Klimawandel hinterlässt Spuren

Maue Ernte: Frost, Hitze und Unwetter setzten den Reben auf dem Wingertsberg zu

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Bei bestem Wetter: Trotz wenig ertragreicher Weinlese hatten die Erntehelfer auf dem Wingertsberg auch in diesem Jahr wieder viel Freude an der gemeinsamen Arbeit an der frischen Luft.

Die Ernte auf dem Wingertsberg fällt in diesem Jahr eher schlecht aus. Grund sind Frost, Hitze und Unwetter. Der Klimawandel hinterlässt seine Spuren. 

Dietzenbach – „Es schmerzt die Winzerseele, wenn man sieht, dass die ganze Arbeit eines Jahres fast verloren ist“, sagt Hobby-Winzer Stephan Gieseler. Der Blick auf die diesjährige Weintraubenernte fällt ihm sichtlich schwer. Drei Eimer voll haben die fleißigen Helfer bei dieser zusammengetragen. „Mit wie viel Wein können wir denn rechnen?“ Gieselers jahrelanger Freund und Bruder im Geiste, Christian Kionka, hebt den Eimer an und schätzt den Inhalt. „Naja, alles zusammen genommen rechne ich mit acht bis zehn Litern je Eimer“, sagt er. „Normalerweise bringt der Wingert mit seinen rund 450 Reben zwischen 200 und 300 Litern Wein. “.

Doch dieses Jahr ist kein gewöhnliches Erntejahr, denn auch der Weinberg auf dem Wingertsberg kann sich den immer deutlicheren Klimaveränderungen nicht entziehen. „Wir sind natürlich auch von Wind und Wetter abhängig“, sagt Altbürgermeister Gieseler. „Und das hat uns dieses Jahr viel Nerven und Arbeit gekostet.“ Bereits im April, kurz nachdem die Reben ausgetrieben hatten, gab es unerwartet Frost. „Das haben viele der jungen Triebe nicht überstanden“, erzählt Kionka. „Die Reben haben natürlich neue Triebe gebildet, aber die bringen erst nächstes Jahr ihren Ertrag.“ Der sehr lange und trockene Sommer war dann auch nicht förderlich. Durch die starke Sonne steigt der Zuckergehalt, aber viele Trauben sind teilweise verbrannt. Im August folgte dann der nächste Nackenschlag, als eine Supergewitterzelle mit extremen Windböen und Hagelschlag im Kreis Offenbach verheerende Schäden anrichtete. „Natürlich war auch unser Weinberg davon betroffen“, sagt Kionka. „Ein Baum fiel vom Nachbargrundstück auf den Wingert und zerstörte Teile des Zauns und einige Reben.“ Die restlichen Trauben wurden vom Hagel stark geschädigt. Nur die Reben, die unter der Pergola im vorderen Bereich des Hauses wachsen, haben die Wettereinflüsse gut überstanden. „Eigentlich hatten wir damit gerechnet, dass die Pergola den Sturm nicht überlebt“, sagt Gieseler. „Aber das alte Holzgestell hat doch noch irgendwie gehalten.“

Dietzenbach: Klimawandel hinterlässt Spuren bei Reben-Ernte 

Der Weinberg, den Altbürgermeister Gielser mit Kionka als Weinbaugemeinschaft Gieseler-Kionka betreibt, liegt versteckt in den Hängen des Wingertsbergs. Der Wingert ist die kleinste eingetragene Weinbaulage Deutschlands und zählt zum Weinanbaugebiet Hessische Bergstraße. Seit mehr als 50 Jahren ist er bereits im Besitz von Kionka. Seine Eltern hatten damals den kleinen Weinberg mit viel Einsatz und Herzblut wieder flottgemacht und damit den alten Brauch in der Stadt erhalten. „Die ältesten Stöcke sind noch aus dem Jahr 1965.“

Weinbau hat in Dietzenbach eine lange Geschichte. So trägt die Kreisstadt in ihrem Stadtwappen die Rebe. Grund genug für Gieseler und Kionka, diese Tradition weiter zu pflegen. Bereits seit dem Mittelalter ist der Wingertsberg als gute Weinlage bekannt. Der Boden vulkanischen Ursprungs und das Klima ermöglichen einen Qualitätsanbau, den die Familie Kionka einst wieder aufgenommen hatte.

„Das war schon eine Menge Papierkram, bis wir diesen Weinberg genehmigt bekommen haben“, sagt Kionka. „Wir bauen hier den Grauen Burgunder an der ein Abkömmling des Blau- bzw. Spätburgunders ist.“ Obwohl die Beerenhaut rötlich bis rot ist, wird der Graue Burgunder zum Weißwein gezählt. Bei Frost ist der Graue Burgunder nur mäßig empfindlich. Er treibt etwas später aus und ist dadurch nur bei späten Frühjahrsfrösten anfällig – und eben die haben dieses Jahr der Ernte stark zugesetzt. „Die Qualität des Weins ist dieses Jahr wenigstens wieder gut“, sagt Kionka. „Immerhin haben wir um die 83 Grad Öchsle.“

Doch trotz der unglücklichen Umstände haben wieder alle Helfer Spaß bei der Lese und lassen sich das anschließende Vesper mit dem Wein der vergangenen Jahre gemeinsam schmecken.

Nach dem schweren Unwetter im Kreis Offenbach haben nun Sturmopfer vom Land finanzielle Hilfe angefordert.

Von Burghard Wittekopf 

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