Beratungszentrum Mitte

Die Angst, ausgelacht zu werden: Jugendliche arbeiten an ihrem Selbstbewusstsein

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Ein Teil der Gruppe: Therapeutin Narges Nematpour mit Adrian (von links), Luna, Mia und Michelle.

Es gibt Situationen, in denen sich Jenny ziemlich unwohl fühlt. Vor allem in der Schule passiert das. „Wenn irgendwas ansteht, was nicht alltäglich ist, wird‘s mir richtig schlecht“, sagt sie.

Dietzenbach – Schlimme Magenschmerzen bekommt sie zum Beispiel, wenn eine Klassenfahrt ansteht. So ähnlich wie Jenny geht es allen Jugendlichen, die seit einigen Wochen einen Kurs zur Steigerung von Selbstwertgefühl und -bewusstsein im Beratungszentrum (BZ) Mitte des Diakonischen Werkes besuchen. Mia, Michelle, Luna, Jenny, Elias und Adrian sind zwischen elf und 14 Jahren alt. Alle haben sie Probleme in der Schule, weil sie schüchtern und zurückhaltend sind. Sie trauen sich nicht, sich zu melden, etwas zu sagen. Narges Nematpour, Kinder- und Jugendtherapeutin am BZ Mitte, hat die Gruppe ins Leben gerufen, als sie merkte, dass viele Kinder Probleme mit mangelndem Selbstbewusstsein haben. „Über Eltern oder Schule kommen die Jugendlichen zum BZ“, sagt Narges Nematpour. Insgesamt acht Sitzungen sind angesetzt, jedes Mal zu einem anderen Thema.

Beim sechsten Treffen geht es um soziale Kompetenzen. Wie immer startet die Gruppe mit einem Spiel. Jede Woche überlegt sich jemand anderes, welches es sein soll. Diesmal ist Adrian an der Reihe. Sein Vorschlag: Alle sollen sich in Zweiergruppen zusammenfinden, dem Gegenüber dann Fragen stellen, um sich besser kennenzulernen. Der Anfang fällt nicht allen leicht, hier und da herrscht unbeholfenes Schweigen. Das allerdings legt sich nach einigen Minuten – Hobbys, Schuhgröße, Augenfarbe und Pläne für die bevorstehenden Sommerferien werden abgefragt.

„Ihr hattet ja auch eine Aufgabe für diese Woche“, sagt Narges Nematpour anschließend. Im Laufe der Woche sollten Mia, Michelle, Luna, Jenny, Elias und Adrian Erfolgserlebnisse notieren, um nun davon zu erzählen. „Ich hab leider nur eins.“ Luna ist damit nicht ganz zufrieden. Aber sie habe in der Klasse laut vorgelesen und diesmal habe es ihr gar nichts ausgemacht. Jenny kann von mehreren Erfolgen berichten. „Wir waren mit der Schule unterwegs und ich hab ein Referat gehalten, ohne dass mir schlecht wurde.“

Einen Fortschritt erkennt auch Therapeutin Narges Nematpour. „Acht Sitzungen ändern nicht alles, aber es ist ein Anfang.“ Von den sechs Jugendlichen bekommt sie jedenfalls positive Rückmeldungen. „Sie sagen, es hilft ihnen.“ In der Gruppe sehen die Jugendlichen auch, dass sie nicht alleine sind mit ihren Schwierigkeiten. Nachdem sie gemeinsam darüber gesprochen haben, woran Menschen mit hoher sozialer Kompetenz zu erkennen sind, erläutert die Kinder- und Jugendtherapeutin, welche Folgen mangelnde soziale Kompetenzen haben. Ängste und Frust können das sein. „Wie sieht es denn bei euch aus mit Ängsten?“, will sie wissen. Jenny meldet sich, ihre größte Angst sei die vor Veränderungen. „Ich habe Angst davor, Fehler zu machen und alle in der Klasse darüber lachen“, sagt Mia. Das kennen auch die anderen: Michelle, Luna, Elias, Jenny und Adrian nicken. Von den Mitschülern ausgelacht zu werden, davor haben sie alle Angst.

Narges Nematpour hat für die Jugendlichen einige Tipps parat, die ihnen Situationen, in denen sie sich unwohl fühlen, erleichtern. Mut-Sätze zum Beispiel, sagt sie, seien ein guter Weg, sich selbst zu bestärken. „Überlegt euch jetzt mal, welche Sätze Mut machen und gute Laune.“ In der Gruppenarbeit fällt dem Sextett einiges ein. „Komm, zieh das durch!“, das etwa macht Elias Mut. „Bleib so, wie du bist!“, ist einer der Mutsätze, die Adrian nennt. Um die sozialen Kompetenzen zu steigern, rät die Therapeutin auch, auf Körperhaltung zu achten und darauf, mit Gesprächspartnern Blickkontakt zu halten. „Das zeigt, dass man sicher ist.“

Die Jugendlichen haben fest vor, die Tipps auch im Alltag umzusetzen. „Die Mutsätze fand ich gut“, sagt Adrian. Jenny will versuchen, das mit dem Blickkontakt zu üben. Narges Nematpour ist zufrieden damit, wie die Jugendlichen sich entwickeln. Noch zwei weitere Sitzungen hat die Gruppe gemeinsam. Die Kinder- und Jugendtherapeutin würde das Angebot danach gerne fortführen.

VON LENA JOCHUM

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