Ein Mosaik fügt sich zusammen

Nach lebensgefährlichem Messerstich: Dietzenbacher zu 28 Monaten Haft verurteilt

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Rechtsanwalt Talat Bay plädierte auf Freispruch. Das Gericht verurteilte seinen Mandanten zu einer Haftstrafe.

Wegen eines lebensbedrohlichen Messerstichs hat das Schöffengericht in Offenbach nach zwei Verhandlungstagen einen 50-jährigen Dietzenbacher zu 28 Monaten Haft verurteilt.

  • Lebensbedrohliche Messer-Attacke in Dietzenbach
  • 28 Monate Haft für Mann
  • Prozess-Mosaik zusammengesetzt

Dietzenbach – Bei allen Widersprüchen setzen sich die Aussagen der Zeugen nach Ansicht des Gerichts schließlich zu einem Mosaik zusammen, das die Schuld des Angeklagten zeigte.

Messer-Attacke in Dietzenbach: „Ohne Notoperation wäre der Geschädigte verstorben“

Staatsanwältin Natascha Maiza hatte dem Angeklagten vorgeworfen, in der Nacht zum 20. Oktober 2018 am Masayaplatz einen 21-Jährigen mit einem Messerstich in den Bauch schwer verletzt zu haben. Die Rechtsmedizinerin Katrin Burkhard bestätigt, „ohne Notoperation wäre der Geschädigte verstorben“. Den zur Tatzeit stark alkoholisierten Angeklagten hatte ein ebenfalls betrunkener Freund zur Unterstützung in einem Streit telefonisch herbeigerufen.

Ein Problem benennt Richter Manfred Beck in seiner Urteilsbegründung: „Es krankte daran, dass sich das Messer nicht fand.“ Schwierig gestalteten sich auch die Aussagen der überwiegend vorbestraften Zeugen. Als Beck einen 19-Jährigen fragt, den die Polizei abholen musste, warum er zweimal nicht erschien, antwortet der Zeuge, „beim ersten Mal habe ich den Termin verpeilt“. Zum zweiten habe er vermutet, „die anderen haben doch alles schon gesagt“.

Messer-Attacke in Dietzenbach: „Aus dem Unrecht wird durch Selbstjustiz ein viel größeres“

Der 19-Jährige erläutert, der Angeklagte habe ihm im Imbiss seiner Lebensgefährtin Hausverbot erteilt. Auch andere Zeugen berichten von Dissensen mit dem Mann, leitmotivisch beteuernd, „obwohl ich gar nichts gemacht habe“. Der 50-Jährige, der die Tat bestreitet, erzählt, wie der Zeuge als noch Minderjähriger im Imbiss Geld in einen Spielautomaten warf. Seinen Hinweis auf das gesetzliche Verbot habe er mit der Frage „wer bist du, bist du Bürgermeister?“ erwidert. Rechtsanwalt Karl Kühne-Geiling, der die Nebenklage vertritt, spricht von einem gewissen Verständnis für den Mann, der den Imbiss seiner Lebensgefährtin ständig gegen nervende junge Männer verteidigen müsse. Aber man dürfe nicht handeln wie Michael Kohlhaas in der Kleist-Novelle, „aus dem Unrecht wird durch Selbstjustiz ein viel größeres“.

Staatsanwältin Maiza thematisiert die Zeugenproblematik. U-Häftling E. habe sich etwa als omnipräsent geriert, „den Geschädigten will er medizinisch versorgt und psychologisch betreut, gleichzeitig den Täter gestellt haben“. Sicher habe sich der Zeuge K. widersprochen, der erst den Angeklagten, dann einen anderen, dann wieder den Angeklagten als den angab, der den 21-Jährigen verletzte. Entscheidend seien die Aussagen des Geschädigten und eines weiteren Zeugen. Beide betonten, den Angeklagten zu hundert Prozent als Täter erkannt zu haben. Letztlich bündelten sich alle Aussagen darin, „dass der Angeklagte der Täter ist“.

Prozess um Messer-Attacke in Dietzenbach: Anwalt fordert Freispruch

Hingegen vermutet Verteidiger Talat Bay, die Zeugen hätten sich auf seinen Mandaten als Täter geeinigt. Den Rechtsanwalt wundert es, „dass alles, was ihnen später erst einfiel, nur belastend ist“. Der Geschädigte selbst habe der Polizei im Krankenhaus anfangs gesagt, keine Anzeige erstatten zu wollen. Die Aussage ergebe keinen Sinn über jemanden, den man quasi nicht kennt, „der Geschädigte hatte mit meinem Mandanten nie irgendeinen Stress“. An der Kleidung seines Mandanten habe sich kein Blutstropfen befunden. Weil ihm die Jugendlichen das Nasenbein und den Augenhöhlenboden brachen, als sie ihn stellten, „hielten sie es für sicherer, sich auf ihn als Täter zu einigen“. Bay moniert zum einen, wegen der Gesichtsverletzungen sei nicht ermittelt worden, zum anderen, die Polizei habe nachts nicht noch den weiteren möglichen Verdächtigen zu Hause aufgesucht. „Vielleicht hätte man das Messer dort gefunden“.

Bei Prozess um Messer-Attacke in Dietzenbach setzt sich am Ende das Mosaik zusammen

Der Rechtsanwalt fordert Freispruch, die Staatsanwältin 32 Monate Gefängnishaft. Der Richter und die Schöffen verhängen schließlich 28 Monate. Beck folgt Nebenklagevertreter Kühne-Geiling, der davon gesprochen hatte, wie aus unterschiedlichen Kameraperspektiven, hätten auch die Zeugen das Geschehen aus verschiedenen Winkeln wahrgenommen, „so setzte sich ein Bild zusammen“.

VON STEFAN MANGOLD

Viele unterschiedliche Versionen waren bei dem Prozess um den lebensgefährlichen Messerstich in Dietzenbach zu hören. Immer wieder kommt es in Dietzenbach zu Messer-Attacken: Ein Unbekannter überfiel mit einem Messer einen Blumenladen in Dietzenbach. Die Gemeinde ist schockiert.

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