Östliche Spessartviertel

Meinungen der Politik liegen auseinander

Blick aus dem „Innenohr“ auf die Hochhäuser: Abriss, Rückbau, weitere Sanierung oder Weiterentwicklung der sozialen Maßnahmen. Politiker haben unterschiedliche Meinung, wie die Probleme im Quartier gelöst werden könnten.
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Blick aus dem „Innenohr“ auf die Hochhäuser: Abriss, Rückbau, weitere Sanierung oder Weiterentwicklung der sozialen Maßnahmen. Politiker haben unterschiedliche Meinung, wie die Probleme im Quartier gelöst werden könnten.

Starkenburgring, Rosenpark, Spessartviertel: Jede dieser Bezeichnungen steht für die fünf Hochhäuser, die seit ihrer Fertigstellung 1974 das Stadtbild Dietzenbachs prägen. In loser Reihenfolge berichten wir über die Entwicklung, die Menschen, die Projekte und die Politik rund um das Spessartviertel.

Dietzenbach – Kaum gebaut, droht der Abriss oder zumindest der Rückbau. So lässt sich die fast 50-jährige Geschichte der fünf Hochhäuser im Östlichen Spessartviertel knapp zusammenfassen. Schon bald nach der Einweihung Anfang der 1970er Jahre kam die Idee auf, die Immobilien wieder aus dem Stadtbild zu entfernen. Indes konnten weder die rechtlichen Voraussetzungen noch die sozialen Folgen für die Bewohner geklärt werden. Eine Sanierung brachte nur kurzfristigen Erfolg. Unrühmlich bekannt ist das Quartier nach wie vor durch Kriminalität, Drogenhandel und Gewaltausbrüche, zuletzt Ende Mai gegen Polizei- und Feuerwehrkräfte.

Lothar Niemann: „Kein Wunder, das konnte man vorhersehen.“

Als einer der größten Verfechter von Abriss oder Rückbau gilt seit Langem der ehemalige Stadtrat und Grünen-Vorsitzende Lothar Niemann. Gemeinsam mit seiner Bürgerinitiative „Besser leben und wohnen in Dietzenbach“ warb er Ende der 1990er Jahre intensiv für entsprechende Maßnahmen, zuletzt auch 2009 im Bürgermeisterwahlkampf, als er als unabhängiger Kandidat antrat. „Die Gebäude müssen weg, sonst knallt es hier bald heftig“, hatte sich Niemann mehrfach geäußert. Zu den aktuellen Vorkommnissen im Spessartviertel sagt er nun: „Kein Wunder, das konnte man vorhersehen.“ Es sei schließlich nicht der erste Angriff auf Rettungskräfte gewesen, das habe es auch früher schon gegeben.

1998 legt die Niemannsche Initiative ein erstes, selbstfinanziertes Gutachten zum Rückbau der Häuser vor. Rund zehn Jahre später folgt ein zweites, das die Stadtverordnetenversammlung in Auftrag gegeben hat. Beide Expertisen lehnen die Vorschläge einer baulichen Verkleinerung nicht vollständig ab. Empfohlen wird unter anderem, die in der Praxis so komplizierte Erbbauberechtigtenversammlung mit ihrer vorgegebenen Einstimmigkeit aufzulösen und auf die fünf Gebäude zu verteilen. Doch die Idee, zumindest einen Teilabriss anzugehen, setzt sich politisch nicht durch.

„Es ist lediglich im sozialen Bereich weitergearbeitet worden, aber nicht baulich-organisatorisch“, moniert Niemann. Reine Sozialpolitik helfe in dem Viertel jedoch nicht. „Natürlich hat manche Maßnahme eine Beruhigung gebracht, aber alle Programme enden irgendwann und was ist dann?“ Er bedauere, dass man dem damaligen Ansatz nicht gefolgt sei. So sei geplant gewesen, die Wohnungen „neu zu ordnen“, also Stockwerke oder gar ein Haus durch Wohnungsankauf bei Fluktuation zu leeren. „Wir müssen den Finger auf der Bewohnerstruktur haben, langfristig gibt es keinen anderen Weg“, so der ehemalige Stadtrat. Auch wenn sich die Situation geändert habe. „Die Wohnungen sind nicht gerade billiger geworden.“ Das erfordere einen langen Atem, um das Geld für den Wohnungsankauf zusammenzutragen. „Aber man müsste auch mal mit dem Land reden“, fordert Niemann.

Stephan Gieseler: Wir werden dabei wohl auch über Enteignung reden müssen.“

Auch Stephan Gieseler (CDU), als Bürgermeister in den Jahren von 2001 bis 2009 für manche Maßnahme zuständig, betont: „Wir haben mit Teilerfolgen das Soziale bedient, nun müssen wir versuchen, im Städtebau etwas zu bewegen.“ Während ein Abriss derzeit eher unrealistisch sei – „die Frage ist nach wie vor, wo wir die Menschen hinbringen“ – sieht er im Rückbau eine Chance zu größerer Übersichtlichkeit auch hinsichtlich der Verwaltungsstrukturen. „Wir werden dabei wohl auch über Enteignung reden müssen“, kündigt er an. Auch wenn es dazu gegenwärtig keine rechtlichen Grundlagen gebe. Gieseler betont: „Das ist ein dickes Brett und wir brauchen starke Persönlichkeiten auf Landesebene, die als politische Multiplikatoren auf Bundesebene Einfluss haben.“ Auf keinen Fall dürfe es zu einer weiteren baulichen Verdichtung kommen, etwa auf der Freifläche im sogenannten Innenohr. „Da fehlt bisher ein klares Statement der Stadt.“ Alles Handeln müsse immer im Sinne der rechtschaffenen Menschen sein, die im Spessartviertel in Frieden leben. „Viele dort möchten die Auseinandersetzungen, die wir gerade erlebt haben, auch nicht.“

Zum Punkt Innenohr-Bebauung greift Christoph Mikuschek, Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes, ebenfalls eine bereits länger kursierende Idee auf: „Wenn wir dort etwas bauen, dann höchstens eine Polizeistation, die eine dauerhafte Präsenz garantiert.“ Sollte es tatsächlich gelingen, die fünf Häuser baulich zu „entzerren“, wäre das eine große Entlastung. Mikuschek betont: „Die Hürde scheint im ersten Moment hoch, aber eine Änderung ist nicht unmöglich.“ Erstaunt zeigt sich der CDU-Vorsitzende indes über das anhaltende Schweigen der Stadtverwaltung: „Wir hätten doch erwartet, dass Bürgermeister oder Erster Stadtrat die Angelegenheit zur Chefsache machen, aber man hört so gar nichts.“ Folglich dränge sich auch der Gedanke auf, dass vielleicht schon länger „nicht mehr richtig hingeschaut“ wurde.

Ulrike Alex: „Die Probleme dort sind nicht weg, wenn wir die Gebäude verkleinern.“

Der ehemalige Erste Stadtrat Werner Hoch (SPD) hat sich während seiner Amtszeit ebenso intensiv mit den Entwicklungen im Spessartviertel auseinandergesetzt. „Die Bewohnerstruktur hat sich sehr verändert, heute leben in den Häusern viele Menschen aus osteuropäischen Ländern.“ Die Geschehnisse der Krawallnacht im Mai hält er indes für ein „Solo-Ereignis“, das sich mit Abflauen der strengen Corona-Maßnahmen wohl nicht wiederholen werde. Die Ansicht teilt Ulrike Alex, SPD-Stadtverordnete und Abgeordnete im Hessischen Landtag, nur bedingt. „Das hat vielleicht eine Rolle gespielt, aber wir müssen die Vorfälle sehr ernst nehmen“, sagt sie. Auf eine zeitnahe Änderung der baurechtlichen Gegebenheiten setzt sie nicht. „Die Probleme dort sind nicht weg, wenn wir die Gebäude verkleinern.“ Darüber hinaus linderten die Hochhäuser auch einen Teil der Wohnungsnot im Ballungsgebiet. Alex betont: „Wir haben uns vor Jahren für eine Sanierung entschieden und sollten den Weg jetzt weitergehen.“ Immer aber mit konsequenter Ordnungspolitik, einer strengen Strafverfolgung und einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der sozialen Maßnahmen.

Dass die Situation im Spessartviertel die Grünen auch heute noch gut beschäftigt, teilt die Fraktionsvorsitzende Andrea Wacker-Hempel mit. „Es gibt sicher Mitglieder, die sich damals für einen Abriss oder einen Rückbau ausgesprochen haben“, sagt sie. Aktuell lasse sich jedoch kein „Patentrezept“ finden. „Wir diskutieren sehr intensiv, aber für einen Vorschlag brauchen wir weitere Informationen.“ Entsprechend hoffe sie auf öffentliche Debatten, „immer natürlich mit den Menschen, die dort wohnen und mit aller Sensibilität, wollen wir doch auch rechten Kräften keine Plattform bieten“. (Barbara Scholze)

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