Ehemalige Rudolf-Steiner-Schülerin Noemi Ristau

Abfahrt mit zwei Prozent Sehkraft bei Paralympics

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Noemi Ristau mit ihrem Guide Lucien Gerkau, der sie auf den Pisten akustisch leitet.

Dietzenbach - Ohne etwas zu sehen einen steilen Abhang hinunter – was wie ein Albtraum klingen mag, ist für Noemi Ristau ein Ansporn. Die ehemalige Waldorf-Schülerin trat bei den Paralympics in Pyeongchang in fünf Ski-Disziplinen an. Von Christian Wachter

Augen zu und durch, blindes Vertrauen, auf sein Gefühl hören – die von manchem en passant geäußerten Redewendungen haben für Noemi Ristau eine Bedeutung, die weit über das Bildliche hinaus geht. Und das im wörtlichen Sinne. Gerade, wenn sie wie jüngst in Pyeongchang am Start steht, auf das Signal wartet, sich abstößt ins Ungewisse. Die ehemalige Dietzenbacher Waldorfschülerin hat noch zwei Prozent Sehkraft. In Südkorea trat Ristau, Jahrgang 1991, bei den Paralympics an, in fünf Disziplinen: Abfahrt, Riesenslalom, Super-Kombination, Slalom und Super-G. Am Ende holte sie zwei vierte, zwei fünfte und einen siebten Platz. Immer mit dabei ist ihr Guide Lucien Gerkau. Den sieht sie zwar nur in Umrissen, falls er eine Jacke mit grellen Farben anhat zumindest, es kommt aber auf die Kommandos an, wenn er vor ihr den Abhang hinunterdüst. Bei „Und hopp“ verlagert sie auf die Skikante, bei „Und Schlag“ weiß sie, dass die Piste nicht ganz eben ist.

Ristau kam nicht mit zwei Prozent Sehkraft zur Welt. Als sie noch „An der Vogelhecke“ die Schulbank drückte, sah sie lange so gut wie ihre Mitschüler, was die Lehrer an die Tafel schrieben, hatte dieselben Hobbys. Mit der Pubertät kam die schleichende Erblindung. Sie entschloss sich, auf die Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg zu wechseln. „Ich wollte nicht mit einer Assistenz zu Schule müssen“, betont die gebürtige Großostheimerin. Dort hat sie viel ganz Neues und Altbekanntes noch einmal von neu auf gelernt: „Es gab Orientierungsunterricht, lebenspraktische Hilfen.“ Sie musste sich auch an die Reaktionen ihrer Mitmenschen gewöhnen, die sie schon auch mal ohne zu fragen am Arm griffen, um sie über die Straße zu führen. Wo sie sich auskennt wie in ihrer Marburger Wahlheimat, ist sie aber ohnehin ohne Stock unterwegs.

Nach dem Abitur ging es ihr wie so vielen „normal“ sehenden Altersgenossen auch. Sie wusste nicht so richtig, was sie machen sollte. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in einem Blindeninternat in Indien kam ihr einmal mehr in den Sinn, was ihr als Kind so viel Spaß bereitet hatte: das Skifahren. Bis sie nicht mehr in den Skiurlaub mitkonnte, sich von den heimgekehrten Geschwistern erzählen lassen musste, wie es war. Zwar stand sie während ihrer Schulzeit über den Verein Blau-Gelb Marburg auch auf den Brettern, nun packte sie es aber richtig an. Über den Deutschen Behindertensportverband kam sie zur deutschen Nachwuchsmannschaft, mit der sie regelmäßig in den Alpen unterwegs war. Parallel begann sie sie eine Ausbildung zur Ergotherapeutin.

"A-Team" mit starkem Paralympics-Abschluss

Einige Erfolge später – Europacupsiege und die Teilnahme an der Weltmeisterschaft inklusive – rief Olympia. „Es war alles aufregend, allein, dass das Ereignis in die ganze Welt übertragen wurde; dann die mitreißende Stimmung, gerade bei der Abschlussfeier, und die riesige Tribüne...“ Dass Ristau zweimal so knapp an einer Medaille vorbeischrammt, grämt sie – ganz konform mit dem olympischen Gedanken – nicht. „Mein Ziel war es dabei zu sein, ich fahre ja eigentlich erst seit drei Jahren.“ Ihre Konkurrenz, aus England etwa, ist da schon deutlich länger dabei. „Und in meiner Klasse treten auch Fahrerinnen an, die bis zu fünf Prozent Sehkraft haben, das ist ein riesiger Unterschied.“ Einfach sei es nicht gewesen, die Konzentration aufrecht zu erhalten, über die ganzen zwei Wochen oder auch an einem Tag. „Um 4.45 Uhr raus, eine Stunde mit dem Bus zur Piste. Wenn man dann um 9 Uhr startet, kann es vier Stunden bis zum nächsten Lauf dauern und man hat keine Rückzugsmöglichkeit.“ Die Pisten hat sie davor noch nicht richtig gekannt, genau so wie das Gefühl, dass Menschen plötzlich Selfies und Autogramme wollten. „Nach Olympia schrieben mir auch Blinde, die mich als Vorbild wahrnehmen.“

In vier Jahren will sie in Peking wieder dabei sein, zumindest, wenn die Finanzen es zulassen. Denn während es in anderen Ländern wie der Slowakei auch eine berufliche Förderung gebe, sei es in Deutschland nicht so einfach, das sportliche Engagement in Einklang mit einer Stelle zu bringen. Einen weiteren Eintrag in ihrer sportlichen Vita aber erwähnt Ristau nicht ohne Weiteres: 2009 war sie Teil des Blista-Fußballteams, das gegen Brasilien erst im Finale der Weltmeisterschaft verlor. „Fußball liegt mir aber nicht so, wenn ich da Mist baue, fällt es auf das ganze Team zurück, wenn ich auf Skiern die Piste hinunterfahre, ist das anders.“

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