stadt und hat eine gewisse Perspektive“, betonte Müller. Allerdings kam er nicht umhin anzumerken, dass die Dietzenbacher den wirtschaftlichen Aufschwung, den es vor der Corona-Krise im Kreis Offenbach gegeben hat, weit weniger für sich zu nutzen wussten, als die Bevölkerung der anderen Kommunen. Der Dezernent teilte zudem mit, dass, obwohl es so viele Menschen gibt, die Hilfe benötigen, diese nur von wenigen in Anspruch genommen wird. „Das liegt unter anderem am Zugang zu den Hilfesystemen“, begründete Müller die Diskrepanz. Denn viele Menschen mit Migrationshintergrund wüssten nicht, wie sie an entsprechende Unterstützung kommen. Einen weiteren Grund sah Müller darin, dass etwa Erzieher nicht jede Auffälligkeit zum Anlass nehmen, um beim Kreis einen Unterstützungsbedarf anzumelden. „Die Pädagogen versuchen zunächst selbst, einen Zugang zu dem Kind zu finden“, erläuterte er.

Im Anschluss an die Präsentation des Sozialstrukturatlas kam es während der Ausschusssitzung zu einer regen Diskussion unter den Stadtverordneten. Dabei waren sie sich einig, dass es in Dietzenbach im Hinblick auf die Jugendarbeit bereits viele gute Maßnahmen, wie etwa das Boxprojekt und das Bildungshaus, gibt. Darüber hinaus war die Mehrheit der Politiker der Meinung, dass für die anstehenden Herausforderungen – insbesondere im Hinblick auf die klamme Stadtkasse – mehr Unterstützung seitens des Kreises notwendig ist. „Der Kreistag sollte uns lieber helfen, anstatt sich hämisch darüber zu äußern, dass wir selbst schuld an der Zusammensetzung unserer Bevölkerung sind“, sagte etwa Stadtverordnetenvorsteherin Christel Germer (CDU), die während der Sitzung ihren Parteikollegen Marvin Flatten vertrat. Ismet Küpelikilinc (Dietzenbacher Liste) forderte hingegen, dass der Kreis mehr für die Qualifizierung junger Menschen machen müsse. Carsten Müller reagierte hierauf mit der Aussage, man wolle sich vor seiner Verantwortung nicht wegducken, doch wenn die Jugendlichen erst einmal bei Pro Arbeit säßen, sei es meistens schon zu spät. „Viel passiert schon auf dem Bildungsweg“, sagte er. Deshalb sei es wichtig, dass man im Präventivbereich etwas unternehme, und hier sitze man mit der Stadt in einem Boot. „Sie können ihre Bevölkerung nicht wegdiskutieren“, mahnte Müller.

Dies scheint nicht zuletzt auch aufgrund des Zuwachses, den das Hessische Statistische Landesamt prognostiziert, wenig ratsam. Das Amt geht davon aus, dass Dietzenbach bis zum Jahr 2035 einen Bevölkerungsanstieg von 8,8 Prozent haben wird. Für den Kreis beläuft sich die errechnete Zahl lediglich auf zwei Prozent. (Von Anna Scholze)

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