Briefe von der Nationalversammlung

Enkelin von Johanna Tesch erzählt über das Leben ihrer politisch engagierten Großmutter

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Sonja Tesch sprach über ihre Familie.

Die eigenen Familiengeschichte zu erforschen, kann ziemlich spannend sein. Im Falle von Sonja Tesch gereicht die eigene Vergangenheit und Herkunft zu einem Vortrag in der Volkshochschule (Vhs).

Dietzenbach – Die Wahlhamburgerin ist derzeit zu Besuch bei ihrer jüngeren Schwester Yvonne Tesch-Klühspies, die sich den prominenten Namen auch nach der Heirat bewahrt hat.

Die Frankfurterin Johanna Tesch war eine Schneidertochter aus einer Hugenottenfamilie, die – damals noch ungewöhnlich für Frauen – in der Politik aktiv war. Zuvor war sie bereits in Frauenorganisationen tätig, bis sie schließlich 1908 per Gesetz in die SPD eintreten durfte.

Dietzenbach: Vortrag an der Volkshochschule

Heute erinnert ein nach ihr benannter Platz im Frankfurter Stadtteil Riederwald, wo sie aufwuchs, an die Politikerin. Sonja Tesch beginnt ihren Vortrag über die eigene Großmutter mit einigen Eckdaten und betont: „Ich bin für meinen Vortrag bewusst nicht chronologisch vorgegangen.“ Ihre Großmutter hat Sonja Tesch nie kennengelernt, denn diese verstarb 1945 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Da war Sonja Tesch erst drei Jahre alt. Die Politikerin nahm als Abgeordnete an der Deutschen Nationalversammlung in Weimar teil, wovon sie rege in etlichen Briefen an ihren Ehemann Richard berichtet hat. Insgesamt 242 Briefe hat die Enkelin durchforstet, um ihre Großmutter kennenzulernen. Im Wechsel liest sie Ausschnitte daraus dem Publikum in der Vhs vor. Dabei gelingt es ihr, ihre Zuhörer völlig in den Bann zu ziehen. Gute zwei Stunden dauert der Beitrag, doch die Zeit verstreicht mit einem Augenschlag. Anders als bei Vorträgen, die Referenten über ihnen fremde Menschen halten, merkt man bei der Enkelin, dass sie sich mit ihrer Großmutter als „Johanna“, nicht nur als Politikerin, auseinandergesetzt hat. Die Einblicke, die Sonja Tesch gewährt, wirken nah und vertraut, zudem spiegeln sie den Alltag eines Ehepaars der damaligen Zeit wider. „Das wirkt alles viel näher“, findet Vhs-Leiterin Petra Lück.

Berlin: Tesch wirkte auch in der Hauptstadt

Während des Vortrages macht Sonja Tesch Zeitsprünge in die 20er-Jahre. Mittlerweile wirkt „Ma“, wie Johanna Tesch von vielen genannt worden ist, in Berlin. Dort verbringt sie viele gemütliche Runden und schreibt „Pa“, ihrem Mann, und ihren drei Söhnen munter Karten. In den Antworten von Richard Tesch schwingt irgendwann ein eifersüchtiger Ton mit. Von ihren vielen Reisen berichtet „Ma“ oft von verspäteten Zügen und dementsprechend erhitzten Gemütern. Und „dass das Einmachen der Pflaumen meiner Anwesenheit bedarf“, schreibt sie ebenfalls mit Sarkasmus an ihren Mann, der sich zuvor noch über den aufwendigen Haushalt beschwert hatte. Eine ebenfalls unübliche Gegebenheit für die damaligen Verhältnisse.

In den Briefen erkundigte sich die engagierte Frau immer wieder nach ihrem Sorgenkind „Kallemann“. So nannten die Teschs ihren Sprössling Carl, den Vater der Referentin. Zwar machte er eine Ausbildung zum Werkzeugmacher, doch befriedigte ihn das nicht. „Mein Vater liebte Bücher, Bilder und Theater“, erinnert sich Sonja Tesch. Mit dieser Leidenschaft eröffnete er 1919 das Volksbildungsheim in Frankfurt – ein Grundstein der heutigen Volkshochschulen.

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