Mitarbeiter bekommen seit drei Monaten kein Gehalt

Chaotische Zustände bei Petri+Lehr

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Stillstand: Aktuell arbeitet bei Petri+Lehr an der Hans-Böckler-Straße keiner. 

Die Zustände bei „Petri+Lehr“ in Dietzenbach sind chaotisch: Die Mitarbeiter bekommen seit drei Monaten kein Geld und legen deshalb die Arbeit nieder.

Dietzenbach – Seit 117 Jahren gibt es „Petri+Lehr“ bereits. Wie viele Jahre für das 1902 in Offenbach gegründete und seit 2006 in der Kreisstadt ansässige Traditionsunternehmen noch dazukommen, ist aktuell mehr als ungewiss.

Denn derzeit ruht der Betrieb an der Hans-Böckler-Straße. Die Zustände in dem auf Fahrhilfen spezialisiertem Unternehmen klingen chaotisch.

Es geht nichts mehr

„Seit mindestens einer Woche tut sich hier garnichts mehr“, berichtet ein Nachbar. Ab und zu sehe er, wie Fahrzeuge auf den Hof fahren, jemand aussteigt und sich irritiert umschaut. Ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte, nennt den Grund: „Wir haben seit Januar keinen Lohn mehr bekommen und seit 6. März sind Wasser und Heizung in der Firma abgestellt.“ Das bestätigt ein Zettel, der an einer Glastür auf dem Firmengelände hängt.

Er habe eine „Stinkewut auf das, was passiert ist“. Und berichtet weiter: Es gibt keinen Zuständigen mehr für die Buchhaltung. „Schreiben des Finanzamts stapeln sich mit allen anderen Schreiben im Büro.“ Laut Mitarbeitern ist der Niederlassungsleiter bis Anfang April krankgeschrieben und nicht erreichbar, der Geschäftsführer Dr. Andreas Kehrel ignoriert die Anliegen der auf 13 Mann geschrumpften Belegschaft. Auch die Anfragen unserer Redaktion hat er bislang nicht beantwortet. Der Mietvertrag für das Firmengebäude sei bereits für Mitte Februar gekündigt worden, berichtet Tristan Cresswell vom Petri+Lehr-Betriebsrat. Der Vermieter habe aber bislang von einer Räumungsklage abgesehen.

Ein-Mann-Betriebsrat vermutet „Missmanagement“

Cresswell arbeitet seit rund zehn Jahren in der Firma, hat die Umstrukturierung nach der Insolvenz 2013 mitgemacht und hatte nach der Übernahme durch die Kehrel AG zunächst ein gutes Gefühl. „Es lief ganz gut.“ Immerhin gibt es bei Petri+Lehr einige Patente. Etwa einen Multifunktionsdrehknopf für Menschen mit Handicap, der dem Fahrer die Bedienung der gesetzlich geforderten Funktionen wie etwa Blinker, Wischer, Licht und Hupe per Tastendruck ermöglicht, ohne das Lenkrad loszulassen. „Ein preisgekrönter Bestseller“, betont Cresswell.

Doch die Produktion ruht. „Missmanagement“ vermutet der Ein-Mann-Betriebsrat hinter dem Niedergang. „Es wurde viel Geld zum Fenster rausgeschmissen.“ Dabei sind vor allem die selbst produzierten Fahrhilfen gefragt. Audi, Daimler und VW gehören zu den Abnehmern. Jedoch behauptet ein Angestellter, dass Mercedes die Petri+Lehr-Produkte mittlerweile aus dem Angebotskatalog gestrichen habe.

Kunden bleiben auf der Strecke

Und auch Kunden, die Garantieansprüche geltend machen wollen, bleiben auf der Strecke: „Wenn einer käme, könnten wir nichts machen.“ Ebenso könne man nichts mehr reparieren. Das betrifft Petri+Lehr-Kunden im gesamten Rhein-Main-Gebiet, sagt der Mitarbeiter.

Zum Geschäftsführer Kehrel gibt es seit einigen Wochen keinen Kontakt mehr. Er habe die Angestellten immer wieder vertröstet – auch als Gehälter im vergangenen Jahr verzögert eingingen – und gesagt, es gebe nur einen kleinen finanziellen Engpass, Geld sei auf dem Weg. „Immer nur leere Versprechungen“, schimpft ein Angestellter. „Vor ein paar Tagen war ein Gütetermin beim Arbeitsgericht Offenbach angesetzt, das persönliche Erscheinen des Geschäftsführers war vom Gericht angeordnet“, berichtet der Angestellte weiter und fragt rhetorisch: „Wer ist nicht erschienen? – Der Geschäftsführer!“ Sechs weitere bange Wochen für die Angestellten, der nächste Gerichtstermin ist Anfang Mai.

"Es ist alles komplex und verstrickt"

Kehrel mache das, was er schon bei der ehemaligen Petri+Lehr-Schwesterfirma, der Starz Bordnetze GmbH im brandenburgischen Großräschen, gemacht habe, schimpft der Mitarbeiter. Diese gehörte ebenfalls unters Dach der Kehrel AG. Die Starz GmbH musste allerdings im vergangenen Jahr wie ihre Muttergesellschaft Insolvenz anmelden. Daraufhin wurde die KeKo Management GmbH ins Leben gerufen, die ein Unternehmensnetz spannt, zu dem auch Petri+Lehr gehört. Geschäftsführer bei allen Firmen ist Kehrel. Gegen diesen laufe mindestens ein Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Cottbus wegen Insolvenzverschleppung, bestätigt ein mit dem Starz-Fall befasster Redakteur der Lausitzer Rundschau auf Anfrage.

„Es ist alles komplex und verstrickt, wir wissen nicht, was der Mann vorhat“, kommentiert ein Mitarbeiter die Lage. Seit 11. März gehen die Petri+Lehr-Angestellten nun nicht mehr zur Arbeit. Auf Anraten der IG Metall hatten sie eine Lohnklage eingereicht und beim Amt Arbeitslosengeld beantragt. Zwei Monatslohnausfälle müsse man „erst einmal hinnehmen“, bedauert Cresswell. Erst dann besteht Anspruch auf Stütze beim Arbeitsamt. Der nächste Schritt wäre, Insolvenzgeld zu beantragen. Der Offenbacher Gewerkschaftssekretär Peter Wich sagt: „Die IG Metall bietet den Angestellten Rechtsschutz, dass diese einen Insolvenzantrag stellen könnten – wie auch alle anderen Gläubiger des Unternehmens.“

Das wiederum sei mit Ärger und Kosten verbunden, sagt Cresswell. Das komme für ihn als Privatperson nicht infrage. Wird die Insolvenz theoretisch erst im Mai eingereicht, bekämen die Angestellten kein Januar-Gehalt mehr. Insolvenzgeld wird nur für drei Monate rückwirkend ab dem Tag des Insolvenzantrags bezahlt. Daher hoffen die Mitarbeiter darauf, dass die Firma oder einer der Gläubiger schnell Insolvenz anmeldet. Dann haben die Angestellten aber kein Recht auf Arbeitslosengeld mehr, weil ihnen gekündigt wurde. „Egal wie, man ist der Verlierer“, sagt Cresswell.

Von Ronny Paul

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