Begeisterter Calisthenics-Athlet

Sportler mit Spina bifida: „Man braucht etwas, das einen ausmacht“

Nichts für Ungeübte: Nouredine Dkidak zeigt eine sogenannte Planche (Stützwaage), bei der der Körper nur von den durchgestreckten Armen gehalten wird.
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Nichts für Ungeübte: Nouredine Dkidak zeigt eine sogenannte Planche (Stützwaage), bei der der Körper nur von den durchgestreckten Armen gehalten wird. 

Um Hilfe bitten, das ist für Nouredine Dkidak immer die letzte Option. Und so kann es durchaus sein, dass er in einem Supermarkt das Regal ein Stückchen hinaufklettert, bevor er irgendjemanden fragt, ob der ihm etwas reichen kann. 

Dietzenbach – Getreu gängiger Formulierungen könnte man sagen, er „leidet“ an Spina bifida, dem offenen Rücken. Dabei handelt es sich um eine angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks, die ganz unterschiedliche Ausprägungen haben kann. Dem 21-Jährigen sieht man das dadurch an, dass er knapp anderthalb Meter groß ist.

Aber dass er darunter leide, das würde er wohl nicht unterschreiben. „Manche sagen, der Arme, der ist klein, aber ich will zeigen, dass ich eben nicht der Arme bin.“ Selbst ein Bild davon gemacht haben könnte sich schon der ein oder andere Dietzenbacher, der regelmäßig im Hessentagspark unterwegs ist und den jungen Mann auf der Calisthenics-Anlage gesehen hat. Bei Calisthenics handelt es sich um ein körperliches Training, bei dem man nicht auf schwere Hantelstangen, sondern aufs eigene Körpergewicht setzt. Der Trend kommt aus New York, wo sich Sportler etwa mit Klimmzug- oder Hangelstangen in öffentlichen Parks eine Alternative zum Training in Fitnessstudios schufen.

Nouredine Dkidak kam mit Calisthenics zum ersten Mal in Kontakt, als er vor zwei Jahren im Internet unterwegs war und auf ein Video stieß, in dem jemand eine „Human Flag“, eine menschliche Flagge, zeigt. Dabei halten sich Athleten mit abgespreizten Armen an einer senkrecht stehenden Stange fest, stemmen sich ab, und halten sich im 90-Grad-Winkel. „Ich habe mich gefragt: Warum kann der das.“ Und so fing der Dietzenbacher an zu trainieren, Klimmzüge, Dips, den Barrenstütz also, all das, was als Verbundübung gilt und viele Muskelgruppen beansprucht. „An Anfang habe ich nicht einmal einen Klimmzug geschafft.“

Auf der Dietzenbacher Anlage traf er auf Gleichgesinnte. Als er diesen erzählte, dass er sein Können auch auf dem Hafenpark an der Europäischen Zentralbank unter Beweis stellen will, habe er zu hören bekommen, dass er das besser vergessen solle, weil er dafür noch zu schlecht sei. Abgehalten hat ihn das nicht. In Frankfurt wurde er Teil einer Gruppe von rund 40 Sportlern, die dort regelmäßig ihre Übungen machen, und lernte Alex Berinsky kennen, einen Athleten, der sich in der Szene längst einen Namen hatte. Dieser nahm sich seiner an, trainierte ihn. Eine Gegenleistung wollte er dafür nicht. „Ihm hat’s ja auch jemand gezeigt, und auch ich sage nie ,Nein’, wenn mich jemand fragt, ob wir trainieren gehen“, sagt Nouredine Dkidak. So manchen anfänglich von scheinbar unbremsbarer Motivation Beflügelten allerdings sehe man nur ein Mal. Es sei eben nicht der Sport der schnellen Erfolge. Während man beim Fußball auch als Spieler mit überschaubarem Talent das Glück haben kann, so angeschossen zu werden, dass der Ball unhaltbar ins gegnerische Tor trudelt, kann es Monate dauern, bis sich Erfolge einstellen. „Ein Apfel wächst ja auch nicht von heute auf morgen“, sagt der Dietzenbacher.

Dass er heute zu solchen Übungen im Stande ist, hätte ihm wohl vor allem als Kind kaum jemand zugetraut. „Ich war ja mehr im Krankenhaus als im Kindergarten, musste ein Korsett tragen.“ Zum Glück habe sich später vieles zum Positiven verändert. Er hat die Erich-Kästner-Schule in Langen besucht, die auf Menschen mit körperlichen oder motorischen Beeinträchtigungen spezialisiert ist. Gerade macht er an der Edith-Stein-Schule in Hochheim, die einen ähnlichen Förderschwerpunkt hat, seinen Realabschluss nach.

Nächstes Jahr wird der 21-Jährige bei den Deutschen Meisterschaften an den Start gehen, für die er sich in Frankfurt qualifiziert hat. Bis dahin wird er auch seine knapp 2000 Follower mit Fotos und Videos auf dem Onlinedienst Instagram auf dem Laufenden halten. Über seine Online-Präsenz hofft er, einen Sponsor zu finden, der ihn unterstützt. „Ich bin schon mit ein paar Groschen zufrieden, etwas Geld fürs Magnesium oder gar für die Reisen, das wäre super.“

Auf Instagram heißt sein Account minion_sw. Minions wegen den gelben Figuren aus den Animationsfilmen. „Weil ich nun mal klein bin – und sehr Bananen mag“ sagt er und grinst. „Sw“ steht für Streetworkout. „Man braucht schließlich etwas, das einen ausmacht, ich hasse es, wenn es langweilig wird.“

VON CHRISTIAN WACHTER

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