Opfer von Hanau

Gedenkstätte statt Ehrengrab für Sedat Gürbüz: Eltern sind mit Entscheidung der Stadt nicht einverstanden

Am Grab ihres Sohnes: Selahattin und Emis Gürbüz wollen, dass an ihr Kind auf die gleiche Weise gedacht wird wie an die anderen Hanauer Opfer.
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Am Grab ihres Sohnes: Selahattin und Emis Gürbüz wollen, dass an ihr Kind auf die gleiche Weise gedacht wird wie an die anderen Hanauer Opfer.

Selahattin und Emis Gürbüz sind müde, ihre Körper schmerzen und die Trauer um ihren Sohn Sedat hat sich tief in ihre Seele gebohrt. Zu all dem kommt nun auch noch Wut.

Dietzenbach –Sie sind wütend auf die Stadt, die ihnen doch ein Ehrengrab für ihr Kind versprochen hatte. Ein Grab, wie es auch die anderen Mordopfer des Hanauer Anschlages am 19. Februar 2020 bekommen haben. Stattdessen hat der Magistrat entschieden, dass für den Dietzenbacher eine Gedenkstätte an seinem Grab errichtet werden soll.

Dietzenbach: Eltern von Hanauer Opfer sind wütend – Verwirrung um die Begriffe

Somit scheint es, als habe der Magistrat eine eher fragliche Verwirrung um die Begriffe „Ehrengrab“ und „Gedenkstätte“ losgetreten. Auf Anfrage hin heißt es in einer Stellungnahme, man habe sich an der „allgemein gültigen Definition von Ehrengräbern“ in deutschen Friedhofssatzungen orientiert. Diese laute: „Ehrengrabstätten sind Ausdruck der Ehrung Verstorbener, die zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zur jeweiligen Stadt erbracht oder sich durch ihr überragendes Lebenswerk um die Stadt verdient gemacht haben.“ Eine solche Definition soll nun auch in die Dietzenbacher Friedhofssatzung einfließen.

Die Möglichkeit, überhaupt Langzeitgrabstätten anzulegen, wurde bereits im Dezember aufgenommen.

Um dennoch angemessen an die entsetzlichen Morde in Hanau und vor allem an Sedat Gürbüz zu erinnern und stetig zu mahnen, habe der Magistrat sich entsprechend dazu entschlossen, das Grab zu einer Gedenkstätte zu machen. Insgesamt betont der Rat: „Seitens der Dauer des Grabes oder der Finanzierung gibt es keinen Unterschied zwischen einem Langzeitgrab als Gedenkstätte oder als Ehrengrab.“ Bei beiden würden die Kosten von der Stadt übernommen. Zudem gebe es in Deutschland keine differenzierte Wertung zwischen den beiden Erinnerungsstätten, die den Schluss zuließe, dass eines der beiden „höherwertiger“ anzusehen ist.

Gedenken an Opfer von Hanau: Fast zwei Meter hohe und beleuchtete Stele geplant

Darüber hinaus weist der Magistrat darauf hin, dass ein weiterer Ort des Gedenkens mitten in der Stadt entstehen soll. Als „langfristiger Ort des Mahnens, der Erinnerung und des Gedenkens“ ist für einen zentralen Platz in der Altstadt, wo Sedat Gürbüz auch Zuhause war, eine fast zwei Meter hohe und beleuchtete Stele geplant, gefertigt von dem Dietzenbacher Beton-Künstler Thomas Stich. Das hat die Stadtverordnetenversammlung ebenfalls Ende des vergangenen Jahres beschlossen.

Für die tief traumatisierten Eltern zählt jedoch nur, dass an ihr Kind auf die gleiche Weise gedacht wird wie an die bei dem Anschlag Ermordeten, die in Hanau beerdigt wurden. Dort hatte es, anders als in Dietzenbach, keine langen Diskussionen um ein Gedenken gegeben. Recht schnell hatte die Stadt den Ermordeten posthum die Ehrenplakette der Stadt in Gold verliehen. Auch zum Thema Ehrengrab hatte Oberbürgermeister Claus Kaminsky nicht lange gefackelt und mitgeteilt: „Die Grabstätten werden als Ehrengräber gewidmet, damit die Gräber als Mahnung für zukünftige Generationen erhalten bleiben.“

In ihrer Verzweiflung fragt Emis Gürbüz nun: „Ist mein Sohn weniger wert als die anderen Opfer?“ Und auch Helga Giardino, die Vorsitzende des Ausländerbeirates, die der Familie nach wie vor zur Seite steht, weiß, dass es gerade der Titel „Ehrengrab“ ist, der für Sedats Mutter eine große Bedeutung hat. „In dem Moment, als ich erfahren habe, dass Sedat kein Ehrengrab bekommt, war es, als ob mein Kind ein weiteres Mal stirbt“, schildert Emis Gürbüz ihre Gefühle. (Anna Scholze)

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