Verlorene Heimat

Geflüchtet und vertrieben: Nach Kriegsende muss Otto Linke sein Zuhause verlassen

Otto Linkes Foto auf seinem ersten deutschen Ausweisdokument, ausgestellt am 8. November 1946 in Hannover.
+
Otto Linkes Foto auf seinem ersten deutschen Ausweisdokument, ausgestellt am 8. November 1946 in Hannover.

Dass das Schlimmste erst kommen wird, ahnen Otto Linke und seine Familie im Frühjahr 1945 nicht. Die Flucht vor der Roten Armee ist überstanden und die Familie zurück im schlesischen Otterstädt.

Dietzenbach – Der Krieg geht zu Ende, Otto Linke wird 14 Jahre alt, der Sommer kommt. „Dann hieß es: sofort raus“, erinnert sich der heute 88-jährige Dietzenbacher. Es sei ein Tag im Juli gewesen, als die Polen auftauchten.

Schon 1943 machen der sowjetische Diktator Josef Stalin, US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill auf der Konferenz von Teheran unter sich aus, dass es nach Kriegsende eine Verschiebung der Grenzen im Osten geben soll. Weil Stalin nicht auf die ostpolnischen Gebiete, die er im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 eingenommen hat, verzichten will, beschließen die alliierten Großmächte, Polen als Entschädigung die deutschen Ostgebiete zuzusprechen. Die Bevölkerung soll umgesiedelt werden.

Vielerorts beginnt die Vertreibung der Deutschen noch ehe der Krieg am 8. Mai 1945 mit der Kapitulation des Deutschen Reiches im europäischen Raum endet. Betroffen davon sind neben der Bevölkerung in Pommern, Schlesien und Ostpreußen auch deutsche Minderheiten in den mittel-, ost-, und südosteuropäischen Staaten. Schnellstmöglich sollen die Deutschen verschwinden. Zwischen zwölf und 14 Millionen Menschen verlieren damals ihre Heimat, Hunderttausende ihr Leben.

Otto Linke erinnert sich nur bruchstückhaft an den Tag, an dem ihm und seiner Familie endgültig das Zuhause genommen wird. Jedenfalls hätten die Polen alle Bewohner Otterstädts aus ihren Häusern geholt. „Mitnehmen durften wir nur, was wir anhatten“, sagt Otto Linke. Wer Widerstand leistet, setzt sein Leben aufs Spiel. „Wer gebetet hat, wurde totgeschlagen oder erschossen.“ Der Nachbar der Familie etwa habe es nicht verkraftet, dass er alles, sein Zuhause, allen Besitz zurücklassen sollte. Der Mann betet zu Gott, bittet um Hilfe. „Die Polen sagten, einen Gott gäbe es nicht.“ Sie erschießen den Nachbarn. Otto Linke steht zwei Meter daneben.

„Man nimmt das nicht mehr wahr, weil man zu viel Schreckliches sieht und erlebt.“ Immer wieder sagt Otto Linke Sätze wie diesen, wenn er davon erzählt, was damals geschehen ist. An Gefühle wie Angst oder Traurigkeit kann er sich nicht erinnern. Obwohl sie unterbewusst immer da gewesen sein müssen, das weiß er selbst. Davon, wie der Nachbar erschossen wurde, habe er noch Jahrzehnte später geträumt.

Der Tag im Juli ist auch der Tag, an dem Otto Linke von seiner Mutter und den Geschwistern getrennt wird. Die Polen hätten die Kinder nach Alter sortiert, erzählt er. Er gehört zu den Älteren, sie sollen arbeiten. „Wir Jungs kamen zu den Russen, die noch nicht wieder abgerückt waren.“ Nach Kontopp, nicht weit von Otterstädt, seien sie gebracht worden. „Da hat die Maschinenpistole regiert.“ Eine Zeit lang bleibt Otto Linke, dann haut er ab. Eine ganze Nacht lang sei er alleine durch die Wälder gelaufen, sagt er, zurück nach Otterstädt. Von den früheren Bewohnern ist niemand mehr da. Zwischen all den Papieren und Karten, die Otto Linke in den vergangenen Jahren gesammelt hat, um seine eigene Vergangenheit zu dokumentieren, zieht er eine handgezeichnete Skizze hervor: Otterstädt. Aus dem Gedächtnis hat er Wege und Häuser aufgemalt, in die kleinen Rechtecke die Namen der Deutschen geschrieben, die sie einst bewohnten. „Als ich zurückkam, wohnten Polen in unseren Häusern.“ Otto Linke soll für sie arbeiten. Wie einen Menschen hätten sie ihn nicht behandelt.

„Zuerst war ich bei den Maliks.“ Dort muss er im Stall schlafen. Vier Kühe, ein Pferd und er. „Das war die schlimmste Zeit.“ Vielleicht ein halbes Jahr sei es so gegangen, dann habe ihn die polnische Polizei abgeholt. Zwei Wochen lang lässt die ihn das Revier in Kolzig putzen, bringt ihn anschließend zurück in seinen Heimatort, der eigentlich längst keine Heimat mehr ist. Wieder wird Otto Linke bei einer polnischen Familie untergebracht. „Dort wurde ich dann menschlich behandelt.“ Er darf mit den beiden Kindern im Zimmer schlafen, mit allen gemeinsam essen. Wie es seiner Familie in dieser Zeit ergeht, weiß Otto Linke bis heute nicht. Die jüngeren Brüder seien noch zu klein gewesen, um sich zu erinnern, die Mutter habe nie darüber gesprochen. Otto Linke versteht das. „Da kann man nicht drüber reden.“

Es vergeht ein weiteres Dreivierteljahr. Dann hätten die Polen ihm und den wenigen anderen Deutschen, die noch in Otterstädt waren, angeboten, die polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Sie sollen ein Formular unterschreiben. Otto Linke weigert sich. „Und dann haben die uns Ende Oktober endgültig rausgeschmissen“, sagt er. Von Otterstädt geht es nach Grünberg. Dort ist ein Sammellager eingerichtet. „Und da habe ich meine Familie wiedergetroffen.“ 3000 oder 4000 Deutsche seien damals dort gewesen, erzählt Otto Linke. Sie alle sollen mit Zügen aus dem Land geschafft werden. Die Polen stellen Transporte zusammen.

Otto Linke, seine Mutter und die jüngeren Brüder werden verladen, so nennt er es heute. In einem Viehwaggon, mit insgesamt 80 Leuten, verlassen sie Schlesien. Acht Tage sind sie unterwegs. Immer wieder stoppt der Zug. „Acht Tage, kein Essen, kein Trinken, keine Toilette, und wieder diese Kälte.“ Obwohl es erst Anfang November ist, sind es minus zehn Grad, es liegt Schnee. Sie seien froh gewesen, so viele im Wagen zu sein. „So konnten wir uns gegenseitig wärmen“, sagt Otto Linke. Wie er sich damals gefühlt hat? Er zuckt mit den Schultern. „Man ist mit allem zufrieden, es konnte nicht mehr schlimmer kommen.“ Am 8. November 1946 kommt der Transport in Hannover an, Familie Linke wird ausgeladen, übernachtet dort knapp zwei Monate im Saal einer Gaststätte. „Auf dem Fußboden, mit 200 Leuten.“ Aber sie seien froh gewesen, im Westen zu sein. Und sie bleiben.

Heute, gut 75 Jahre später, hat Otto Linke mit seiner Geschichte zwar nicht abgeschlossen, aber er akzeptiert sie, hegt keinen Groll. „Die Heimat zu verlieren, ist schlimm“, sagt er. Seit Langem aber sei seine Heimat nun schon Dietzenbach.

VON LENA JOCHUM

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare