Prozess

„Ich wollte doch nur, dass sie aufhört“: Mann wird des versuchten Totschlags bezichtigt

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Symbolbild: Was geschah in der Nacht des 2. Oktober 2018? Das versucht derzeit ein Gericht zu klären. 

Selbstmordversuche, Handgreiflichkeiten und eine Verfolgungsjagd. Immer wieder gibt es Streit zwischen den Eheleuten. Jetzt wird ein 53-Jähriger vor dem Landgericht Darmstadt des versuchten Totschlags bezichtigt.

Dietzenbach – Filmreife Szenen spielten sich am 2. Oktober 2018 in Dietzenbach ab. Ein Mann würgt seine Frau und lässt erst locker, als ihm die Freundin des Sohnes mit einer Steinstatue einen Schlag auf den Kopf verpasst. Auf der Flucht vor der verständigten Polizei rast er durch die Waldstraße und rammt einen als Blockade aufgestellten Streifenwagen, in dem Sekunden vorher noch drei Beamte saßen. Jetzt sitzt der 53-jährige Übeltäter wegen versuchtem Totschlag vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt – und wälzt einen Großteil der Verantwortung auf die 49-jährige Ehefrau ab.

„Mitte September 2018 habe ich mich endgültig von meiner Frau getrennt, Anlass war ein weiteres Lügenmärchen“, beginnt der ehemalige Vertriebsleiter einer Unternehmensberatung sein Geständnis. Seine dritte Ehe sei schon länger eine On-Off-Beziehung gewesen. Als sie ihm am Telefon einen Unfall mit seinem Dienstwagen vortäuschte, sei für ihn das Maß voll gewesen. „Ich verbrachte das Wochenende danach im Schrebergarten, nur die Tochter meiner Frau kam mich besuchen und erzählte mir weitere üble Geschichten von ihrer Mutter, die diese alle erfunden hatte.“

Im gemeinsam gemieteten Haus im Norden Dietzenbachs habe er das Dachgeschoss bezogen und fortan sein eigenes Leben geführt. Natürlich sei es wieder zum Streit gekommen. Wegen der Gütertrennung, wegen verschwundenem Bargeld und Münzen, weil sie Daten aus seinem Mobiltelefon kopiert habe. Und wegen der Videoklingel, die die Angestellte beschädigen wollte, damit er nicht länger sehen konnte, wann sie ein und aus ging. Zumindest nennt sie diesen Grund später in ihrer Aussage als Nebenklägerin und Zeugin. Da sei ihm der Kragen geplatzt. „Sie hat die Kamera zugeklebt, ich habe das Klebeband wieder abgemacht. Dann versuchte sie es mit einem Messer und einem Schraubenzieher. Ich wollte doch nur, dass sie aufhört“, so sein verzweifelter Versuch einer Erklärung, „Ich wusste mir nicht mehr zu helfen. Ich habe sie in den Schwitzkasten genommen, ins Wohnzimmer geschleppt und zu Boden gebracht. Dann saß ich auf ihr und hab mit beiden Händen zugedrückt.“ 

Nach dem Schlag auf den Kopf habe er von ihr abgelassen und ein Messer aus der Küche geholt: „Aber nur, um ihr damit zu drohen! Ich wollte mich mit ihr auf die Couch setzen und reden, aber sie wollte unbedingt die Polizei rufen. Da habe ich Panik bekommen und bin beim Sirenengeheul abgehauen.“ Bei der Verfolgungsjagd heizt er durch die Bahnunterführung der Waldstraße. „Ich habe kein räumliches Sehen, alles war surreal im Tunnel, ich habe schon so etwas wie ein Polizeiauto gesehen.“ An den Aufprall könne er sich nicht mehr erinnern, erst wieder als er neben seinem SUV auf dem Boden saß. Kurz vor der Einmündung Martinstraße stand der Streifenwagen mit den drei Beamten zwischen zwei Betonpollern in einer 30-Zone. Die Beifahrerin war starr vor Schreck, erst in letzter Sekunde vor dem Aufprall konnte sie aus dem Auto geholt werden. „Es war kein Suizidversuch“, erläutert er, wirkt angeschlagen von seinem langen Vortrag. Der depressive Mann hatte in der Vergangenheit schon mehrmals, bei jedem Trennungsversuch, Schlaftabletten genommen.

Richter Volker Wagner weiß, dass derlei Delikte meist auch eine Vorgeschichte haben. Seine Frage: „Gab es in den vergangenen fünf Jahren Handgreiflichkeiten gegenüber ihrer Frau?“ Der bis dato justizunerfahrene Angeklagte räumt „ein einziges Mal“ ein, als er nach einer Ohrfeige ihrerseits mit der flachen Hand zurückgeschlagen habe. In einem weiteren Fall sei er bewusst defensiv geblieben. Was sagt die Mutter zweier erwachsener Kinder zu dem Geschehen? Ihre Aussage wird per Video in den Sitzungssaal übertragen. Laut ärztlichem Attest würde eine direkte Konfrontation mit dem Täter zu einer Retraumatisierung führen. Sie ist emotional extrem aufgewühlt, will heute eine stationäre Behandlung in einer Traumaklinik antreten. Das erste Treffen mit ihrem Zukünftigen beschreibt sie wenig romantisch. Eigentlich habe sie gar keine Beziehung gewollt, sondern nur Hilfe beim Schrankzusammenbau benötigt. Trotzdem waren sie ein Jahr später verheiratet. „Am Anfang war es schön. Irgendwann wurde es schwierig. Er ist nicht das, was er zeigt“, sagt sie weinend. Jedes Mal, wenn sie sich trennen wollte, habe er mit Selbstmord gedroht. Die Schilderung der Tat stimmt größtenteils mit der des Ehemanns überein.

Für den Prozess sind fünf Verhandlungstage geplant.

Von Silke Gelhausen

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