Quarzsand im Getriebe

Naturschützer und Grüne äußern Bedenken zu Abbauplänen

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„Rettet den DTZB Wald vor dem Verkauf“: Bürger Karl Knecht ist mit diesem Wagen über den Dietzenbacher und den Götzenhainer Fastnachtsumzug gefahren und hat nach eigener Aussage dafür Applaus bekommen. Er wolle sich nicht vorwerfen lassen, er hätte nichts gegen den geplanten Quarzsandabbau unternommen, sagt Knecht auf Nachfrage. Es gehe um die nachfolgenden Generationen.

Dietzenbach – Als im Bauausschuss die Grafik über die Leinwand flimmerte, die zeigte, wie das Stück Wald nach und nach verschwinden und wieder entstehen soll, war klar: Das Vorhaben wird für Gesprächsstoff sorgen. Von Christian Wachter und Ronny Paul

Unweit der Willersinn‘schen Grube, so hatte es unter anderem der Generalbevollmächtigte Peter Ruhm von der Firma Q-Sand vorgestellt, könne Quarzsand abgebaut werden. Es geht also um ein Areal mit unmittelbarer Nähe zu einem anderen, das einst eine Kiesabbaustätte war und heute ein Naturschutzgebiet ist. Der Fleck Erde liegt ein Stück weiter südlich und reicht am einen Ende bis dorthin, wo sich Vélizystraße und Kreisquerverbindung treffen. Von Vollzug kann noch keine Rede sein, allein weil dem Unterfangen Behörden und natürlich auch Dietzenbachs Parlamentarier zustimmen müssten. Widerstand regt sich aber schon lange, bevor sich das erste Körnchen Flugsand überhaupt auf den Weg machen kann. Mehrere Bürger, nicht nur aus der Kreisstadt, haben in unserer Redaktion angerufen mit der Befürchtung, der Quarzsandabbau sei bereits beschlossene Sache.

Wie sich die Grünen bei einer eventuellen Abstimmung entscheiden könnten, deutet sich in einem Schreiben der Fraktion an: „Die Präsentation zum Sandabbau-Vorhaben der Firma Q-Sand hat bei dem einen oder anderen Bauausschussmitglied für Entsetzen gesorgt, als klar wurde wie groß der Schaden für die Natur, die Infrastruktur und die Menschen wäre, sollten diese Pläne umgesetzt werden.“ Ob dieser Schaden durch den angedeuteten finanziellen Segen ausgeglichen werden könne, daran gebe es nicht nur in den eigenen Reihen Zweifel. „Fragen zur Beeinträchtigung des Grundwassers wurden ebenso vage beantwortet wie die Frage nach möglichen Lärmschutzmaßnahmen.“ Ob „ein Wäldchen als Lärmschutz“ wirklich die Auswaschung und Aufbereitung des Sandes geräuscharmer mache, sei ebenso fraglich, wie die Verkehrssituation, sprich, ob die umliegenden Straßen die zusätzlichen Lkw auffangen können.

Peter Ruhm sagt auf Nachfrage, dass es sich um einen reinen Trockenabbau handle. „Wir schneiden kein Grundwasser an, das ist ein großer Vorteil, es entsteht kein See.“ Was den Verkehr angehe, so nutze man keine Ortsdurchfahrten. „Die Anwohner werden nicht belastet.“ Ein Leser kommentiert die Pläne auf unserer Internetpräsenz op-online.de mit drastischen Worten: „Finger weg vom Wald! Sonst geht es ab wie im Hambacher Forst, oder an der Startbahn West!“

Bedenken hat auch Ludwig Schneelfeld, Vorsitzender des Dietzenbacher Naturschutzbunds (Nabu). Alleine schon im Sinne der Kostenminimierung etwa wisse man nicht, mit was das Areal wieder verfüllt wird. „Schließlich kann man nicht jeden Lkw prüfen.“ Außerdem könne es sein, dass anstatt des heute „gut durchsetzten“ Walds nur Kiefern gepflanzt werden. „Wir haben jetzt eine Vielfalt, die danach nicht mehr gegeben wäre.“ Auch was die Pläne angeht, jeweils fünf Hektar zu roden und dann wieder aufzuforsten, damit die anderen Bäume den Flugsand abfangen, hegt er Zweifel. „Spätestens, wenn man an der Waldgrenze ankommt, stimmt das nicht mehr, und Flugsand ist ziemlich leicht.“

Warum uns die Natur so gut tut

In Mitleidenschaft gezogen werden könne auch der Park der Firma Controlware, der ganz in der Nähe liegt. Dort habe sich ein Artenreichtum entwickelt, es gebe zum Beispiel Moorfrösche. „Das sind aber alles nur Befürchtungen“, fügt Schneefeld an. Dennoch sagt er: „Wir haben hier noch einen Erholungswald, so ein Konzept verkauft sich zwar gut, aber die Natur bleibt auf der Strecke.“

Bedenken gibt es auch hinsichtlich der Vögel in dem Gebiet. Wie Peter Erlemann, Sprecher der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz des Kreises Offenbach, erläutert, handelt es sich um ein Europäisches Vogelschutzgebiet. Gerade der Grauspecht und der Neuntöter stehen auf dem Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie. „Sie bedürfen besonderem Schutz.“ Die letzte Kartierung liege allerdings zehn Jahre zurück. Der Lkw-Verkehr allerdings würde sich auf vielen Ebenen bemerkbar machen, generell hätte man es mit einem sehr großen Eingriff zu tun.

Peter Ruhm wiederum sieht auch ökologische Vorteile. So werde bei dem, was im Frankfurter Raum alles gebaut wird, generell noch zwischen 50 und 60 Prozent des Kieses und Sands importiert. Der Abbau in der Region sorge also dafür, dass sich diese Situation entspanne.

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