Gericht fällt Urteil

Versuchte Tötung: Dietzenbacher würgt Ehefrau bis zur Bewusstlosigkeit

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Versuchte Tötung: Dietzenbacher würgt Ehefrau bis zur Bewusstlosigkeit

Elf Jahre Haft fordert die Staatsanwaltschaft für den Mann, der seine Frau nach einem Streit nicht nur gewürgt und misshandelt haben soll, sondern sich anschließend auch noch eine abenteuerliche Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte. Jetzt hat das Gericht ein Urteil gefällt.

Update, 5. August, 14.45 Uhr: Er hat seine Ehefrau gewürgt und auf der Flucht ein Polizeiauto gerammt - nun ist ein 53-Jähriger zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt worden. 

Das Landgericht Darmstadt befand den geständigen Deutschen am Montag des versuchten Totschlags, der gefährlichen Körperverletzung, des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte für schuldig. 

Dietzenbach: Haftstrafe, Geldstrafe und Führerschein weg

Der bislang nicht vorbestrafte Angeklagte aus Dietzenbach (Kreis Offenbach) muss seiner 49 Jahre alten Frau auch 7500 Euro Schmerzensgeld zahlen. Sein Führerschein wurde eingezogen. 

Mit dem Urteil folgte das Gericht in der Tendenz der Staatsanwaltschaft, die auf neun Jahre Haft plädiert hatte. Die Verteidigung, die eine Affekttat nicht ausschließen wollte, hatte maximal vier Jahre und elf Monate Freiheitsstrafe gefordert.

Erstmeldung vom 18. Juli 2019: Dietzenbach – Ein Urteil fällt allerdings auch am dritten Prozesstag nicht. Elf Jahre Haft fordert Staatsanwältin Natascha Maiza für den Dietzenbacher G., der am 2. Oktober 2018 nach einem häuslichen Streit völlig ausrastete. Zuerst würgte er die Ehefrau bis zur kurzen Bewusstlosigkeit, bedrohte sie anschließend mit einer Astschere und einem Messer: Gefährliche Körperverletzung. Danach raste der 53-Jährige mit seinem SUV auf der Flucht vor der Polizei durch die Stadt und rammte am Ende mit mindestens Tempo 100 einen Streifenwagen, aus dem Sekunden vorher drei Beamten sprangen: Versuchter Totschlag. Gefährdung des Straßenverkehrs, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und weitere „Kleinigkeiten“ werden da zur Nebensache.

Am dritten Prozesstag der Schwurgerichtskammer vor dem Landgericht Darmstadt steht nur noch das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen auf dem Programm der Beweisaufnahme. Dabei geht es in erster Linie um die Schuldfähigkeit des Angeklagten, und ob eine Unterbringung im Maßregelvollzug angezeigt ist. Im Fall G.: beides Fehlanzeige. „Es gibt keinerlei Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung oder eine Persönlichkeitsstörung“, erläutert Dr. Peter Haag.

Prozess um Dietzenbacher: Strafanwalt verteidigt Angeklagten 

„Die früheren Diagnosen einer Anpassungs- oder Belastungsstörung sind lediglich Zustandsbeschreibungen.“ Noch nicht mal eine Depression konnte er bei G. feststellen, der in seiner dritten Ehe eine gewisse Suizidalität zeigte. Dazu der Gutachter: „Das ist nur ein Darstellungsverhalten. Die zweite Ehefrau hat uns hier als Zeugin sehr gut vorgetragen, wie ihr Exmann in Wirklichkeit war. Nach außen hin nett, freundlich, sozial gewandt – und daheim ein Haustyrann.“ Aggressiv und manipulativ sei er gewesen, und auch körperlich gewalttätig. G. war zwar geständig, frühere Handgreiflichkeiten hatte er dem Gericht aber bis auf eine einzige Ohrfeige verschwiegen. „Er hat eine niedrige Frustrationstoleranz und narzisstische Züge“, bescheinigt Haag.

Strafanwalt Rosario Centamore verteidigt das Verhalten seines Mandanten als „Affekttat“, was ihm mildernde Umstände verschaffen könnte. Dem widerspricht Haag: „Es gab während der Tatausführung immer wieder Phasen der Ruhe, wo nichts passierte. Auch die kontrolliert ausgeführte Flucht spricht dagegen. Für einen Affekt ist charakteristisch, dass der Täter seelisch erschüttert neben dem Ergebnis steht. Das war hier nicht der Fall.“

Prozess um Dietzenbacher: Gutachten des Sachverständigen

Das G. nicht „aus Versehen“ und „mit Tunnelblick“ den in der Waldstraße zwischen Baum und Betonpollern abgestellten Streifenwagen gerammt hat, weiß die Kammer seit dem Gutachten des Sachverständigen Thomas Ziegenhain. Der erklärte, dass die Kurve nach der Unterführung mit maximal 35 Stundenkilometern zu durchfahren sei. Um die 150 Meter bis zum Unfallort auf Tempo 100 bis 110 zu beschleunigen, müsse man schon Vollgas geben.

Das Stück Straße ist kerzengerade, es war taghell. G. müsse noch 50 Meter vorher die Polizisten gesehen haben, die gerade ausstiegen. Dort hätte er noch ein Bremsmanöver einleiten können, doch er beschleunigte weiter, das beweist der Aufprall über dem Längsträger des Opel Zafira. Der Streifenwagen landete nach der Frontalkollision 70 Meter weiter auf einer Gartenmauer. Die Beifahrerin hatte nicht mal geschafft, die Tür zuzuschlagen. Der Unfallfahrer kam mit ein paar Blessuren davon, die Beamten erlitten einen Schock.

Prozess um Dietzenbacher: Verteidiger Centamore sieht keine Tötungsabsicht  

Trotzdem sieht Verteidiger Centamore keine Tötungsabsicht. „Es ist doch lebensfremd, zu glauben, dass G. mit Absicht in das Auto gefahren ist. Seine Wahrnehmung war nicht mehr voll da, er hat keine Personen gesehen und vor den offenen Fahrzeugtüren standen ja die Poller.“ Er fordert eine Gesamtstrafe, die „vor dem Komma noch eine vier hat“, sprich: maximal vier Jahre und elf Monate Haft.

Neben einer langen Haftstrafe und der Einziehung der Fahrerlaubnis droht dem Automobil Lifestyle Manager auch ein Schmerzensgeld von mindestens 7500 Euro für die geschädigte Ehefrau. Neben gravierenden seelischen Folgen erlitt sie eine Fraktur des Zungenbeins, Kratzer, Hämatome und geschädigte Stimmbänder.

Urteil am 5. August

„Die Anträge liegen soweit auseinander, das wollen wir nicht übers Knie brechen“, entscheidet der Vorsitzende Richter Volker Wagner. Da der Verteidiger ab heute im Urlaub ist, wird das Urteil auf den nächsten Verhandlungstag am 5. August verschoben. Für den nicht vorbestraften G. beginnt damit eine bange Zeit der Ungewissheit. Er sitzt in Untersuchungshaft.

VON SILKE GELHAUSEN/dpa

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