Interview

Bergsteiger Jin Feibao erzählt von seinen Abenteuern

Die Freundschaft begann bei einer Nordpolexpedition: Nun hat der Chinese Jin Feibao Norbert Kern einmal mehr einen Besuch abgestattet. Foto: WACHTER

Bergsteiger Jin Feibao spricht mit unserem Redakteur über die Lust am Abenteuer und die anstehende Städtepartnerschaft zwischen Dietzenbach und der chinesischen Stadt Kunming.

Dietzenbach – Jin Feibao hat die höchsten Berge dieser Welt bestiegen und ist 100 Marathons an 100 aufeinanderfolgenden Tagen gelaufen. Und das sind nur zwei Auszüge aus seiner Vita. Einmal mehr war er nun zu Gast in der Kreisstadt, bei seinem Freund Norbert Kern.

Im Interview sprechen die beiden über ihre Abenteuerlust und die anstehende Städtepartnerschaft zwischen Kunming und Dietzenbach. Fast schon naheliegend: Kennengelernt haben sie sich nicht in Deutschland oder China, sondern am Ende der Welt, bei einer Südpol-Expedition.

Herr Feibao, was war Ihr erster Gedanke, als Sie auf Norbert Kern trafen?

Feibao: Ein netter, sportlicher und älterer Mann. Er hat immer versucht, auf Englisch mit mir zu kommunizieren, aber das habe ich nicht so gut verstanden. Wir haben aber in einem Zelt geschlafen, uns besser kennengelernt. Dann hatte ich noch ein Handy mit Empfang, nachdem ich meine Frau angerufen hatte, rief Norbert seine an. Ich habe mir nicht nur einen Traum erfüllt, sondern so einen netten Typen getroffen. Das muss wohl Schicksal sein.

Oft verspricht man sich mit neuen Bekanntschaften auf Reisen ja, in Kontakt zu bleiben, am Ende klappt‘s aber doch nicht ...

Kern: Als wir den Südpol hinter uns hatten, haben wir uns gesagt, lass doch auch noch den Nordpol bereisen. Dort waren wir 2008. Und 2009 noch in Grönland.

Und in Grönland wurde der Grundstein für die Freundschaft von Dietzenbach und Kunming geplant?

Kern: Ja, bei einem Glas Wein. Wir hatten ja auch beide guten Kontakt zu unseren Bürgermeistern.

Feibao: Der Oberbürgermeister von Kunming wusste ja zuerst gar nicht, wo Dietzenbach liegt oder wie groß es ist. Aber wegen der Freundschaft von uns beiden war man wohl überzeugt, dass es auch mit den beiden Städten klappen muss. Und schließlich liegt Deutschland im Herzen von Europa und Dietzenbach auch noch mitten drin.

Kern: Später haben wir dann den Freundschaftsvertrag in Kunming unterzeichnet, der damalige Oberbürgermeister hatte Dietzenbach zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gesehen, kam aber später zu Besuch. Inzwischen ist er ein wichtiger Mann in der Provinz.

Feibao: Der neue Oberbürgermeister sah das aber ähnlich.

Kern: Wir haben auch immer vom Rhein-Main-Gebiet gesprochen. Mit dem Flughafen, den Universitäten, das war natürlich wichtig.

Wie spricht man denn mit dem Bürgermeister einer 6,5-Millionen-Metropole?

Feibao: Das kommt darauf an, wer spricht. Wenn man ein Freund ist, muss man nicht unbedingt im Anzug kommen.

Wie haben Sie sich dieses Netzwerk aufgebaut?

Feibao: Ich war der Erste aus Yunnan, der den Mount Everest bestieg. Auch durch meine anderen sportlichen Aktivitäten bin ich bekannt geworden. Ich arbeite für die Regierung und habe dort eine höhere Position. Bei diesem Job muss ich auch nicht jeden Tag im Büro bleiben, wie Abgeordnete eben. Da bleibt auch genug Zeit für Abenteuer.

Auf der englischsprachigen Wikipedia steht, Feibao werde als Chinas größter Abenteurer beschrieben. Was bedeuten Abenteuer für Sie?

Kern: Mein Vater war Kommunist, kam im Ersten Weltkrieg in russische Gefangenschaft. Er wurde nach Murmansk verlegt. Sie mussten dort den Gleisanschluss an den Hafen bauen. Ende 1919 entschied er sich, mit zwei Deutschen und einem Österreicher zu fliehen. Der Österreicher ist dabei gestorben, meinem Vater sind die Zehen abgefroren. Wir waren neun Geschwister, mein Vater hat häufig von der Flucht erzählt. Als 1954 die erste wissenschaftliche Station am Südpol eröffnet wurde, sagte er meinem jüngeren Bruder und mir, dass er gerne solche Reisen mit uns gemacht hätte – dorthin. Da hat’s bei mir Klick gemacht. Ich habe nicht mehr Micky Maus gelesen, sondern Amundsen und Scott. Den Traum habe ich nie aus den Augen verloren. Vielleicht bin ich kein Abenteurer, ich wollte aber immer die Welt sehen.

Feibao: Ich habe in der Schule Romane wie „In 80 Tagen um die Welt“ gelesen, das hat mich und viele andere Jungs beeinflusst. Irgendwann hatte ich fast jede Provinz von China bereist. Mit der Zeit entwickelte sich das Hobby, auf Berge zu klettern. 4000, 5000, dann 6000 Meter und irgendwann der Mount Everest. Ich wusste, wie viel ich schaffen konnte, dann plante ich, neun der höchsten Berge zu besteigen, den Explorers Grand Slam, auch den Mount Vinson in der Antarktis.

Herr Feibao, gibt es Ziele, die Sie noch reizen?

Feibao: Viele. Als wir uns kennenlernten, war Norbert ja schon etwas älter. Ich war überrascht, was man da noch alles tun kann und will auch noch mit 80 solche Reisen machen. Ein größeres Ziel ist die Seefahrt, mit dem Schiff um die Welt.

Kern: Da mache ich mit!

Sie sind sehr bekannt in China, werden Sie nach Selfies gefragt, Herr Feibao?

Oft, von jungen oder alten Menschen. Manchmal lassen sie mich im Taxi oder im Restaurant auch nicht bezahlen.

Angenommen, Sie können sich aussuchen, was man über eine Städtepartnerschaft zwischen Kunming und Dietzenbach in einigen Jahrzehnten sagt und schreibt. Was wäre das?

Kern: Dass es zwei Menschen aus ganz unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen System es geschafft haben – im Rahmen der Friedensschaffung und im Zuge der Freundschaft –, eine solche Städtepartnerschaft auf den Weg zu bringen. Damit einen minimalen Teil zum Frieden zwischen zwei Ländern beizutragen, darauf wäre ich sehr stolz.

Feibao: Dass sich die Partnerschaft wirklich entwickelt hat, und das in allen Hinsichten, kulturell, technisch oder im Sport zum Beispiel. Es wäre ein Traum für mich, wenn es diesen Austausch auch noch gibt, wenn wir nicht mehr da sind.

Wie sieht es mit konkreten Vorstellungen für die nähere Zukunft aus?

Kern: Als wir damals beim Künstler Luo Xu in Kunming zu Gast waren, haben wir ihn gefragt, ob er nicht nach Dietzenbach kommen möchte. Er hat spontan zugesagt. Ein halbes Jahr später kam er her. Dann kam die Idee mit Uschi Heusel auf. Feibao hat unglaublich viel Aufwand in die Ausstellung in Kunming investiert. Wir hatten auch schon mal eine Schuldelegation aus Kunming hier. Jetzt ist Hans Peter Löw von der Heinrich-Mann-Schule dran, eine Delegation zusammenzustellen. Das kann der nächste Schritt sein. Und dann haben wir ja auch noch den Künstlerkreis hier, auch eine Musikgruppe könnte mal nach Kunming und wir eine Gruppe einladen. Sportler könnten kommen oder Dietzenbacher Vereine Kunming besuchen. Kultur, Sport und Bürgeraustausch, das steht auch in der Vereinbarung.

Feibao: Die Wirtschaft in China hat sich rapide entwickelt, nicht aber die Qualität des Handwerks. Da müssen wir natürlich nachdenken, wie wir von den Deutschen lernen können, zum Beispiel Werkzeug herzustellen, das lange hält. Ich würde auch gerne den Jugendsport fördern. Fußball ist sehr beliebt in China. Es wäre super, wenn wir deutsche Trainer anstellen könnten.

Was haben Sie persönlich von einander gelernt?

Kern: Bei der Nordpolreise sind wir beide ins Wasser gefallen. Dass er dann weitermachte, hat mich beeindruckt, der Wille durchzuhalten. Was mich am meisten motiviert hat, war aber die Freundschaft, der Zusammenhalt.

Feibao: Es ist einfach, ein Ziel zu haben. Wenn man es realisieren möchte, sieht das anders aus. Da konnte ich viel von seinem Alter lernen. Er hat nie aufgegeben. Das war für mich dann der „Spirit of Germany“, nicht zu sagen: „Nein, das kann ich nicht machen“. Und genau so ist Norbert.

Das Gespräch führte Christian Wachter.

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