„Es wird gestopft und getrickst“

Zu wenig Personal? Lehrer und Eltern sorgen sich an Astrid-Lindgren-Schule

Astrid-Lindgren-Schulleiter Gerd Herbert und Lehrerin Meike Lüttich bedauern, dass das Unterrichten in ihrem Alltag häufig in den Hintergrund rückt. 
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Astrid-Lindgren-Schulleiter Gerd Herbert und Lehrerin Meike Lüttich bedauern, dass das Unterrichten in ihrem Alltag häufig in den Hintergrund rückt. 

In Dietzenbach fehlt es laut Schulleiter Gerd Herbert an der Astrid-Lindgren-Schule an Lehrern. Das Staatliche Schulamt in Offenbach widerspricht. 

Dietzenbach - Gerd Herbert sitzt an einem Tisch in seinem Büro in der Astrid-Lindgren-Schule und weiß nicht recht, wo er mit dem Erzählen anfangen soll. Seit 2018 ist er Schulleiter, bis Direktorin Verena Hofmann aus der Elternzeit zurück ist, war bis dahin Stellvertreter. Es gebe einige Baustellen, die den Arbeitsalltag im vergangenen Jahr erschwerten, sagt er. Am Ende dreht sich alles um ein Problem: viele Schüler, wenig Lehrer.

Herbert rechnet vor: Mit Integrations- und Vorklasse gebe es 17 Klassen an der ALS. Abzüglich der acht Kolleginnen, die in Mutterschutz oder Elternzeit seien, gebe es 14 Lehrer, zuzüglich einer Lehrerin von der Aue-Schule, die zwei Tage die Woche einspringt, sowie zwei Referendarinnen. „Als Ersatz für die Kolleginnen, die ausfallen, werden befristet sogenannte TVH-Kräfte eingestellt.“ An der ALS sind es Studenten, ein Geograf, eine kaufmännische Angestellte, eine Betriebswirtschaftlerin und eine Erzieherin, die für unterschiedlich viele Stunden nach dem Tarifvertrag Hessen angestellt sind und fachfremd unterrichten. „Die machen ihren Job gut, sind aber keine gelernten Lehrer“, sagt Gerd Herbert. Er schätzt, dass sie derzeit rund 97 der mehr als 500 Stunden an der ALS übernehmen. „Das ist schon einiges.“ Außerdem stünden der Schule drei sogenannte U-Plus-Kräfte zur Verfügung, die im Notfall einspringen, um die Schüler zu betreuen.

Dietzenbach: Astrid-Lindgren-Schule beklagt Lehrer-Mangel 

Das staatliche Schulamt in Offenbach zeigt sich auf Anfrage unserer Zeitung überrascht von den Schilderungen. „Das sehen wir nicht so, die Schule ist gut versorgt mit Stunden und Personal“, sagt Amtsleiterin Susanne Meißner. Trotzdem hakt es laut Schulleitung, Kollegium und Elternschaft an allen Stellen. Auch weil die wenigsten im Kollegium eine volle Stelle hätten, sagt Schulleiter Herbert. Laut Rechnung des Schulamts habe die ALS, was das Personal anbelangt, trotzdem ein Plus von 0,53 Prozent. „Das bringt uns aber nichts.“ Den Unterrichtsalltag können Herbert und seine Kollegen nur selten so gestalten, wie sie es gerne würden. Ständig gebe es neue Situationen, mit denen umgegangenen werden müsse. Früher sei da mehr Konstanz gewesen. „Es wird gestopft, getrickst, getan.“ Damit überhaupt alle Klassen einen festen Ansprechpartner haben, sei eine Kollegin für zwei zuständig, mit Unterstützung einer TVH-Kraft, eine der Referendarinnen habe vier Tage nach ihrer Prüfung eine Klassenleitung übernommen und auch die Intensivklasse betreue eine TVH-Kraft.

Kommen dann auch noch Krankheitsfälle hinzu, ist der normale Schulalltag kaum noch aufrechtzuerhalten. Vor zwei Jahren etwa habe die ALS an zwei Tagen nur eine Notbetreuung anbieten können. „Und bei der letzten Krankheitswelle haben vier Lehrer gefehlt“, sagt Herbert. Damit in einem solchen Fall alle Schüler betreut werden, müssen die übrigen Lehrer mehrere Klassen gleichzeitig beaufsichtigen. „Im Extremfall waren es vier Klassen.“ Unterricht sei dann nicht möglich. Ein weiterer Punkt, der Lehrer und Schulleitung belastet: der „Papierkram“. 

Staatliches Schulamt in Offenbach widerspricht Darstellung aus Dietzenbach

„Dokumentation, Statistik, wir schaffen den Unterricht kaum und bekommen immer mehr auferlegt.“ Außerdem hätten die Lehrer immer häufiger mit Schülern zu tun, die extrem schwierig seien, darum besonders viel Aufmerksamkeit fordern. Jammern wolle er nicht, sagt Herbert. „Wir wollen uns nicht hinstellen und sagen: ,Politik, mach was!‘“ Die Situation sei schließlich kompliziert, und zwar für alle. „Das Schulamt in Offenbach kann sich die Leute ja auch nicht aus den Rippen schneiden.“

Weniger nachsichtig zeigen sich die Eltern, die sich um die Schulbildung ihrer Kinder sorgen. Alexander Hartmann, Vorsitzender des Schulelternbeirats und des Fördervereins der ALS, formuliert einen deutlichen Vorwurf an das Schulamt und das Kultusministerium in Wiesbaden: „Die machen uns einfach das Leben schwer.“ Er merke, dass im Unterricht bei den Kindern miserable Grundlagen gelegt werden, und fordert vom Schulamt, sich auch vorausschauend zu kümmern. „Die Probleme könnten alle gelöst werden, wenn man wollte.“ Hartmann erzählt von einigen Eltern, die ihre Kinder nachmittags in Eigeninitiative unterrichten, um aufzufangen, was die Schule nicht leisten kann.

Wie Schulleiter Gerd Herbert wünscht sich Alexander Hartmann eine Entlastung der Lehrer in Sachen Bürokratie. Beide sind sich außerdem einig, dass der Lehrerberuf dringend attraktiver gemacht werden müsste. Gerd Herbert zählt auf: „Bezahlung, Reduzierung der Klassengröße, leichterer Zugang zu den Studiengängen.“ Die Sorge der Eltern um die Unterrichtsqualität könne er verstehen. „Die haben wir ja auch.“

Von Lena Jochum

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