Antwort auf die Leistungsgesellschaft

Künstlerin Brenda Lien arbeitet mit einem großen Team an ihrem bislang längsten Film

Hat noch viel vor: Brenda Lien. Foto: silvan spohr (p)

Eine Frau, die die einen rosafarbenen Handventilator langsam von links nach rechts bewegt. Drei Katzen im Schlafsack. Zwei Mädchen mit Lockenwicklern im Haar und neongelben Pflegemasken auf der Gesichtshaut. Mal sind es Schauspieler, mal ist alles animiert. Mal bunt, mal düster.          

Dietzenbach –  So sehen sie aus, die Kurzfilme von Brenda Lien: schräg, abstrakt, unkonventionell. „Ich will die Leute zum Denken anregen“, sagt die in Dietzenbach aufgewachsene Künstlerin und Komponistin. Das gilt auch für ihr neustes Projekt, den Film „First Work, Then Play“, der im Frühsommer fertig sein soll und um die 20 Minuten dauern wird – ihr bislang längstes Werk. „Er wird viele Themen behandeln und sehr komplex“, kündigt die 24-Jährige an.

Seit 2012 studiert Lien an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach Kunst mit Schwerpunkt Film. Dieses Jahr macht sie ihr Diplom, der neue Film ist Teil der Abschlussprüfung. Dafür hat sich die junge Filmemacherin Unterstützung ins Boot geholt, zwischen 15 und 20 Leute dürften am Ende an dem Streifen mitgewirkt haben, darunter: eine Produzentin, eine Kamerafrau, eine Setdesignerin und natürlich diverse Schauspieler. Bislang hatte Lien häufig den Großteil aller Aufgaben selbst übernommen. „Eine Mischung aus Studierenden und Profis“, so beschreibt sie ihr Team. „Für mich ist das auch eine Möglichkeit zu lernen – total spannend.“

Schräg, abstrakt, unkonventionell: Bilder aus Brenda Liens Kurzfilmen „Call of Beauty“, „Call of Cuteness“ und „Call of Comfort“. Fotos: p

Der Titel des Films (englisch für „Erst die Arbeit, dann das Spiel“, eine bewusste Verfremdung der Redensart „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“) spiegelt auch den Inhalt wider. „Das Sprichwort habe ich als Kind sehr oft gehört“, sagt Lien, die den Eindruck hat, ihre Generation werde „stark zu Workaholics erzogen“. Der gesellschaftliche Druck, in der Arbeit und im Leben erfolgreich zu sein, nehme ihrer Ansicht nach oft „toxische Ausmaße“ an. „Der Film ist ein bisschen meine Antwort darauf.“

Am Drehbuch schrieb sie schon seit September 2018, neben Schauspielern werden auch Puppen zu sehen sein, die per Stop-Motion-Technik zum Leben erweckt werden, dazu 2D-Computer-Animationen. Die Dreharbeiten sollen im Februar in der HfG stattfinden, acht Tage sind angesetzt. Den Schnitt übernimmt Lien selbst, auch die Filmmusik – sie spielt Klavier, Geige und Bratsche – wird sie eigenhändig komponieren und aufnehmen. Eine knallharte Chefin will die gebürtige Offenbacherin für ihre Crew aber nicht sein: „Bei uns gibt es keine Hierarchien.“

Schräg, abstrakt, unkonventionell: Bilder aus Brenda Liens Kurzfilmen „Call of Beauty“, „Call of Cuteness“ und „Call of Comfort“. Fotos: p

Die Geschichte des Films ist auch ein bisschen ihre eigene. In der elften Klasse hat Lien, die in Dietzenbach die Astrid-Lindgren- und Heinrich-Mann-Schule besuchte sowie später das Frankfurter Heinrich-von-Gagern-Gymnasium, die Schule geschmissen. „Ich war einfach nicht glücklich und hatte den starken Drang, was mit Kunst zu machen“, erzählt sie. Bereut hat sie den Schritt nicht. An der HfG brauchte sie 2012 kein Abitur, um sich einzuschreiben, es genügte, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. „Die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können“, sagt Lien heute.

Der Schritt ist geglückt. Vor allem ihre zwischen 2016 und 2018 erschienene Kurzfilm-Trilogie „Call of Beauty“, „Call of Cuteness“ und „Call of Comfort“, die sich kritisch mit populären Internetvideos auseinandersetzt, erregte große Aufmerksamkeit. „Call of Comfort“ gewann den Deutschen Kurzfilmpreis, „Call of Cuteness“ landete sogar auf der Langliste für den Oscar in der Kategorie „Bester animierter Kurzfilm“. Ihre Filme wurden bei der Berlinale gezeigt, beim Aspen Shortsfest in Colorado, dazu bei Filmfestivals in Mexiko, Kanada, Schweden, Kolumbien, Rumänien, oder Italien. Doch die Auszeichnungen bedeuten Lien gar nicht so viel: „Für mich ist der größte Erfolg, dass ich die Filme überhaupt gemacht habe.“

Schräg, abstrakt, unkonventionell: Bilder aus Brenda Liens Kurzfilmen „Call of Beauty“, „Call of Cuteness“ und „Call of Comfort“. Fotos: p

Nach dem Diplom will Lien, die mittlerweile in Frankfurt wohnt, ihren ersten Langfilm angehen, 90 Minuten, thematisch und optisch mit einigen Parallelen zu „First Work, Then Play“. „Da gibt es noch so viel zu sagen“, erklärt die Künstlerin. „Da kann ich noch viel mehr in die Tiefe und Breite gehen.“ Auch der Musik will sie sich künftig verstärkt widmen, unter dem Namen Karoshi ein Singer-Songwriter-Album aufnehmen. „Ein Film dauert Monate, vielleicht sogar Jahre. Einen Song schreibe ich in drei Tagen“, so Lien. „Damit kann ich relativ unmittelbar Emotionen, Beobachtungen oder Politisches verarbeiten.“ Karoshi ist Japanisch und bedeutet: „Tod durch Überarbeitung“.

 VON MANUEL SCHUBERT

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