Geschichte einer Kastanie

Vergessenes Symbol für Frieden

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Der 1981 von der evangelischen Pfarrerin Barbara von Teichman-Keim gepflanzte Friedensbaum an der Dreieichstraße wird kaum noch als solcher wahrgenommen.

Dietzenbach – Gerade ist sie etwas kahl und im Schein der tiefstehenden Wintersonne werfen ihre Äste einen langen, dichten Schatten auf den Asphalt der Dreieichstraße. Die Kastanie ist ein prächtiger Baum und in ihrem Sommerkleid besonders hübsch anzusehen. Von Lisa Schmedemann

„Der Anblick im Herbst, wenn das Grün zu Gelb wechselt, ist atemberaubend schön“, findet Heidi Burke, die von ihrer Wohnung aus einen direkten Blick auf das stolze Gewächs hat. Die Glas- und Papiercontainer stören das Bild jedoch, merkt Burke an. Jürgen Schlomski, der ebenfalls in der Dreieichstraße wohnt, betont: „Das ist unserem Friedensbaum nicht würdig. “.

Dessen Geschichte begann etwa im Oktober 1981, als er rund einen Meter groß war. Burke tritt an den Stamm heran und schätzt mit der Hand die einstige Höhe: „Vom Wohnzimmer aus hatte ich damals gesehen, dass eine kleine Feier zur Pflanzung stattgefunden hat“, berichtet Burke. Bei einer Tombola, die anlässlich dessen veranstaltet worden ist, hat sie ein Aquarell gewonnen, das zeigt, wie der Baum eines Tages aussehen würde. „Ich habe Jahr für Jahr darauf gewartet“, sagt sie und schaut am Stamm entlang hinauf in die Krone. „... und jetzt ist es so weit.“

Das Astwerk trägt zwar derzeit kein Laub, doch dafür seit Jahren eine Botschaft. Eine Botschaft, die in Vergessenheit geraten, doch laut Schlomski „aktuell wie eh und je“ ist. Manche Dietzenbacher haben nie Kenntnis vom Friedensbaum auf der Grasfläche neben der Aue-Schule genommen und andere erinnern sich nur vage. „Ich wünsche mir, dass dieser Baum wieder in das Bewusstsein der Menschen rückt“, sagt Schlomski.

Gesetzt wurde die botanische Botschaft von der ehemaligen Pfarrerin Barbara von Teichman-Keim. In ihren Jahren in der evangelischen Gemeinde hat sie viel gesät, doch selbst keine Wurzeln geschlagen. „An diese Art Pfarrerin musste sich der Kirchenvorstand erst einmal gewöhnen“, erinnert sich Ralf Viehmann, der den ersten Konfirmandenunterricht Teichman-Keims besucht hat. „Babs hat alles irgendwie revolutioniert“, führt der heute 54-Jährige aus. Ein anderer ehemaliger Konfirmand erzählt: „Wir haben mit ihr viele lustige Abende im Gemeindezentrum in der Rodgaustraße verbracht, Punk gehört und Musik gemacht.“ Er sei bis heute von ihr geprägt – von ihrer Art, die Welt zu sehen. Sie erregte ab 1978 damit Aufsehen und machte auf sich aufmerksam. Die, die ewig in der Opposition stand. Ihre fast radikale, friedliebende Einstellung war manchem ein Dorn im Auge. Dass sie eine Rebellin mit Hintergrund war, liest man aus der Trauerpredigt heraus, die ihr ExMann Dieter Keim zu ihrem Tod im Jahr 2011 verfasst hat. „Mit ihrer Hilfe habe ich den Kriegsdienst verweigert, das war Ende der Siebziger noch gar nicht so leicht“, sagt der ehemalige Konfirmand. Von Teichman-Keim habe ein Netzwerk aufgebaut, in dem man sich Hilfe und Unterstützung suchen konnte – und sie bekam. Auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung veranlasste sie schließlich, als Zeichen des Friedens einen Baum zu pflanzen: Im Oktober 1981 erfasste eine Welle von Demonstrationen gegen die Atomaufrüstung die Bundesrepublik. Zwischen den Fronten der amerikanischen Mittelstreckenrakete Pershing II und der sowjetischen SS-20 stand sie nun, die kleine Kastanie, bis heute fest verwurzelt in Dietzenbacher Grund und doch vergessen.

Von Teichman-Keim hat es in Dietzenbach nicht gehalten. Nach der Hochzeit mit dem 18 Jahre jüngeren Keim wurden die Unkenrufe zu laut und sie kehrte der Stadt den Rücken. „Wir ließen sie sehr ungern gehen“, sagt Viehmann, der auch nach seiner Konfirmation in regem Austausch mit der Pfarrerin stand.

Von Teichman-Keim fand mit ihrem Mann in Wersau im Odenwald eine neue Gemeinde, in der sie bis 2005 agierte. Sie ging – der Baum blieb. Als sichtbares Vermächtnis, während das noch größere unsichtbar in den Köpfen vieler ehemaliger Konfirmanden verankert ist. „Es wäre schön, wenn sich die Kirche wenigstens einmal im Jahr um den Baum kümmern würde“, sagt Schlomski. Wenn denn schon Müllcontainer davorstehen müssen ...

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