„Es ist noch nicht so lange her“

In der Eis-Zeit Geld verdient

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1925, als dieses Bild entstand, war ein besonders harter Winter in Dietzenbach. Das Foto zeigt das sogenannte Schosseehaus an der Frankfurter Straße, in dessen Nähe ein Eisweiher den Bürgern eine zusätzliche Einnahmequelle bescherte.  

Dietzenbach - Wer nicht gerade mit dem Auto unterwegs sein muss, genießt die aktuelle Kälte. Das sonnige Wetter lockt viele nach draußen. Das ging auch den Dietzenbachern in früheren Zeiten so. Allerdings war der Aufenthalt im Freien für sie nicht immer ein Vergnügen. Vielmehr nutzten sie die „Eis-Zeit“ zum Geldverdienen. Von Barbara Scholze 

In seinem Büchlein „Es ist noch nicht so lange her“ erzählt der verstorbene Gründer des Heimat- und Geschichtsvereins, Heinrich Jakob Berz, von den oft fröhlichen, aber auch armen Zeiten im Dorf Dietzenbach: „Das Bargeld war knapp. Jedermann musste nicht nur seine Groschen gut zusammenhalten, sondern auch sehen, wie man ab und zu an eine Sondereinnahme kam.“ Darum ließ die Gemeindeverwaltung Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts – zwischen Konrad-Lang-Straße, Frankfurter Straße und Weiherstraße – einen Eisweiher anlegen. Nicht etwa, damit sich die Kinder auf dem Eis tummeln konnten, sondern um den Einwohnern, die vorwiegend noch von der Landwirtschaft oder vom Baugewerbe lebten, auch im Winter eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen.

Gab es ein schlechtes Erntejahr, Krankheit in der Familie oder Seuchen unter dem Vieh, die das erhoffte Einkommen schmälerten, so war die letzte Rettung die Einnahme vom „Eisfahren“. Es gab damals keine modernen Kühlanlagen, nicht einmal Kunsteis, so dass die Brauereien genötigt waren, sich mit einem Vorrat an Natureis einzudecken. Für den Zentner zahlten sie im Durchschnitt 20 bis 25 Pfennige, wobei die Preise stark schwankten.

„Der Eisweiher war am Ufer etwa einen halben Meter aufgeschüttet, damit die Frankfurter Straße nicht vom Wasser überflutet wurde, das im Herbst ein- und nach dem Auftauen im Frühjahr wieder abgelassen wurde“, erzählt Berz. Im Sommer wurde die Weiherfläche dann als Weide genutzt. Sobald es Frostwetter gab, steckte die Gemeinde Parzellen ab und versteigerte sie meistbietend. Je günstiger die Parzelle lag, umso höher der Preis.

Keine leichte Arbeit

Das „Eismachen“ war keine leichte Arbeit, alle Familienmitglieder mussten mit anpacken. Mit Äxten wurde rückwärtsgehend das Eis durchgeschlagen, die losgebrochenen Schollen mit langen Stangen, die an einem Ende mit spitzen Haken versehen waren, ans Ufer gezogen und aufgeschichtet. Dann kamen die sechs bis zwölf Zentimeter dicken Eisstücke auf ein Gespann. Die Fahrten nach Frankfurt und zurück nach Dietzenbach waren schon eine Leistung, umso mehr, als sich niemand auf den Wagen setzen konnte – wegen der ausströmenden Kälte der Eisbrocken. „Dick vermummelt mit Joppen, Halstüchern, Ohrenschützern und Fausthandschuhen, die hierzulande den Namen ,Koimäuler‘ hatten, trabte man neben dem Wagen her“, schreibt der Heimatforscher. Alle zwei oder drei Tage mussten die Hufeisen der Pferde geschärft werden, so hatten auch die Schmiede, wenn Eis gefahren wurde, alle Hände voll zu tun. „Erst als dann später die Einschraubstollen aufkamen, konnten die Bauern diese selbst umwechseln.“

Einmal soll es den ganzen Winter über kein Eis gegeben haben, erzählt Berz weiter: „Für die Brauereien war das schlimm, und als es dann Anfang März doch noch kurz Frost gab, zahlten sie einen Rekordpreis, nämlich eine Mark für den Zentner, das entsprach in der damaligen Zeit dem Lohn von vier Arbeitsstunden“. Mit Schubkarren und geliehenen Wägelchen versuchten auch die armen Leute, an der „Konjunktur“ teilzunehmen. Sie hackten in Gräben und Wasserlöchern im Gravenbrucher Wald Eis los und brachten es zu den Brauereien, die es mit Kusshand annahmen. „Doch das war wohl einmalig.“

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg setzte sich das maschinell hergestellte Eis durch, vorbei war es mit der zusätzlichen Erwerbsquelle. Der Eisweiher, immerhin eine Fläche von 15.000 Quadratmetern, wurde ein beliebter Tummelplatz für die Kinder, bis er 1933 mit Siedlungshäusern bebaut wurde.

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