Scheinrechnungen und Geldübergaben

Steuer- und Sozialbetrug in Dietzenbach: Gesamtschaden von 2,7 Millionen Euro

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In dem Prozess um Steuer- und Sozialbetrug gab es noch keinen Durchbruch. (Symbolbild)

Auch am 13. Sitzungstag kommen die Machenschaften der Geschäftsführer eines ehemaligen Dietzenbacher Bauunternehmens mehr und mehr ans Licht. Der Durchbruch im Prozess um Steuer- und Sozialbetrug ist allerdings noch nicht gelungen.

Dietzenbach – Es zieht sich. Auch am 13. Sitzungsstag im Prozess um Steuer- und Sozialbetrug vor dem Landgericht Darmstadt (wir berichteten) stehen wieder ausschließlich Zeugen auf der Tagesordnung. Dutzende wurden schon gehört, den entscheidenden Durchbruch hat noch keine Aussage gebracht. Angeklagt sind Vater, Onkel und Sohn als Geschäftsführer des ehemaligen Dietzenbacher Bauunternehmens I.. Der Gesamtschaden liegt bei 2,7 Millionen Euro.

Auf Stellungnahmen von Tadin B. (55), Zaim B. (53) und Mirnes B. (30) wartet man nach wie vor vergeblich. Alle drei sind nicht vorbestraft. Aus den Einnahmen ihrer Firma soll von August 2016 bis Juni 2018 zuwenig oder gar kein Geld an die AOK Hessen, die SOKA-Bau und das Finanzamt geflossen sein. Am 14. Juni 2018 lief die Bürodurchsuchung in einem städtischen Gewerbegebiet. Kurz danach gingen die Männer in Untersuchungshaft.

Allein zwei Stunden sitzt der ehemalige Geschäftsführer eines großen Trockenbaubetriebs am Zeugentisch. Er soll über mehrere Jahre 60 bis 80 Rechnungen pro Monat an 47 verschiedene Firmen gestellt haben, darunter auch einige an die Dietzenbacher. „Ich hatte nie persönlichen Kontakt zu den Angeklagten, ich kenne sie nicht“, erläutert der heutige IT-Angestellte. Ein großer Teil der Forderungen sollen so genannte Schein- oder Abdeckrechnungen gewesen sein, denen keine realen Leistungen zugrunde lagen. Sie dienten nur dazu, Bargeld für Schwarzarbeit flüssig zu machen. Der 30-jährige Zeuge aus Stockach und seine Aushilfe aus Pirmasens sind deswegen in einem Parallelverfahren in Kaiserslautern angeklagt. Die Vorlagen für die Rechnungen bekamen beide vom Chef per WhatsApp zugesandt. Der wies auch die Barabhebungen an, für die der Geschäftsführer zuständig war – meist am gleichen Tag, an dem die Rechnungen beglichen wurden. Der Zeuge: „Er sagte mir: ,Ich brauch mal 90 000’ oder ,Ich brauch mal 200 000’. Auch die Stückelung gab er mir vor. Ich hab mich damit nicht beliebt gemacht bei den Banken.“

Geldübergabe an öffentlichen Orten zwischen Frankfurt und Neu-Isenburg

Die Geldübergabe habe dann an verschiedenen öffentlichen Orten zwischen Frankfurt und Neu-Isenburg stattgefunden: „Die Scheine trug ich in Umschlägen zu den Treffen. Ich hab mir dafür extra einen Pullover mit Kängurutasche gekauft.“ Sein Chef habe gesagt, dass von dem Geld Fahrzeuge und Silos gekauft würden. Erst durch den Haftbefehl sei ihm klar geworden, was da gelaufen sei. Die 24-jährige Aushilfe muss ebenfalls aussagen, ist aber nach wenigen Minuten wieder entlassen. Sie hatte lediglich zuhause die Rechnungen geschrieben. Genauso schnell draußen sind ein Zollbeamter und die Vermieter der Privatwohnung der B.s in der Dietzenbacher Innenstadt. Der Beamte aus Hamm hatte zwar in den Büroräumen der Firma I. Unterlagen sichergestellt, diese jedoch nicht ausgewertet. Die Wohnungsbesitzer, Vater und Tochter, können nur Positives berichten: „Die Miete wurde immer pünktlich bezahlt und es gab keine Probleme.“

Dass die Firma I. keine bedeutungslose Baubude auf dem Markt war, zeigt die Vernehmung des sechsten Zeugen des Tages: Der Projekteinkäufer des internationalen Baukonzerns Hochtief. Er beauftragte Tadin B. 2017 für die Miterrichtung des neuen Luisenhof Quartiers in Offenbach – Auftragsvolumen: 400 000 Euro. Der 61-jährige Kronberger konstatiert: „Der Ablauf war laut unserer Bauleitung reibungslos. I. war mit 15 bis 20 Arbeitern vor Ort. Nach den Haftbefehlen haben wir dann mit einer anderen Firma weitergemacht.“

Findet keine Verständigung zwischen der neunten Strafkammer, der Staatsanwaltschaft und den Verteidigern statt, wird der Prozess wahrscheinlich noch bis zum Herbst fortgesetzt werden.

Silke Gelhausen

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