Als der Arzt den Spargel brachte

Erinnerungen an Dr. Gustav Heumann, den ersten praktizierenden Mediziner in Dietzenbach

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Entlang des Ärztezentrums in der Babenhäuser Straße führt der Dr. -Heumann-Weg hinunter zur Ernst-Reuter-Schule. Mediziner verschiedener Fachrichtungen sind dort ansässig, das Radiologische Zentrum.

Dietzenbach – In eben jenes verschlägt es viele Menschen aus dem Umkreis, wenn sie ein Bild ihres Inneren brauchen. Noch vor etwa 100 Jahren allerdings war es umgekehrt: Der Arzt Dr. Gustav Heumann besuchte nicht nur die Dietzenbacher bei sich zu Hause, sondern auch kränkelnde Offenthaler und Götzenhainer. Am morgigen Sonntag wäre der Mediziner, der mehr als 50 Jahre in Dietzenbach praktizierte, 150 Jahre alt geworden. Das letzte Jubiläum, das er feierte, war sein 80. Geburtstag. Vor rund 20 Jahren ist das parallele Straßenstück zur Babenhäuser zu Ehren des ersten Landarztes umbenannt worden.

Geboren am 29. September 1869 in Pfungstadt verschlug es den Mediziner im Jahr 1895 nach Dietzenbach. Etwa ein Jahr später heiratete er seine Frau Elisabeth und gründete mit ihr bald darauf eine Familie. Zu dieser Zeit lebten rund 2000 Menschen in dem Dorf, das bis dahin keinerlei ärztliche Versorgung hatte. Heumann zog in die Hofreite „vom Schmidt Schorsch“, in die Bahnhofstraße 52, wo er zunächst seine Praxisräume einrichtete. Doch sein Hauptgeschäft sollten die Hausbesuche sein, wie es für einen Landarzt zu dieser Zeit üblich war. In Dietzenbach erreichte er seine Patienten meist zu Fuß, für Krankheitsgeplagte jenseits des Hexenberges nahm er die Pferdekutsche.

Dietzenbach: Erinnerungen an den ersten Arzt

„Er war ein sehr tüchtiger Arzt“, erinnert sich Anna Lehr. „Dr. Heumann hat mir als Kind die Mandeln herausgenommen, ich habe ihn noch mit dieser typischen Stirnlampe vor Augen“, erzählt die 96-Jährige. Dafür war Lehr als Kind selbst auf den Wingertsberg gelaufen. Am Hang zur Darmstädter Straße hin baute 1914 der Arzt eine Villa mit Wohn- und Praxisräumen, in denen kleinere Eingriffe möglich waren. Auf dem Schoß von Anna Knecht, der „Doktor-Anna“, nahm das Mädchen Platz und ließ die Prozedur über sich ergehen. „Danach hat mich der Doktor in sein Auto gesetzt und wieder nach Hause gefahren“, erzählt Lehr weiter. Einige Jahre später sollte sie regelmäßigen Besuch von Heuman bekommen: Wegen einer Nierenbeckenentzündung schaute der Arzt täglich nach seiner Patientin. „Ihm war das Genesen seiner Patienten sehr wichtig“, sagt Lehr.

Auch Knechts Tochter erinnert sich noch gut an den Arzt und seine Familie. „Gustav war sehr angesehen im Dorf, das hat sich auch immer wieder zu seinen Geburtstagen gezeigt“, erzählt sie. Seine Freizeit verbrachte Heumann gerne im „Café Müller“ an der Rathenaustraße. Gesellig sei er gewesen, den Menschen zugetan und einfühlsam. Er wurde freudig gegrüßt, wenn er mit einem seiner Sportwagen durch die Straßen fuhr. „Er brachte gewissermaßen einen höheren Standard ins Dorf“, erläutert Knechts Tochter. So habe Heumann auch den Spargel nach Dietzenbach gebracht, was einen Aufwind in der Landwirtschaft darstellte.

Vor einem üppigen Geschenketisch zum 80. Geburtstag sitzt Dr. Gustav Heumann im Jahr 1949. Auch zu seinem 150. Jubiläum in diesem Jahr sind die Spuren des Mediziners, dem wohl einige Dietzenbacher ihr Leben verdanken, noch zu sehen.

Doch auch vor all dem Glanz macht die Natur nicht Halt. In seinem Leben hatte Heumann mit einigen Schicksalsschlägen zu kämpfen. Das erste Kind überlebte den ersten Tag nicht, seine Tochter Maria, genannt „Maja“, war taubstumm. Die einzige Schwester von drei Brüdern fand etwas Trost in der Lyrik, die sie verfasste, um ihrem Inneren eine Stimme zu geben. Ihr Bruder Werner verunglückte bei einem Motorradunfall tödlich, Gutsav junior und Paul Günter waren Anhänger des Nationalsozialismus. Letzterer trat zwar in die medizinischen Fuß-stapfen seines Vaters, doch fiel 1941 im Krieg. Einen Vorwurf machte sich Heumann vermutlich bis zum Lebensende: Seine Frau Elisabeth starb im Dezember 1935 vermutlich an einem Hirnschlag. Lehr, deren Familie damals eine Tankstelle in der Babenhäuser Straße betrieb, erinnert sich noch an dem Tag, an dem der Sportwagen mit dem aufgelösten Heumann vorfuhr. „Zwei Ärzte in der Familie, aber keiner war zu Hause, um zu helfen“, soll der Doktor immer wieder gesagt haben. Gustav Heumann rettete vielen Dietzenbachern das Leben, doch konnte eines, das ihm besonders lieb war, nicht retten. Dennoch verbrachte er seinen 80. Geburtstag in einer Runde von Menschen, die ihn sehr schätzten, ehe er am 3. März 1951 mit Jahren starb.

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