Und dann macht es bumm

Historisches Fechten in Heiko Großes Broadsword Academy

+
Reporter mit Rüstung: Sicherheit geht vor.

Man kann nicht behaupten, er hätte mich nicht gewarnt. „Gleich macht es bumm“, verspricht Heiko Große. Meine Muskeln verkrampfen in böser Vorausahnung, als ich zum Schlag aushole, den er natürlich locker pariert.

Dietzenbach – Ohne auch nur eine Millisekunde zu zögern, holt Große zum Gegenangriff aus, schwingt sein Schwert durch die Luft – und dann macht es wirklich bumm, als er mir mit der Klinge voll eine überbrät. Ich petze die Augen zu, beiße die Zähne zusammen. Tut aber gar nicht weh, Helm sei Dank.

Ein bisschen schummrig ist mir trotzdem, was jedoch mehr an der leichten Schweißnote liegt, die unter dem Helm zu vernehmen ist, und an dem dunklen, engmaschigen Gitter, das sich über mein Sichtfeld legt. Große holt wieder aus, schlägt noch zweimal zu, bumm, bumm. Bis auf einen kurzen Schreck passiert aber: nichts. „Was wir hier machen, ist sicherer als Eishockey“, sagt er.

Und das, obwohl sich Heiko Große und seine Mitstreiter der von ihm gegründeten Broadsword Academy Germany zweimal pro Woche im Noruken-Keno-Dojo (Gartenstraße 4) ganz freiwillig Schwerter um die Ohren hauen. Nach dem Vorbild der schottischen Highlander des späten 17. bis frühen 19. Jahrhunderts – wenn auch gut gepolstert und mit stumpfen Klingen. Historisches Fechten nennt sich diese Kampfkunst, deren deutsche Anhänger zum Großteil den Rittern des Mittelalters nacheifern. Große, 41, Halbglatze, Kinnbart, haben es jedoch die schottischen Clans angetan. Und wer sich, wie ich, auf ein Probetraining bei der Broadsword Academy einlässt, kann das Gefühl bekommen: Bei der Schlacht von Culloden hätte ich 1746 wohl Federn gelassen.

Bevor gekämpft wird, gibt es den „Salut“. Rechten Fuß nach vorn, linken Fuß 90 Grad abspreizen, Schwert vor die Nase halten und einmal links und rechts kreisen lassen. Wichtig dabei: Seitlich hinstellen und dem Gegner so wenig Körperfläche wie möglich anbieten, schon gar nicht Bauch oder Brust. Denn: „Stichwunden waren damals fast nicht zu behandeln“, klärt Große auf.

Ein durchlöchertes Organ muss ich nicht befürchten, denn die Schwerter, die wir zum Aufwärmen schwingen, sind aus weißem Kunststoff. Trotzdem bringen sie Große prompt ins Erzählen. Seine Trainingsstunden – das gehört zum Konzept der Academy – verknüpft er mit historischen Anekdoten. Der Offenbacher, im Hauptberuf technischer Angestellter bei unserem Verlag, hat selbst zum Thema geforscht, das erste deutschsprachige Buch über historisches Fechten mit schottischen Waffen verfasst und an einem zweiten, englischsprachigen mitgeschrieben. Er betreibt einen Youtube-Kanal zum Thema und wirkt weniger wie ein Waffen-Fanatiker, mehr wie ein Geschichts-Nerd.

Und so gibt es etwa einen kurzen Abriss zur Entwicklung der Highlander, die als „unrasierte, wilde Barbaren“ begannen und später als „Helden an vorderster Front“ für Großbritannien kämpften. Oder über die Tradition des Duellierens, die zwischen rivalisierenden schottischen Clans – oder auch mal clan-intern – besonders intensiv gepflegt wurde. Nach Beleidigungen, Wettschulden oder zur Blutrache, man kennt das.

Zumindest die Haltungsnote stimmt.

Doch der Worte sind genug gewechselt, lasst uns endlich die Klingen kreuzen. Und zwar Stahlklingen. Große zieht zwei schottische Korbschwerter aus einer schwarzen Golftasche. Die heißen deshalb so, weil ein stählerner Korb die Finger schützt, beim Aufeinanderschlagen klirren sie wie zerberstendes Geschirr. Doch wildes Gekloppe gibt es in der Broadsword Academy nicht. Die Schlagbewegungen, die Große mir zeigt, sind weich, präzise, fast elegant.

„Die meisten Filme sind Blödsinn“, findet der Fechtlehrer. Soll heißen: Das Schwert über dem Kopf wild durch die Luft wirbeln wie Mel Gibson in „Braveheart“, ist in der Realität nicht die cleverste Idee. Warum, merke ich schon nach wenigen Minuten: Die 1,4 Kilo Stahl sorgen für ein gehöriges Ziehen in der Schulter. „Man muss das Schwert so führen, dass es möglichst wenig anstrengend ist“, erklärt Große.

Als Laie habe ich natürlich so oder so keine Chance gegen das kumulierte Wissen aus über 300 Jahre alten Fechtbüchern. „Greif mich mal an“, fordert Große. Und ehe ich mich versehen kann, weicht er mit einem flotten Schritt nach hinten aus und senkt sein Schwert auf meinen Arm. Das wäre im Ernstfall schmerzhaft geworden. Ähnlich die nächste Szene: Als ich meine Waffe hebe, taucht er einfach unter ihr hindurch, packt meinen Arm, plötzlich zeigt seine Schwertspitze auf meinen Hals: „Nicht zu groß ausholen, sonst weiß ich genau, was du machst.“

Zum Schluss darf ich mich noch wie ein echter Ritter fühlen, als ich die komplette Schutzausrüstung überstreife: Fechthelm mit eigens eingebautem Nackenschutz, Lederhandschuhe, Knieschoner und eine dicke Jacke, die aussieht wie eine Mischung aus Kochgewand und Motorradkutte. Ich bin so beweglich wie eine Schildkröte, aber immerhin gut gepolstert. Und dann macht es bumm.

VON MANUEL SCHUBERT

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare