Angst vor „Entwurzelung“

Geflüchtete sollen aus Unterkunft am Kindäcker Weg ausziehen

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Die städtische Gemeinschaftsunterkunft am Kindäcker Weg soll in absehbarer Zeit geräumt werden und die Bewohner in andere Kommunen umziehen.

Dietzenbach - Die Flüchtlingshilfe sorgt sich um die Bewohner der Unterkunft am Kindäcker Weg, die in absehbarer Zeit umgesiedelt werden sollen. Die Befürchtung: eine erneute „Entwurzelung“. Von Ronny Paul 

Der Bau der Flüchtlingsunterkunft des Kreises Offenbach an der Ober-Rodener-Straße ist ins Stocken geraten und hat bislang Mehrkosten von rund einer Million verursacht.

Eine Alternative ist die vom Kreis geplante Gemeinschaftsunterkunft an der Ober-Rodener-Straße noch nicht. Die städtische Gemeinschaftsunterkunft am Kindäcker Weg soll in absehbarer Zeit geräumt werden. Die dort noch lebenden 42 Menschen werden auf verschiedene Gemeinschaftsunterkünfte im Kreis Offenbach verteilt. So der Plan. Es gebe keinen konkreten Termin, es werde auch keinen großen Umzug geben, sondern vielmehr mehrere kleine, prognostiziert Erster Stadtrat Dieter Lang. Die Sozialdezernenten der Kreiskommunen hätten sich darauf verständigt, dass Containerbauten auf kommunaler Ebene sukzessive geschlossen und die Geflüchteten dafür freie Plätze in Gemeinschaftsunterkünften des Kreises Offenbach belegen, etwa in Mühlheim, Seligenstadt, Heusenstamm oder Neu-Isenburg, erläutert Lang weiter. Ohnehin hätte die Unterkunft spätestens 2019 aufgelöst werden müssen, da sie nur für fünf Jahre gebaut wurde, informiert der Erste Stadtrat.

Bedenken äußern Gerd Wendtland und Wolfram Doetsch. Der Vorsitzende des Vereins Flüchtlingshilfe und sein Stellvertreter befürchten, die erneute „Entwurzelung“ der Betroffenen. „Ein großer Teil der Bewohner hat Probleme damit umzuziehen“, berichtet Wendtland. Sorgen mache die menschliche Seite, findet der Vorsitzende der Flüchtlingshilfe. „Die Geflüchteten leben seit rund zwei Jahren in Dietzenbach und haben sich inzwischen ihr Leben dort eingerichtet.“ Ebenso hätten sie persönliche Beziehungen im Dietzenbacher Umfeld gefunden und zu den ehrenamtlichen Helfern aufgebaut. Zudem müsste der Sprachunterricht unterbrochen und an einem anderen Ort weitergeführt werden. Auch seien einige berufstätig und nutzten die vorhandene Infrastruktur, betont Doetsch.

Damit nicht genug: Nach dem Umzug müssten einige wohl mit schlechteren Wohnbedingungen rechnen, sprich nicht mit den vom Kindäcker Weg gewohnten Zweibettzimmern, sondern mit Räumen mit bis zu sechs Betten, befürchtet Doetsch. Das sei für diejenigen, die Arbeit haben, schwierig, aber auch für die, die den Deutschunterricht besuchen und Ruhe zum Lernen brauchen. Auch haben die beiden Bedenken, dass Traumata der Flucht bei einem Umzug wieder aufbrechen könnten. Alles in allem habe es den Anschein, „dass wieder einmal Wirtschaftlichkeit vor Menschlichkeit“ gehe, sagt Wendtland.

Das findet Lang nicht. Er sehe den Umzug eher als Chance, in einer weiteren Stadt Fuß zu fassen. „Niemand fällt in ein Loch“, denn in allen Städten sei die Betreuung durch Ehrenamtler gewährleistet. Auch biete das Rhein-Main-Gebiet gute Verkehrsanbindungen und es sei ein Katzensprung bis nach Dietzenbach. Lang betont seine Dankbarkeit gegenüber den Ehrenamtlern in der Flüchtlingshilfe, vor allem in der Einzelbetreuung. „Sie sind die Brückenbauer für Zugewanderte in unsere Gesellschaft.“

Tag der offenen Tür der Feuerwehr in Dietzenbach: Bilder

Wendtland und Doetsch möchten, „dass die, die hierbleiben wollen, auch bleiben können“. Daher suchen sie nach Wohnraum, um den Geflüchteten „die erneute Entwurzelung zu ersparen“. Wer also ein Zimmer zur Untermiete, ein Appartement, ein nicht mehr benötigtes Kinderzimmer oder eine Einliegerwohnung vermieten möchte, richtet sein Angebot an die Flüchtlingshilfe (kontakt@ fluechtlingshilfe-dietzenbach.de, 06074/812603).

Derzeit leben laut Lang noch rund 260 Geflüchtete in der Kreisstadt in den Unterkünften in der Lise-Meitner-Straße, im Haus der Integration sowie in angemieteten Wohnungen. Das Wohnungskontingent werde kontinuierlich allerdings zurückgefahren, sagt Lang und teils an die Flüchtlinge beziehungsweise die Pro Arbeit übertragen.

Bilder vom Weinfest in Dietzenbach

Eine Alternative hätte in dem Fall die Gemeinschaftsunterkunft des Kreises Offenbach an der Ober-Rodener-Straße sein können, die eigentlich schon zum Sommer vergangenen Jahres fertiggestellt sein sollte. Doch da gab es, wie berichtet, Probleme. Der vom Kreis beauftragte Generalunternehmer hatte Insolvenz angemeldet und der Bau war ins Stocken geraten. Vor der Abwicklung der Insolvenz habe nicht weitergebaut werden können, sagt Kreissprecherin Kordula Egenolf auf Nachfrage. Nachdem man sich nun einen Überblick über den aktuellen Bauzustand verschafft habe, werden die noch zu erbringenden Leistungen nach Gewerken sortiert und neu ausgeschrieben, denn die Unterkunft soll weiterhin gebaut werden und für Geflüchtete zur Verfügung stehen. Wann ist offen. Zu den ursprünglich kalkulierten Kosten von rund 3,5 Millionen Euro sind durch die Verzögerungen rund eine Million Euro Mehrkosten dazu gekommen, so Egenolf.

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