Besondere Briefe aus Frankreich 

Ehemalige Kriegsgefangene schickt seit 30 Jahren Briefe nach Dietzenbach  

Früher und heute: Bilder der „Krone“, in der Lamou untergebracht war, und eines von Tochter Josette, die jüngst zum ersten Mal in Dietzenbach war. 
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Früher und heute: Bilder der „Krone“, in der Lamou untergebracht war, und eines von Tochter Josette, die jüngst zum ersten Mal in Dietzenbach war. 

Familie Rauch erhält seit 30 Jahren zu Weihnachten Post aus Frankreich - von einer Frau, die im Zweiten Weltkrieg Kriegsgefangene in Dietzenbach war. 

Dietzenbach - An Weihnachten mit seinen Liebsten unterm geschmückten Baum zu sitzen, ist etwas Wertvolles. Der übrigen Verwandtschaft noch schnell einen lieben Gruß zu senden, ist heute per Smartphone mit wenigen Wischbewegungen möglich. Familie Rauch aus Dietzenbach erhält jedes Jahr zur Adventszeit schriftliche Weihnachtsgrüße aus Südfrankreich. Die Zeilen werden von Josette Lamouroux verfasst – seit fast 30 Jahren. Die Französin hat eine besondere Verbindung zur Kreisstadt: Ihr Vater Amable Lamouroux, im Dorf kurz Lamou genannt, hat fünf Jahre in Dietzenbach verbracht – als Kriegsgefangener von 1940 bis 1945.

Untergebracht waren die rund 15 Franzosen im Gasthaus „Zur Krone“, an der Ecke von Schäfergasse und Bahnhofstraße (heutiger Foto Raab). Eine hölzerne Außentreppe führte hinauf in den Saal, der den Gefangenen als Schlafstätte diente. Tagsüber arbeiteten die Franzosen für Dietzenbacher Familien, etwa in der Landwirtschaft. Abends mussten sie eingeschlossen und unter Bewachung zusammen in der „Krone“ nächtigen. Hatten sie tagsüber noch ein relativ angenehmes Leben, blieb durch die nächtliche Ausgangssperre ein bitterer Beigeschmack. Amable Lamouroux kam bei Familie Knecht aus der Bahnhofstraße 40 unter.

Sie aßen und arbeiteten gemeinsam. Er ersetzte auf dem Bauernhof den Sohn der Familie, Michael, der sich wiederum in Gefangenschaft in Frankreich befand. 1940 war Lamou als Gebirgsjäger gefangen genommen worden. Fünf Jahre lang lebte er rund 700 Kilometer entfernt von seiner Familie in der Auvergne, ohne jegliche Gewissheit, sie jemals wiederzusehen. Dass Lamou in dieser Zeit zum Teil der Familie wurde, war für die Knechts eine Selbstverständlichkeit. Doch verstießen sie damit gegen NS-Bestimmungen.

Nach Kriegsende hielt er den Kontakt zu der Familie, die sein Gefangenendasein erträglich und irgendwie lebenswert machte. In einem Brief vom 12. April 1946 schrieb er: „Ich werde das Haus Knecht nicht vergessen, wo ich es nicht schlecht hatte. Ich hatte gute Zeiten bei den Dietzenbachern.“ Seine Familie war wohlauf, als er am 18. Mai 1945 zurück in die Auvergne kam. Der Brief an die Familie Rauch enthielt außerdem folgende Zeilen: „Für mich beginnt nun ein neues Leben. Ich werde dieses Frühjahr heiraten.“

Im Nachbardorf hatte Lamou seine große Liebe gefunden, im darauffolgenden Jahr erblickte Josette Lamouroux das Licht der Welt. Eine Welt, die nun in Ordnung war. Eine Welt, in der sich ihre Eltern den Traum eines Kohlegeschäftes mit Café in der Hauptstadt Paris verwirklichten. Eine Welt, in der Lamou nicht viel von seiner Gefangenschaft sprach.

Der Brief des Gefangenen fiel 1990 der Tochter von Anna Knecht, die mit Lamou zusammen Feldarbeit verrichtete, in die Hände. Lange Zeit war eine Adresse auf dem Brief des Franzosen nicht entziffert worden. Eine französischsprachige Nachbarin half aus. Auf den Brief, der eigentlich an Lamou gerichtet war, antwortete damals seine Tochter Josette. Denn Lamou war ein halbes Jahr zuvor verstorben. Nichtsdestotrotz folgte ein reger Austausch. Die eine wollte alles über die Zeit während, die andere über die Zeit nach der Gefangenschaft wissen. So hielt sich der Kontakt bis heute aufrecht.

Jüngst hat sich Josette Lamouroux einen Wunsch erfüllt: Sie ist nach Dietzenbach gereist. Dieses Vorhaben kündigte sie bereits im ersten Brief 1990 an, doch kam es seitdem nicht dazu. Anlässlich einer Schifffahrt über den Rhein hinunter bis nach Frankfurt am Main hat sie die Gelegenheit genutzt, um den Ort zu besuchen, an dem ihr Vater in Gefangenschaft war. „Sie war ganz aufgeregt und eigentlich nur am fotografieren“, erzählt Brieffreundin Rauch. Schade sei es, dass die Zeit so knapp war. „Ich hätte ihr gerne mehr gezeigt.“ Es war das erste Treffen zwischen den beiden Frauen, die sich seit drei Jahrzehnten regelmäßig Briefe schreiben. Irgendwie vertraut sei man doch, verbunden durch eine gemeinsame Geschichte.

Die Post mit dem Weihnachtsgruß aus Frankreich kam schon an, wie jedes Jahr. „Welch bewegende Erinnerung ich an diesem Nachmittag mit Ihnen behalten werde“, schreibt Josette.  Von Lisa Schmedemann

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