Vereinsgründung für Sanierungsarbeiten

Ensemble unter Denkmalschutz

Ein deutliches Zeichen setzten die Bewohner des Schäferecks während er Renovierungsarbeiten. Sie sanierten nicht nur die „Eisdortel“ in Eigenregie, sondern auch die angrenzenden Hausnummern 38 bis 42. Foto: p

 „Montagmorgen, du siehst grau aus. Die Holzrücker sind schon längst mit dem Pferd im Wald. Oder schlafen sie vielleicht noch?“, heißt es in dem Schriftstück eines Hausbesetzers. 

Dietzenbach – Der Verfasser von damals berichtet von einem typischen Tagesablauf in der Gemeinschaftsküche, die sich in der „Eisdortel“ befand. Reges Treiben herrschte im Schäfereck und dem angrenzenden Haus in der Schäfergasse 15, in denen sich mittlerweile die Bewohner eingelebt hatten. Feste wurden gefeiert und von den umliegenden Bäckern und Metzgern gerne unterstützt. Die Jugendlichen, die das Stadtbild erhalten wollten, erhielten viel Zuspruch von den Bürgern, doch im Magistrat rumorte das Thema des Abrisses weiter.

Das Schicksal der „Dortel“ und der Hausnummer 15 sollte durch den Nutzungsvertrag zunächst gesichert sein, aber die angrenzenden Hausnummern 38 bis 42 im Schäfereck wurden zum Ziel eines neuen Abrissvorhabens. Die Deutsche Stadtentwicklungsgesellschaft (DSK) stufte die Renovierung der Häuserzeile als unrentabel ein, woraufhin sich der Magistrat im Juni 1987 für die Abtragung der maroden Bausubstanz aussprach. „Da war für uns natürlich klar, dass wir auch diese Häuser besetzen“, erzählt Jürgen Rosskopf. Durch seinen älteren Bruder hatte er Kontakt zu den Bewohnern, bis er 1987 schließlich selbst in die Nummer 38 einzog. Für Oliver Heyde kam der günstige und alternative Wohnraum wie gerufen. „Ich war damals gerade in der Ausbildung und konnte mir meine ersten eigenen vier Wände leisten“, berichtet er. Voraussetzung: Renovieren. „Mit der Zeit sind die Häuser zu einem Schmelztiegel von Künstlern und Lebenskünstlern geworden“, sagt Rosskopf. Wie eine große Familie, selbst versorgt mit Hühnern, Gemüseanbau und Kelterei.

Haus komplett abtragen

Was in kleiner Form bei einer gemeinsamen Haushaltskasse begann, haben die Bewohner zu einem kompletten Finanzierungsplan der Sanierungsarbeiten ausgearbeitet. Peter Hesse, der kurz nach Rosskopf in die 38 zog, erzählt: „Wir haben das Haus erst einmal bis auf das Skelett abtragen müssen.“ Um es fachgerecht wieder aufzubauen, eigneten sich die Besetzer in Seminaren das nötige Wissen an. „Es sollte damals schon ökologisch und nachhaltig sein“, sagt Rosskopf. Nach einigen Anläufen trauten sich die Bewohner schließlich an die konventionelle Mischung aus Lehm und Stroh. 

„Wir haben auch den untersten Stützbalken austauschen müssen“, erinnert sich Heyde. Die Motivation war dieselbe wie schon bei der Besetzung der „Dortel“: Identifikation mit dem Heimatort und die Erhaltung des Stadtzentrums – all das in Eigenregie. „Man darf auch nicht vergessen, dass in dieser Reihe das vermutlich älteste Haus Dietzenbachs steht“, betont Rosskopf. Daneben sei das Ensemble aus „Dortel“ und den anderen beiden Hausnummern das letzte Objekt in der Stadt, das ein einheitlich gewachsenes Fassadenbild zeigt.

Anlaufstelle für Heranwachsende

Während der Renovierung ist das Schäfereck außerdem zu einer Anlaufstelle für Heranwachsende geworden. Auch das Jugendzentrum in der Rodgaustraße diente als Geburtsstätte von Ideen und Konzepten. „Aus dem Selbsthilfeprojekt haben wir schließlich im November 1987 einen Verein gegründet“, erzählt Rosskopf. „Wohnen, arbeiten, leben“ lautete der Name, der bereits und fortan Programm sein sollte. Ein von der Stadt beauftragter Architekt hatte die Kosten zur Vollendung des Projekts auf etwa anderthalb Millionen Mark geschätzt. Eine Summe, deren Finanzierungsplan seitens des Vereins schon ausgearbeitet war. „Zum Glück konnte ein Ensembledenkmalschutz erreicht werden“, sagt Hesse. Heyde ergänzt: „Zu Vereinszeiten wohnte ein relativ fester Stamm in den Häusern.“ Insgesamt 23 Menschen, vier Hunde und zwei Katzen hatten durch die „Instandbesetzung“ ein Dach über dem Kopf. Im Keller der „Dortel“ probten die ansässigen Musiker, die Gruppe „Modellbau“ fertigte Anschauungsmaterial im Jugendzentrum, die „Siebdruck“-Gruppe Aufkleber, T-Shirts und Broschüren, die über das Vorhaben informierten. Der Verein war außerdem Teil eines zweijährigen, von der Europäischen Gesellschaft finanzierten Bauprojekts.

VON LISA SCHMEDEMANN

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