März 1945

Einmarsch der Amerikaner: Vorüber wie im Spuk

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Nach der Einnahme durch die Amerikaner: Heinrich Weilmünster IX. (links) wird als kommissarischer Bürgermeister Dietzenbachs eingesetzt. Sein Stellvertreter ist Georg Ebert.

Der 26. März 1945, der Tag nach Palmsonntag, ist in Dietzenbach ein frühlingshaft warmer und trockener Tag. Über dem gesamten Ort hängt eine Spannung, die fast mit Händen zu greifen ist, aber wenig mit dem Wetter zu tun hat.

Dietzenbach – Vier Tage zuvor sind die ersten US-Truppen bei Oppenheim über den Rhein gekommen. Wie der Historiker Dagobert Dobrowolski vor einiger Zeit bei einem Vortrag erzählte, ermöglichte diesen „fast lautlosen Einmarsch“ mit Ruder- und Schlauchbooten der amerikanische Panzer-General George S. Patton. „Er ist ein Draufgängertyp“, sagte Dobrowolski. Patton glaubt, zu den großen Eroberern zu gehören, und hat angekündigt, „in den Rhein pissen zu wollen“. „Wie auf Fotos zu sehen ist, tut er das auch ausgiebig, es ist eine archaische Geste, die den Gegner demütigen soll“, teilte Dobrowolski seinen Zuhörern mit.

Nach der Rhein-Überquerung stößt ein Teil der amerikanischen Truppen über Wixhausen und Ober-Roden Richtung Mainlinie vor, eine Abordnung wendet sich über Götzenhain, Dietzenbach und Heusenstamm nach Offenbach. Das gesamte kleine Dorf im Wiesengrund scheint die Luft anzuhalten, es stehen sich unbelehrbare Anhänger des „Endsieges“ und auf Befreiung hoffende Bürger gegenüber. Scharen von polnischen und russischen Zwangsarbeitern aus dem Opelwerk in Rüsselsheim ziehen auf der Flucht durch Dietzenbach. Während eines Zeitzeugengespräches mit Dagobert Dobrowolski erinnerte sich Philipp Eckert: „Viele schlagen in der Dreschhalle ihr Lager auf, dort, wo heute die katholische Kirche steht.“ Einige „eher furchtsame Bürger“ hängen die weiße Fahne raus. „Das stößt der Militärpolizei aber übel auf und sie zerschießen sie“, so Eckert. Der von den Nationalsozialisten eingesetzte Bürgermeister Heinrich Fickel zieht es vor, mit einem Feuerwehrauto aus Dietzenbach zu fliehen. Erst gegen Ende des Monats wird er verhaftet.

Einmarsch der Amerikaner in Dietzenbach: Bürgermeister flieht mit Feuerwehrauto

Bereits am Montagmorgen eskaliert die Situation: Beim Friedhof nimmt eine Gruppe der Feldpolizei Stellung. Deren Anführer befiehlt, sich Richtung Götzenhain zu postieren, um Dietzenbach gegen die anrückenden Amerikaner zu verteidigen. Doch seine Leute befolgen die Befehle nicht mehr. Einer zieht die Waffe und erschießt ihn. Der Trupp löst sich rasch auf und zerstreut sich in alle Winde.

„Und dann sind sie da“, lautete Eckerts Erzählung weiter. Der damals junge Bub sieht „seinen ersten Amerikaner“, einen „baumlangen Mann mit dunkler Hautfarbe“. Den Berg hinunter, Richtung Altstadt ziehen die Eroberer, „da haben dann die Panzer vor der Bäckerei Krapp gestanden“. Erstaunlicherweise sei alles leise und kampflos vonstattengegangen. Nach den Recherchen von Historiker Dobrowolski ist das vor allem „zwei besonnen und beherzten Männern“ zu verdanken, den Herren Altmannsberger und Heusel. „Die haben bereits vorher mit den Amerikanern Kontakt aufgenommen und Abmachungen für eine kampflose Übergabe des Ortes getroffen.“ 

Einmarsch der Amerikaner in Dietzenbach: Kampflose Übergabe

Ähnliches versucht auch der Kommunist Heinrich Weilmünster, einer der Verfolgten des Nazi-Regimes, für den die Stunde der Eroberung eine echte Befreiung bedeutet. Mit einer weißen Fahne in der Hand läuft er zwischen den Amerikanern in den Ort. Er wird auf einen Panzer gesetzt und begleitet einen Teil der Truppe zum Rathaus. Die meisten amerikanischen Soldaten ziehen weiter Richtung Offenbach und Frankfurt. Fast wie im Spuk geht das Ganze vonstatten. Es fällt kein Schuss, die Einnahme Dietzenbachs verläuft gewaltlos. Am Nachmittag führen die Amerikaner einen Trupp mit gefangenen deutschen Soldaten durch den Ort. Die Besatzungseinheit richtet im „Neuen Löwen“ ihre Kommandantur ein und beschlagnahmt viele Nachbarhäuser. Unverzüglich wird eine deutsche Verwaltung installiert. Heinrich Weilmünster wird als Bürgermeister eingesetzt und bereits zwei Tage später, am 28. März, tritt ein erster 16-köpfiger Gemeinderat zusammen.

„Über die Erzählungen der Zeitzeugen hinaus gibt es leider wenig Quellen zu dieser Zeit“, so der Historiker. Nachlesen können Interessierte die Geschichte jenes bedeutenden Tages aber auch in der Dietzenbacher Chronik von Detlev Kindel und Gisela Rathert sowie in dem Büchlein „Aus eigener Kraft“, in dem Lina Weilmünster Beiträge zur Geschichte der Arbeiter-, Sport-, und Kulturbewegung festgehalten hat.

VON BARBARA SCHOLZE

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