„Sie haben es mir leicht gemacht“

Kreistagsvorsitzender Paul Scherer nimmt Abschied

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Im Mittelpunkt des Abends standen Paul Scherer und seine Frau Inge. Sie habe ihm stets den Rücken freigehalten, so der Geehrte.

Dietzenbach - „Möge dieses Ende für Sie ein toller Anfang sein. “ Mit diesem Gruß verabschiedete sich der Kreistag am Mittwochabend von seinem Vorsitzenden Paul Scherer (CDU). Von Michael Eschenauer

Der Vollblut-Lokalpolitiker war 52 Jahre ehrenamtlich kommunalpolitisch für den Kreis Offenbach tätig. Er ist zugleich der dienstälteste Kreistagsabgeordnete in ganz Hessen. Den an den Buchtitel „Das Ende ist mein Anfang“ von Tiziano Terzani erinnernden Abschiedsgruß hatte ein Kreistagsmitglied dem 80-jährigen ehemaligen Bürgermeister und Ehrenbürger von Rodgau, CDU-Fraktionsvorsitzenden, Haupt- und Finanzausschuss-Vorsitzenden sowie Träger der Freiherr-vom-Stein-Plakette und des Bundesverdienstkreuzes I. Klasse auf den Weg in den Ruhestand mitgegeben. Der Kreistags-Vizevorsitzende und langjährige Weggefährte Scherers, Karl-Heinz Stier, übergab dem seit 2006 als Kreistagsvorsitzender Wirkenden unter Applaus einen ganzen Korb voll mit ähnlichen Grüßen der Kreistagsmitglieder. Der Parlamentarische Abend im Sitzungssaal des Kreishauses war die letzte Amtshandlung Scherers.

Die letzte Amtshandlung von Paul Scherer als Kreistagsvorsitzender war die Ehrung verdienter Kreistags- und Kreisausschussmitglieder mit der Ehrenplakette des Kreises. Er selbst ist seit dem Jahre 1960 in der Politik aktiv. Sein erster „Polit-Job“ war ein Sitz in der Gemeindevertretung von Weiskirchen.

„Wir haben diskutiert und auch mal gestritten. Aber wir haben niemals Gräben gezogen, die nicht mehr hätten zugeschüttet werden können“, erinnerte sich Scherer in seiner Abschiedsansprache vor vollem Hause an die Zusammenarbeit der Parteien. „Wir haben gemeinsam viel für die Bürger im Kreis erreicht“, so sein Resümee. Er habe sich immer bemüht, die Sitzungen so neutral wie möglich zu leiten, „aber Sie haben es mir auch leicht gemacht“, lobte Scherer sichtlich gerührt die Abgeordneten. Er verwies auf andere Kreistage in Hessen, in denen man eine Kollegialität wie im Kreistag zu Dietzenbach vergebens suche, und dankte den Abgeordneten „für die Freude der Zusammenarbeit“. „Vielleicht werde ich in Zukunft auch mal von der Tribüne aus bei einer Sitzung zuschauen. Es wäre unredlich von mir, wenn ich abstreiten würde, dass die Kreistagsarbeit mir nicht fehlen wird“, sagte Scherer. Aber er freue sich darüber, dass er den Zeitpunkt seines Abschieds selbst bestimmen könne. Scherer dankte seiner Frau Inge, die ihm all die Jahre den Rücken freigehalten habe und den Mitarbeitern des Kreistagsbüros Wigbert Appel, Brigitte Daus und Irene Herr.

Scherer arbeitete unter sechs Landräten: Walter Schmitt (Amtszeit: 1964-1982/SPD), Karl Martin Rebel (1982-1989/CDU), Friedrich Keller (1989-1992/SPD), Josef Lach (1992-1998/SPD), Peter Walter (1998-2010/CDU) und Oliver Quilling (seit 2010/CDU). Ein weiterer Anlass für den Parlamentarischen Abend mit Polit-Prominenz, Musikuntermalung und kaltem Büffet war das Ende der Legislaturperiode 2011 bis 2016 sowie die Auszeichnung von Kreisausschuss- und Kreistagsmitgliedern, die sich in langjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit um das Wohl und Ansehen des Kreises Offenbach verdient gemacht haben. Sie erhielten die Ehrenplakette des Kreises beziehungsweise – falls sie diese Auszeichnung schon erhalten hatten – eine Ehrenurkunde. Landrat Oliver Quilling (CDU) sprach ihnen, aber auch den übrigen Abgeordneten seinen Dank für ihr ehrenamtliches Wirken in der Politik aus. Dieses Opfer an privater Freizeit sei nicht selbstverständlich. Quilling erinnerte auch an das große Pflichtgefühl Paul Scherers. Er könne sich kaum erinnern, dass dieser „jemals eine Kreistags- oder Fraktionssitzung versäumt hätte“.

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Sorgen bereite ihm „das abnehmende Interesse an Politik und Kommunalpolitik“. So sei beispielsweise die Bürgerfragestunde, die der Kreistag vor vier Jahren probeweise eingeführt habe, auf so wenig Resonanz gestoßen, dass man das Angebot nicht fortführe. Er freue sich umso mehr, dass im neuen Kreistag „auch einige neue, junge Gesichter zu sehen sein werden“. Als Mammutaufgabe bezeichnete der CDU-Mann die Integration der vielen Flüchtlinge. Hier komme es darauf an, diese Herausforderung gemeinsam zu bewältigen – auch mit Hilfe der ehrenamtlich wirkenden Bürger. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema werde „unter veränderten Vorzeichen“ erfolgen, spielte Quilling auf den Einzug der Alternative für Deutschland (AfD) mit 13 Sitzen in den 87-köpfigen Kreistag an. Ziel sei es, unterstrich er, die „Internationalität als Markenzeichen des Kreises Offenbach“ zu bewahren. Denn: „Die Internationalität hat uns in der Vergangenheit stark gemacht“.

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