Lehrer aus Weißrussland

Nach der Sprache greifen

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Vecih Yasaner ermutigte die Lehrer aus Dietzenbachs Partnerstadt Kostjukovitschi, spielerische Elemente in den Unterricht einzubauen.

Dietzenbach -  Die Partnerschaft zwischen Dietzenbach und Kostjukovitischi ist seit dem vergangenen Jahr um ein Austausch-Programm reicher. Von Burghard Wittekopf

Erneut sind nun Deutschlehrer aus Weißrussland in die Kreisstadt gereist – um die Sprache im Alltag kennenzulernen, aber auch, um an Fortbildungen teilzunehmen, die es so in ihrer Heimat nicht gibt.

Wer sich noch an seine Schulzeit erinnert, weiß, dass es Fächer gibt, in denen man nur wenig gelernt hat. Die Ursachen sind sicher vielfältig. Es gibt Schüler, denen fällt das Lernen leicht, andere müssen sich bemühen. Eine große Rolle spielt der Lehrer. Schließlich liegt es an ihm, auch mal trockeneren Stoff zu vermitteln. Natürlich könnte sich ein Pädagoge da auf den Frontalunterricht verlassen – er spricht, die Schüler hören zu. Bei modernen Methoden wiederum können die Kinder selbst anpacken und gemeinsam spielerisch lernen.

Zur pädagogischen Grundausstattung gehören solche Methoden allerdings nicht zwangsläufig bei jedem, der vor einer Klasse steht. Gut also, dass es Ausbilder wie Vecih Yasaner gibt. Zwei Tage lang konnte eine Delegation von Pädagogen aus Dietzenbachs weißrussischer Partnerstadt Kostjukovitschi, die derzeit in der Kreisstadt weilt (wir berichteten), einiges von dem Dietzenbacher mit türkischen Wurzeln lernen. Yasaner lehrt seit vielen Jahren Methoden zur individuellen Förderung von Schülern. „Wenn sie sechs Jahre alt sind, kommen sie in die Schule“, sagt er und fügt hinzu, dass das weltweit so sei. „Alle in einer Klasse sind in der Regel gleich alt, obwohl es Kinder gibt, die sehr gut und schnell lernen und manche eben langsamer.“ Damit alle Kinder lernen, sollten sich Lehrer individuell auf sie einstellen, also die Klasse nach dem Wissensstand einteilen. „Dazu gibt es sehr viele Möglichkeiten, aber man muss sie kennen.“

Die zehn Gäste, die vom „Freundeskreis Kostjukovitschi Dietzenbach“ betreut werden, kommen aus einer Stadt mit zirka 15.000 Einwohnern, im Umland sind es noch einmal rund 12.000. Insgesamt gibt es 15 Grund-, Mittel und weiterführende Schulen. Deutsch wird nicht einheitlich gelehrt. An manchen Schulen werden fünf Wochenstunden unterrichtet, an anderen nur zwei bis drei. Gemein ist den Lehrern, dass sie es im Vergleich zu deutschen Pädagogen, die etwa Englisch oder Französisch unterrichten, deutlich schwerer haben, ihr Fach im Alltag kennenzulernen. Schließlich ist eine Reise nach Paris oder London für die hiesigen Kollegen sowohl logistisch als auch finanziell deutlich einfacher zu stemmen als eine Reise von Minsk nach Frankfurt.

„Hand, Kopf, Herz“ nennt Vecih Yasaner eine Methode, die er vorstellt. „Sie müssen die Sprache greifen, sie sozusagen ertasten.“ Die Hand nimmt den Kopf mit, der Kopf nimmt das Herz mit.“ Damit würden Kinder einfacher lernen und der Unterricht könne individuell gestaltet werden.

Eine bedeutende Rolle misst er der Bewegung zu. So sollen sich etwa Vokabeln spielerisch und individuell lernen lassen. Jeder Teilnehmer nimmt sich zunächst eine Karte, auf der Wörter wie „schön“, „klug“, oder „denken“ geschrieben stehen. Das Wort sucht sich jeder selbst aus. Die Lehrer bilden einen Kreis, einer geht in die Mitte. Er muss „sein“ Wort zunächst in mehreren Sätzen beschreiben. „Wichtig dabei ist, dass die Teilnehmer den Mut haben zu sprechen“, gibt Yasaner einen Hinweis. „Auch wenn die Grammatik nicht stimmt, korrigieren Sie die Schüler nicht sofort, sie wollen sie nicht verunsichern.“

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Ein weiteres Spiel, bei dem die deutschen Artikel und die vier Fälle erlernt werden, steht als nächstes auf dem Programm. Die Deutschlehrer stellen sich dazu im Halbkreis auf. Drei leere Stühle stehen bereit, der erste Pädagoge wählt für sich ein Hauptwort aus und sagt zum Beispiel: „Ich bin die Blume.“ Dann setzt er sich auf den ersten Stuhl und fragt eine andere Person aus dem Halbkreis: „Und wer bist du?“ Der Befragte antwortet zum Beispiel mit „Ich bin der Mond“, setzt sich dann auf einen freien Stuhl. Der Fragensteller fasst zusammen: „Ich bin die Blume, er ist der Mond …“ Das Spiel geht reihum und jeder kommt dran. Wenn alle drei Stühle belegt sind, gehen zwei Teilnehmer zurück in den Halbkreis und das Ganze beginnt wieder von vorne.

„Dieses Spiel ist toll“, sagt Svetlana Kabantsova. Die Deutschlehrerin unterrichtet an einer Schule in Belaria Dubrava. Sie ist eine der sieben Lehrerinnen, die bereits zum zweiten Mal an einer Weiterbildung in Deutschland teilnehmen. „Seitdem ich das in meinem Unterricht einsetze, lernen die Kinder viel besser.“

Die zweiwöchige Lehrerfortbildung der Gäste aus Weißrussland wird vom Hessischen Kultusministerium und der Hessischen Lehrkräfteakademie unterstützt. Finanzielle Hilfe gibt es vom Auswärtigen Amt in Berlin.

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