Getrennt und wieder vereint

Afghanische Familie erinnert sich an ihre Flucht –„Manchmal wache ich schweißgebadet auf“

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Blick in eine sichere Zukunft: Familie M. hat in der Kreisstadt eine neue Heimat gefunden, in der sie sich wohl und sicher fühlt.

Es ist ziemlich genau fünf Jahre her, als sich Familie M. aus Afghanistan dazu entschied, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen – um weiterleben zu können.

Dietzenbach – Wenn das Meer sicherer scheint als das eigene Land, muss in einem Menschen viel passiert sein. „Ich hatte ein schönes Haus und ein Auto, lebte mit Ehefrau, Tochter, Bruder und Mutter unter einem Dach“, beschreibt Ahmad (alle Namen von der Redaktion geändert) das idyllische Leben in seiner Heimat. Auf fünf Seiten hat er die Geschichte seiner Flucht niedergeschrieben. Was dort steht, liest sich wie das Drehbuch zu einem Actionfilm. „Manchmal wache ich nachts schweißgebadet auf“, sagt Ahmad.

Er sitzt mit seiner Tochter Dunya am Esstisch ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in Dietzenbach. Nach den Sommerferien wird die Zehnjährige auf die Ernst-Reuter-Schule kommen, einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Viele Klassenkameraden nutzen die Zeit, um Urlaub bei den Familien zu machen, die über den Globus verstreut leben. „Ich will nicht zurück nach Afghanistan, niemals“, sagt die Zehnjährige bestimmt. Ihre Züge sind hart, vielleicht etwas zu hart für ein Mädchen ihres Alters. Doch im Gegensatz zu denen ihres Vaters sind sie unversehrt. Die Konturen von Ahmads Lippen sind von Brandnarben gezeichnet.

Familienvater arbeitete in einem Militärkrankenhaus

In ihrem Heimatland arbeitete der Familienvater in einem Militärkrankenhaus. Dort behandelte er Terroristen, die unter Arrest standen. Ein Arbeitskollege, der mit jenen Gruppen zu sympathisieren begann, versuchte, Ahmad zu bestechen: Er sollte einen Trainer für Selbstmordanschläge nach der Behandlung laufen lassen. „Zunächst dachte ich, er macht nur einen Scherz“, erinnert sich der Familienvater. Aber er meinte es ernst, was sich in weiterem Nachfragen äußerte. „Das wäre Verrat an meinem Land gewesen, ich habe ihn zurückgewiesen“, erzählt er weiter. Doch ein mulmiges Gefühl blieb.

Ahmads Widerstand war dem Kollegen ein Dorn im Auge – er sollte weichen. „Ich weiß es noch ganz genau“, sagt er und sein Blick wird leer. An einem Winterabend, als Dunya gerade zu Bett gegangen war, explodierten Teile des Hauses der Familie. Dass sich das Mädchen in einem anderen Raum befand, könnte ihr Leben gerettet haben. Flammen schlugen rasch von Raum zu Raum, die Familie rettet sich nach draußen in die Kälte. „Selbst die Kleidung fing Feuer“, sagt Ahmad. Ein Anschlag.

Tochter bleibt bei Anschlag unversehrt – Eltern und Großmutter verbringen rund zwei Monate im Krankenhaus

Die damals Sechsjährige blieb unversehrt. Ihre Eltern und die Großmutter verbrachten etwa zwei Monate im Krankenhaus. Aus dieser Zeit zeigt Ahmad Bilder von den Familienmitgliedern, die mit Schienen und Verbänden in Krankenbetten liegen. Aus dem Stapel der Fotos zieht er ein Bild von einer Baustelle. „Ich habe das Haus wieder zu 65 Prozent aufgebaut“, erzählt er. „Wir wollten damals nicht gehen, wir wollten keine Flüchtlinge sein“, betont Ehefrau Zamira.

Die Situation auf der Arbeitsstelle besserte sich nicht, denn Ahmad kam nicht von dem korrupten Kollegen los. Schließlich fasste er zusammen mit seiner Frau den Entschluss, das Land zu verlassen. „Wir wollen unserer Tochter eine sichere Zukunft geben“, sagt Zamira, deren Blick auf Dunya ruht.

Weg in ein neues Leben, eine Einbahnstraße

Am 26. Juli 2014 begab sich die Familie schließlich auf den Weg in ein neues Leben, eine Einbahnstraße. „Wir wussten nicht einmal, ob wir überleben würden“, sagt Ahmad. Den ersten Teil von Kabul bis zur iranischen Grenze legten die drei im Flugzeug zurück. Danach folgten Märsche zu Fuß durch Wüsten und Gebirge bis nach Teheran. Auf diese Weise schlug sich die Familie bis zur türkischen Grenze durch – mit Bündeln aus Kleidung, Wasser und Nahrungsmitteln auf dem Rücken. In der Türkei saß die Familie zunächst zwei Monate fest, bis sie an Bord eines nur sechs Meter langen Bootes gehen konnte. Weil die Plätze begrenzt waren, schnitten sie Dunya die Haare ab. „Die Plätze für Mädchen waren schon voll, also ,verkleideten’ wir mich als Jungen“, erzählt sie.

Fünfhundert Meter vor der griechischen Küste kenterte der Kahn. 25 Minuten musten die Passagiere im eiskalten Wasser um ihr Leben bangen. „Zwar hatten wir Schwimmwesten, aber die Angst war riesig“, erinnert sich Zamira. Die Polizei brachte die Schiffbrüchigen nach Griechenland.

In Athen getrennt – Erst in Dietzenbach kann sich die Familie wieder in die Arme schließen

In Athen stand die Familie vor der nächsten schweren Entscheidung: Sie mussten einzeln nach Deutschland weiterreisen. „Zamira war die erste, danach habe ich meine Tochter in die Hände einer wildfremden Frau gegeben, die sie auf der Reise begleitet hat“, sagt Ahmad. Das sei einer der schlimmsten Momente seines Lebens gewesen. „Ich hatte Angst, aber ich musste es verstehen“, sagt die Zehnjährige ernst.

In Dietzenbach konnte sich die Familie wieder in die Arme schließen. „Wir sind so unendlich dankbar für diese Chance“, sagt Zamira. Vor ein paar Wochen hat Dunya im Waldschwimmbad ihr „Seepferdchen“ gemacht. „Trotz der Erlebnisse im Mittelmeer – sie ist mein kleiner Superheld“, sagt der Vater stolz. „Ach Papa, sei ruhig“, meint die Zehnjährige und lacht verlegen.

Von Lisa Schmedemann

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