Historie eines Stadtteils

Pioniergeist in schweren Zeiten: 90 Jahre „Siedlungsgemeinschaft Steinberg“

Blick aus der Vogelperspektive auf den Stadtteil Steinberg im Jahr 2019.
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Blick aus der Vogelperspektive auf den Stadtteil Steinberg im Jahr 2019.

Vor 90 Jahren gründen eine Handvoll Genossen die „Siedlungsgemeinschaft Steinberg“, eingetragen als Nummer 48 im Genossenschaftsregister, und geben damit die Initialzündung, Land zu besiedeln, Obst- und Gemüseanbau zu betreiben, gemeinsam die dazu nötigen Dünger und Samen zu beziehen und die Produkte anschließend zu vermarkten.

Dietzenbach – In diesem Steinberger Gründungsjahr ist Dietzenbach ein handwerklich-bäuerlich geprägtes Dorf mit etwa 3500 Einwohnern. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht, viele Bauhandwerker haben während der Weltwirtschaftskrise ihre Arbeit verloren. Den neuen Siedlern stellt die Gemeinde das freie Land im Norden der Gemarkung gerne zur Verfügung. Ist es doch vom Dorf aus schwer zu erreichen und der Ackerboden gilt als nicht sehr ertragreich. Doch die Neuen sind rührig. Schnell entstehen mehr als 30 Siedlerstellen, das erste Gebäude, das sogenannte Brunnenhaus steht heute noch an der Ecke Haupt- und Gartenstraße.

Große Hoffnung legen die Steinberger auf ihren Obstanbau als Nebenerwerb. Sie errichten eine große Pfirsichplantage, zu der eine Zeitzeugin in der Chronik zum 50. Geburtstag des Stadtteils schreibt: „Auch meine Eltern hatten hunderte von Pfirsichbäumen, die 1939 zum ersten Mal getragen haben.“ Indes ist der Traum schnell vorbei: Im nächsten Winter erfrieren alle Bäume.

Wachstum nach dem Zweiten Weltkrieg

Auch sonst ist das Leben in dem neuen Ortsteil nicht einfach. Bahn und Bus gibt es nicht, Einkaufsmöglichkeiten finden sich im alten Dorf. Erst ab 1935 hält ein Zug in Steinberg. Allerdings nur auf Bedarf: Wer mitfahren will, muss mit der Taschenlampe winken, kommen die Fahrgäste aus Richtung Offenbach, müssen sie dem Zugführer frühzeitig Bescheid sagen, damit er in Steinberg anhält. Probleme macht auch lange die Wasserversorgung. Manchmal steht gar ein Fass Wasser auf der Straße, damit die Bürger sich einen Vorrat abfüllen können.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt das große Wachstum auch für Steinberg. Es gründet sich eine „Flüchtlings-Baugenossenschaft“, die ebenfalls Land von der Gemeinde erhält. In nachbarschaftlicher Selbsthilfe errichten die Vertriebenen und Heimatlosen mehrere Häuser. Mitte der 1960er Jahre steigt mit dem rasanten Wachstum des Rhein-Main-Gebietes die Bevölkerungszahl in Steinberg noch einmal stark an. In der Folgezeit entstehen die markanten Hochhäuser und es entwickelt sich das Baugebiet „Auf dem Steinberg“, der erste Abschnitt der Heinrich-Mann-Schule und die Helen-Keller-Schule werden fertiggestellt und das Haus des Lebens der Martin-Luther-Gemeinde eingeweiht. Im Jahr 1981, zu seinem 50-jährigen Bestehen, hat Steinberg rund 6000 Einwohner. 1982 versucht der Magistrat dann erneut, „Bauen in Eigenhilfe“ durchzusetzen.

Günstiges Bauen auch nach der Jahrtausendwende

Bei der Vergabe der Grundstücke in Steinberg sei bisher der „sozialpolitische Effekt“ nicht erreicht worden, heißt es in den Anträgen. Eine Zeitungsanzeige von Stadt und DSK bietet im Januar 1983 Reihenhausgrundstücke als Selbsthilfemodell an. Und trifft damit offensichtlich den Nerv der Zeit: Zu einer ersten Informationsveranstaltung kommen mehr als 600 Interessierte.

Ende der 1980er Jahre zeichnet das Hessische Innenministerium mehrere Bauprojekte in Steinberg aus, so etwa die Eigenhilfehäuser in der Arminiusstraße. Ebenfalls ein Projekt mit Vorzeigecharakter ist das in drei Abschnitten erbaute Seniorenzentrum Siedlerstraße. Das Hildegardishaus der katholischen Kirche, das aktuell zum Verkauf steht, wird 1994 eingeweiht. Im Theodor-Heuss-Ring entstehen kosten- und flächensparende Reihenhäuser und ein Niedrigenergie-Mehrfamilienhaus, im Alemannenweg wächst ein baubiologisches Reihenhausprojekt mit Wärmerückgewinnung, Grasdächern, Regenwassernutzung und ökologischer Freiflächengestaltung. Und auch im neuen Jahrtausend ist günstiges Bauen in Steinberg angesagt: 2002 ist der erste Spatenstich für Reihenhäuser an der Konrad-Adenauer-Allee. (Von Barbara Scholze)

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