„Jeder sollte die gleichen Chancen haben“

Integrationsbeauftragte blickt auf zehn Jahre im Amt zurück

Frau steht vor einem Rathaus
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Seit 2010 ist Sonja Hoffmann Integrationsbeauftragte der Kreisstadt. „Jeder sollte die Chance haben, für sich ein gutes Leben aufbauen zu können“, sagt sie.

Die Integrationsbeauftragte der Stadt Dietzenbach ist seit zehn Jahren im Amt. Obdachlose, Geflüchtete und auch Rassismus gehören zu ihren Themen.

Dietzenbach – Etwas mehr als zehn Jahre sind es nun, in denen Sonja Hoffmann Integrationsbeauftragte der Kreisstadt ist. Oder auch: Leiterin der Stabsstelle Integration, Wohnungsangelegenheiten und Einbürgerungen. Sie selbst habe gar nicht so richtig daran gedacht, wie lange sie jetzt schon die Stelle im Rathaus innehat, erzählt Sonja Hoffmann. Anfang des Jahres kam dann ein Brief vom Chef. Darin gratulierte Bürgermeister Jürgen Rogg zum Dienstjubiläum.

26 sei sie gewesen, als sie den Posten übernahm, erinnert sich die Integrationsbeauftragte. Zuvor studierte sie in Augsburg Soziologie und Politikwissenschaften. „Schon während meines Studiums habe ich in einem Verein mit Menschen mit Migrationshintergrund gearbeitet.“ Hausaufgabenhilfe, Deutschunterricht, Erwachsenenbildung, oder die Beantragung von Fördermitteln fielen da etwa in ihren Aufgabenbereich. „Schon damals, als kleines Rad im Getriebe, habe ich mich darüber geärgert, dass die Bürokratie einiges oft schwer macht.“ Das Engagement in der Migrantenfürsorge habe es ihr aber auch ermöglicht, ein Gefühl für die Probleme und Belange der Menschen zu bekommen.

2010 fing Sonja Hoffmann dann in der Integrationsstelle der Kreisstadt an, damals noch mit einem Fokus ausschließlich auf Integration und einem dementsprechend kleineren Aufgabenspektrum. Seitdem die Integrationsstelle 2016 zur „Stabsstelle Integration, Wohnungsangelegenheiten und Einbürgerungen“ wurde, ist ihr Verantwortungsbereich und der ihrer fünf Mitarbeiter gewachsen. Neben der Integration von Menschen, die neu in Dietzenbach ankommen, kümmern sie sich um Wohnberechtigungsscheine, Obdachlosenangelegenheiten und Einbürgerungen. Auch die Projektstelle Flüchtlinge ist an die Stabsstelle angegliedert. Über zu wenig Arbeit können sich Sonja Hoffmann und ihr Team also nicht beklagen.

In den vergangenen Monaten bestimmt aber unter anderem ein Thema den Alltag der Integrationsbeauftragten: die jüngsten Vorfälle im Spessartviertel. Als sie damals, Ende Mai, davon erfahren hat, dass mehrere Jugendliche Polizei und Feuerwehr in einen Hinterhalt gelockt und dann mit Steinen beworfen haben, sei sie zunächst einfach nur geschockt gewesen. „Ohne Zweifel: Das ist zu verurteilendes, schlechtes Verhalten“, betont Sonja Hoffmann. Dennoch ist sie der Meinung, dass die Tat medial zusätzlich aufgebauscht wurde. „Das ist schade, weil es eben auch die Menschen im Viertel sehr belastet.“ Sie habe im Anschluss mit niemandem im Spessartviertel gesprochen, der sich mit den Steinewerfern solidarisiert hätte. Sonja Hoffmann ist davon überzeugt, dass man in Sachen Integration in Dietzenbach einen guten Job mache. „Im Rahmen unserer politischen und finanziellen Möglichkeiten.“

Während der Corona-Krise sei es aber nicht möglich gewesen, so zu arbeiten, wie man es sich gewünscht hätte. „Natürlich wäre es falsch, jetzt alles auf Corona zu schieben“, ergänzt sie. Die Integrationsbeauftragte will die Vorfälle nun auch als Chance nutzen, um zu sehen, wo noch mehr getan werden kann, an welchen Stellen die Verantwortlichen eventuell nachjustieren müssen. Aktuell sei etwa ein Multiplikatoren-Treffen geplant, bei dem alle, die gute Kontakte ins Spessartviertel pflegen, etwa Leiter von Sprach- und Sportkursen sowie der neue Kontaktbeamte der Polizei, Thomas Weber, zusammenkommen. Dabei soll gemeinsam überlegt werden, wie es gelingt, die Kommunikation mit den Menschen vor Ort zu intensivieren. „Außerdem wollen wir die Bewohner in ihrer Selbstorganisation unterstützen.“ Notwendig sei aber auch eine Aufstockung personeller Ressourcen. „Gerade, wenn man den aufsuchenden Ansatz der Sozialarbeit verfolgt, also die Menschen vor Ort zu unterstützen.“

Sonja Hoffmann kommt noch auf ein anderes Thema zu sprechen, das dann irgendwie auch mit der Situation im Spessartviertel zusammenhängt. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt sei für sie und ihr Team regelmäßig eine große Herausforderung, Längst nicht allen, die dazu berechtigt sind, könne die Stabsstelle zu einer Sozialwohnung verhelfen. „Die Stadt selbst hat nur 33 Wohnungen an der Marktstraße, die sind aber ausschließlich für Senioren.“ Die übrigen Sozialwohnungen in der Kreisstadt befinden sich im Besitz unterschiedlicher Wohnungsbaugesellschaften. Das Problem: Es gibt nahezu keine für größere Familien. In ihrer Not gerieten Betroffene dann oft an unseriöse Vermieter, die viel zu viele Menschen auf kleinstem Raum leben ließen. Bezahlbarer Wohnraum für alle – das wünscht sich Sonja Hoffmann.

Überhaupt wünsche sie sich gleichberechtigte Chancen für alle Menschen. So liegt ihr etwa auch das Thema Rassismus am Herzen. „Am 19. August ist der rassistische Anschlag in Hanau genau ein halbes Jahr her“, sagt die Integrationsbeauftragte. Ihr sei es besonders wichtig, dass dieser traurige Tag nicht in Vergessenheit gerät. „Wir müssen uns weiterhin fragen, wie das passieren konnte.“ Darum sei es so wichtig, die Menschen auch für Alltagsrassismus zu sensibilisieren. Um das zu erreichen, sei in der Kreisstadt ein Projekt in Planung, bei dem einschlägige Erfahrungen von Betroffenen gesammelt, ausgewertet und präsentiert werden. Denn für Sonja Hoffmann steht fest: „Jeder sollte die Chance haben, für sich ein gutes Leben aufbauen zu können.“ (Von Lena Jochum)

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