Acht Monate auf Bewährung

Streit ums Erbe: Bruder droht, sie abzustechen

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Dietzenbach - Vor dem Kadi streiten Geschwister nicht selten. Meist ums Erbe. So auch vor dem Amtsgericht in Offenbach: Dort lautet die Anklage gegen einen Dietzenbacher: Versuch der räuberischen Erpressung. Von Stefan Mangold

Der Staatsanwalt wirft Orcun Turgut (alle Namen geändert) vor, seine Schwester Leyla vor einem Jahr vor die Wahl gestellt zu haben: Entweder sie unterschreibe eine Erbverzichtserklärung oder er hole ein Messer, um auf sie einzustechen. Obwohl sich Leyla und Orcun schon länger aus dem Weg gehen, kümmert sich die Schwester um dessen drei Kinder. An dem Tag holt Leyla zwei vom Kindergarten ab. Während sie vor dem Haus hält, ruft die Schwägerin an, ihr Bruder wolle etwas besprechen.

Ab dann existieren zwei Versionen. Orcuns: Nach dem Tod des Vaters ließ er in der Türkei anwaltlich forschen, ob dieser Vermögenswerte hinterlassen habe. Die Gebühren von 4500 Euro zahlte er - kein Pappenstiel für jemanden, der wegen schwerer Herzkrankheit von Hartz IV lebt. Er habe der Schwester angeboten, sich an den Kosten zu beteiligen. Ansonsten bitte er sie, den vorgelegten Erbverzicht zu unterschreiben. Falls aus der Türkei irgendwann Geld fließe, erhalte sie eine Pauschale von 20.000 Lira, rund 6000 Euro. Die Schwester habe abgelehnt. Sie wolle keine Kosten decken und auch auf kein Erbe verzichten. Orcun habe in seiner Wut gedroht, Leyla bei ihrem Arbeitgeber wegen vermeintlicher Unterschlagung von Werbeartikeln anzuschwärzen. Zwei Wochen später stand er dort auf der Matte. Das habe das Fass für Leyla zum Überlaufen gebracht, auch wenn die Firma ihr geglaubt habe. Sie wandte sich an die Polizei.

Orcun sei während des damaligen Gesprächs erst freundlich gewesen, habe aber dann einen anderen Ton angeschlagen. Vor den Kindern sei er der Schwester an die Kehle gegangen, habe sie gegen die Wand gedrückt und gedroht, ein Messer zu holen. Sie wollte sich nicht einschüchtern lassen: „Dann mach doch.“ Auf Strümpfen floh Leyla ins Treppenhaus. Ihre Schwägerin erklärt im Zeugenstand: „Mein Mann hat seine Schwester nicht angegriffen.“ Der Staatsanwalt wertet die Aussage in seinem Plädoyer als abgesprochen. Leyla habe die Situation hingegen detailliert geschildert und keinen Belastungseifer gezeigt. Der Staatsanwalt hält dem Angeklagten zugute, nicht vorbestraft zu sein und fordert wegen versuchter räuberischer Erpressung ein Jahr Gefängnis auf Bewährung und 1000 Euro.

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Orcuns Verteidiger Rainer Carls wertet, die Debatte sei nicht so eskaliert, wie von der Schwester geschildert. Die Aussage der Schwägerin hält er für glaubhaft. Außerdem habe Leyla erst zwei Wochen später den Bruder angezeigt, lediglich aus Wut über dessen Denunziation bei ihrem Arbeitgeber. Verteidiger Carls fordert Freispruch. Vorsitzender Richter Manfred Beck und die Schöffen verurteilen Orcun zu acht Monaten auf Bewährung und 100 Arbeitsstunden. Für ihn spreche, letztlich von der Schwester abgelassen zu haben, „wegen der Gebühren standen die Geschwister unter großem Druck“. Die Aussage der Ehefrau sei einstudiert.

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