In die Nähe von Abenteuern

Dietzenbacher Norbert Kern ist auch im Alter von nun 80 Jahren noch vielseitig engagiert

Gespräch auf dem Hexenberg: Norbert Kern in seinem Büro.
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Gespräch auf dem Hexenberg: Norbert Kern in seinem Büro.

Erfolgreicher Spediteur, im Vorstand von Deutsche Bahn sowie „Kühne und Nagel“, Handballbundesliga-Spieler, Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde, Abenteurer.

Dietzenbach – Über das Leben von Tausendsassa Norbert Kern könnte man Bücher füllen. Zwei hat der Dietzenbacher bekanntlich veröffentlicht. Auch mit nun 80 Jahren tritt der ehemalige SPD-Stadtverordnete nicht wesentlich kürzer, ist allgegenwärtig. Und bekannt dafür, den Finger in die Wunde zu legen, wie etwa zuletzt bei der Nicht-Öffnung des Waldschwimmbads. Es zwicke zwar altersbedingt hier und da mal, aber darüber will der Optimist aber gar nicht sprechen. Viel lieber über Bewegung, Politik, Solidarität: Kern spielt nach wie vor Tennis, Golf, schwimmt, fährt Rad und geht mit Hund Erbse täglich Gassi. Dazu ist der ehemalige Unternehmer unter anderem weiter Mitglied im Wirtschaftsrat der Kreisstadt, im Begleitausschuss für „Demokratie leben“ und sozial engagiert wie eh und je. Vor Kurzem hat Kern coronabedingt seinen runden Geburtstag im engsten Familienkreis gefeiert – das erste Mal ohne Freunde und Bekannte. Heute Abend widmet er sich einem Anliegen aus Überzeugung: dem Kampf gegen rechtes Gedankengut und Waffen. Oder anders: „für ein friedliches Zusammenleben auf demokratischer Basis“. Kern ist bei der vom Ausländerbeirat und von „Demokratie leben“ unterstützten Kundgebung auf dem Europaplatz ab 17.30 Uhr einer der Redner. Es soll unter dem Motto „Niemand ist vergessen!“ der Opfer von Hanau gedacht werden. Sechs Monate ist es her, dass ein Mann dort rassistisch motiviert zehn Menschen ermordet hat. Darunter auch der Dietzenbacher Sedat Gürbüz. Eine nicht nur für Kern noch heute unbegreifbare Tat.

Norbert Kern zur Situation in Belarus: „Hoffentlich gibt es keinen Bürgerkrieg.“

„Ich habe Angst vor Rechtsradikalen“, sagt er, dessen Vater Carl sich als Kommunist während des Zweiten Weltkriegs vor den Nazis in einer Frankfurter Laubenkollonie verstecken musste. Es entsetze ihn und bereite ihm große Traurigkeit, „dass erneut ein deutscher Rechtsradikaler für diese entsetzliche Tat verantwortlich war“. Er verweist auch auf die NSU-Morde und die mutmaßlich aus Polizeikreisen verschickten Drohnachrichten an Politiker. Dass der Täter von Hanau, „dessen Gesinnung nicht nur dem Schützenverein, sondern auch den einschlägigen Behörden bekannt sein musste, einen Waffenschein beantragen und todbringende Waffen privat besitzen“ durfte, sei „einfach unfassbar“.

Auch die Situation in Belarus, wo er in Dietzenbachs Partnerstadt Kostjukovitschi einer jungen Frau das Deutsch-Studium ermöglicht, beunruhigt ihn aktuell. „Hoffentlich gibt es keinen Bürgerkrieg.“ Die Menschen müssten weiter friedlich demonstrieren, sagt Kern, verweist etwa auf die Deutsche Einheit und betont: „Nichts ist einen Krieg wert.“

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf Wirtschaft und Gesellschaft treiben Kern ebenso um. Er stehe hinter den Corona-Maßnahmen. Mit seiner Krankheitsvorgeschichte gehört er zu den gefährdeten Menschen. Es sei angesichts der Pandemie besser, „an die Grenzen der Demokratie zu gehen“. „Denn was nutzt es, wenn alle sterben?“ Sollte es allerdings eine zweite Welle geben und die Wirtschaft einbrechen, fürchtet Kern, könne es auch in Deutschland zu Unruhen kommen, was rechte Kräfte stärke. Vielmehr müsse so schnell wie möglich ein Impfstoff her und an alle Länder verteilt werden. Kehre wieder Normalität ein, ist er sicher, erhole sich auch die Wirtschaft wieder.

Norbert Kern unterstützt Vereine, Kulturveranstaltungen und Geflüchtete

Gerade in dieser schweren Zeit, findet Kern, bedürfe es mehr Solidarität von Menschen, die „in Saus und Braus leben“, damit die soziale Schere nicht weiter auseinandergeht. Ein Solidaritätsbeitrag von Millionären etwa, täte keinem weh, ist er überzeugt. „Natürlich würde ich da mitmachen.“ Er unterstützt auch abseits der Krise Sportvereine, Kulturveranstaltungen und Geflüchtete.

Und obwohl Kern gesundheitlich nicht mehr die großen Expeditionen mit seinem Freund Jin Fei Bao, mit dem er schon die Pole erreichte, Grönlands Inlandeis überquerte und den Gipfel des Kilimandscharos bestieg, unternehmen kann, „möchte ich immer noch ein bisschen in die Nähe von Abenteuern, aber nur noch mit meiner Frau Heide.“ Ganz oben auf Kerns Liste: Lappland. (Von Ronny Paul)

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