Zeugen widersprechen sich

Prozess um Messerstecherei: Viele Versionen einer Nacht

Ein 50-Jähriger soll im Oktober 2018 einen 21-Jährigen mit einem Messer schwer verletzt haben. Während der Verhandlung, die nun begonnen hat, widersprechen sich die Zeugen. (Symbolbild)
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Ein 50-Jähriger soll im Oktober 2018 einen 21-Jährigen mit einem Messer schwer verletzt haben. Während der Verhandlung, die nun begonnen hat, widersprechen sich die Zeugen. (Symbolbild)

Ein 50-Jähriger soll im Oktober 2018 einen 21-Jährigen mit einem Messer schwer verletzt haben. Während der Verhandlung, die nun begonnen hat, widersprechen sich die Zeugen. Ein Urteil ist noch nicht gefallen.

Dietzenbach – Viele Aussagen und noch mehr Versionen bekam das Schöffengericht in Offenbach zu hören. Ein 50-Jähriger soll in der Nacht zum 20. Oktober 2018 am Masayaplatz einen 21-Jährigen mit einem Messerstich in den Bauch schwer verletzt haben. Das Urteil steht noch aus.

Richter Manfred Beck schlägt nach dem Verlesen der Anklage ein Rechtsgespräch vor: Verteidiger Talat Bay, Nebenklagevertreter Karl Kühne-Geiling und Staatsanwältin Natascha Maiza separieren sich mit dem Richter und den Schöffen. Wie Beck verkündet, kam es zu keiner Einigung. Die Staatsanwältin wollte sich nicht darauf einlassen, gegen ein Geständnis eine Strafe von 18 bis 24 Monaten zu fordern, die sich noch zur Bewährung aussetzen lässt.

Der Nebenkläger erzählt, in besagter Nacht habe er mit Freunden auf dem Masayaplatz an der S-Bahn-Station Dietzenbach-Mitte „gechillt“. Zwischendurch habe er mit zwei anderen bei der Nachttankstelle Getränke geholt. Wieder zurück, habe er lautstarken Streit vernommen. Er habe gesehen, dass ein älterer Mann am Kopf blutete. Worum es ging, habe er nicht gewusst, „ich verstehe kein Türkisch“. Er habe bei den Fahrradständern eine Zigarette geraucht und mit jemanden geredet. Plötzlich sei der Angeklagte auf ihn zu gerannt und habe ihm ein Messer in den Bauch gestoßen. „Ich bin zu hundert Prozent sicher, dass er es war“, sagt der Geschädigte. Er kenne den Mann, weil der sich stets in und vor einem Imbiss am Platz aufhalte. Kumpels hätten sich um den Verletzten gekümmert.

Im Krankenhaus musste sich der Mann einer Notoperation unterziehen. Eine Woche blieb er auf Station, trug eine große Narbe davon und eine posttraumatische Belastungsstörung.

Es folgt ein Zeuge nach dem anderen. Etwa der 23-jährige E., der momentan wegen Drogenhandels und Körperverletzung in U-Haft sitzt. Er berichtet, zwei besoffene Männer hätten die Jugendlichen angepöbelt. Im Gefühl, einer schlüge gleich zu, habe er ihn präventiv auf den Boden geworfen, wobei der sich am Kopf verletzt habe.

Im Saal herrscht kollektive Teilamnesie. Außerdem widersprechen sich fast alle Zeugen zum einen schon im nächsten Satz, zum anderen divergieren ihre Aussagen nicht nur untereinander, sondern auch mit den eigenen, die die Polizei kurz nach der Tat notiert hatte.

Einer erzählte damals, er habe den Angeklagten auf den Geschädigten einstechen sehen. Dann korrigierte er, es sei der andere Mann mit dem roten Oberteil gewesen, um nach einem halben Jahr zu erklären, er habe doch den Angeklagten gesehen. Nun erinnert sich derselbe Zeuge erst ziemlich nüchtern, dann doch arg betrunken gewesen zu sein. Staatsanwältin Maiza hält ihm entgegen, „sie hatten nur 0,15 Promille, das ist wie nur dran gerochen“.

Vorlagen, die Verteidiger Talat Bay gerne aufnimmt, der auch einem 19-jährigen Schüler, der sich strukturiert artikulieren kann, vorhält, bei der Polizei erklärt zu haben, nichts gesehen zu haben. Jetzt betone er hingegen, sich absolut sicher zu sein, dass der Angeklagte auf seinen Kumpel einstach.

Alle Aussagen zusammen genommen, könnte sich die Situation wie folgt abgespielt haben: Zwei besoffene Männer verließen ein Wettbüro und gerieten mit ebenfalls nicht nüchternen jungen Männern in verbalen Konflikt, der zwischen einem 46-Jährigen und dem 23-Jährigen in eine kurze körperliche Auseinandersetzung mündete. Ein Zeuge sagt aus, gehört zu haben, wie der 46-Jährige im Anschluss an die Keilerei den Angeklagten in türkischer Sprache mit der Bitte anrief, er solle eine Schusswaffe vorbeibringen, er wolle jetzt alle umbringen.

Kurz darauf erschien jedenfalls der Angeklagte mit etwa 1,5 Promille, wie sich später herausstellte. Zeugen erzählen, alle seien auf der Flucht vor dessen Messer abgehauen. Nur der Geschädigte habe nicht reagiert. Später stellten drei der jungen Männer den mutmaßlichen Angreifer, den die Polizei schließlich festnahm. Ein Messer trug der Angeklagte jedoch nicht bei sich.

Richter Beck wirft ein, einer der Männer könnte das Stechwerkzeug als Andenken eingesteckt haben, „denn die Polizei durchsuchte nicht alle“. Der Prozess geht demnächst weiter.

VON STEFAN MANGOLD

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