Michael Berkefeld geht in Pension

„Schimanski“ sagt Tschüss

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„Schimanski“ hört auf: Das Büro von Erstem Kriminalhauptkommissar Michael Berkefeld ist voller Erinnerungen an 42 Jahre Polizeidienst.

Ein Unikat der Polizei geht nach 42 Jahren in den Ruhestand. Ein Typ, der am ehesten dem von Götz George verkörperten Tatort-Kommissar Horst Schimanski ähnelt.

Dietzenbach – Einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Der Kampfsport, Motorräder und Fußball liebt.Einer, der sich nicht verbiegen lässt und eine klare Linie fährt. Und einer, der auf Augenhöhe mit Straftätern kommuniziert. „Es ist wichtig, deren Sprache zu sprechen und trotzdem Abstand zu wahren“, betont Michael Berkefeld. „Sie müssen wissen: Das ist der ,Bulle’“, schiebt der Erste Kriminalhauptkommissar und Leiter der Dietzenbacher Ermittlungsgruppe in seiner typisch nonchalanten Art nach.

Seinen Ruf hat sich der 61-Jährige hart erarbeitet – etwa bei den Startbahn-West-Protesten Anfang der 1980er-Jahre, im „Stahlbad“ im damaligen Offenbacher Problemviertel Lohwald oder eben im Dietzenbacher Starkenburgring. Und der Ruf eilt Berkefeld sogar so weit voraus, dass der bekannte Hip-Hopper Haftbefehl ihn 2014 in einem Song zusammen mit seinem Teampartner der damaligen „AG Straße“, Kriminalhauptkommissar Thorsten Betz, namentlich grüßt. Und das, obwohl es nie persönliche Berührungspunkte gab. Der Name des damaligen Offenbacher Kripo-Beamten in der Szene muss wohl groß gewesen sein. „Eigentlich wird man als Polizist nicht geliebt“, sagt Berkefeld, überlegt kurz und merkt an: „Es gibt aber kaum einen, der mich hasst.“ In 42 Dienstjahren habe es keine einzige Anzeige gegen ihn gegeben, sagt der bekennende Schimanski-Fan. Vom Kultkommissar habe er fast alle Folgen gesehen. Gefallen habe ihm immer, wie „Schimi“ „im Rahmen der Legalität auf Täter zugegangen ist“. Eben ein Typ, der überall gut ankam, findet der Pensionär in spe.

Werdegang war so nicht geplant

Sein Werdegang bei der Polizei war so nicht geplant. Nach dem Abi wird Berkefeld – noch mit schulterlangen Haaren – von einem Freund des Vaters dazu überredet, in Mühlheim einen Einstellungstest mitzumachen. 1977 beginnt er in Kassel seine Ausbildung und kommt 1979 zur Bereitschaftspolizei in Mühlheim – die Startbahn-Proteste sind ihm bis heute im Gedächtnis geblieben. 1980 wechselt er aufs 1. Revier in Offenbach, 1984 beginnt er bei der Kriminalpolizei. Dort gelingt dem noch jungen Polizisten der große Wurf. Aufgrund einer Serie von Frauenmorden wird eine Sonderkommission gebildet und mehrere 100 amtsbekannte Sexualtäter überprüft. Berkefeld erreicht ein Vernehmungsersuchen aus Frankfurt. Im Verlauf der Vernehmung verstrickt sich der Neu-Isenburger Michael Wolpert in Widersprüche, die dazu führen, dass er gegenüber Berkefeld und seinem Kollegen, Kriminalhauptmeister Ulf Markert, mehrere Sexualstraftaten zugibt. Bei den Folgeermittlungen gesteht Wolpert die ersten beiden Frauenmorde und führt die Kripo zu den Tatorten auf der Rosenhöhe – Wolpert sitzt noch heute wegen mehrfachen Mordes ein.

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Beim K11 in Offenbach wird Berkefeld in den 90er-Jahren mit Mord, Totschlag, Straßenkriminalität und sozialen Randgruppen konfrontiert und leitet diverse Arbeitsgruppen. Er hat in 42 Jahren zehn Dienstgrade durchlaufen und den Beruf von der Pike auf gelernt.

Während Berkefeld in Erinnerungen schwelgt, fällt der Blick immer wieder an die von Andenken gesäumte Wand in seinem Büro in der Dietzenbacher Ermittlungsgruppe. Fotos mischen sich mit Cappis, Plakaten, Schulterklappen sowie Teddys. Und mit etlichen Glückwünschen, die er von Kollegen zu den jeweiligen Dienstjubiläen erhalten hat. Auf einer Karte steht: „Wer ist schon Leon? Wir haben seit 40 Jahren Teddy!“ Löwe Leon ist übrigens der „Kinderkommissar“ der Polizei. Berkefeld heißt bei seinen Kollegen nur „Teddy“. Neben Schimanski ist „Britzkefitz“ lange sein Spitzname unter Kollegen, weil er sich einmal auf der Schreibmaschine beim Schreiben seines Nachnamens vertippt hat.

Spitzname „Teddy“ bei einer Razzia in Offenbach verpasst

„Teddy“ ist er seit einer Razzia in Offenbach Anfang der 90er-Jahre. „Draußen hat einer randaliert, 2,05 Meter groß, Glatze.“ Der stößt bei einer Kontrolle einen Kollegen vor die Brust. Berkefeld wiederum nimmt sich den „Koloss“ zur Brust und führt „ein kurzes, eindringliches Gespräch“ mit ihm, „dann war die Sache erledigt“. Zwei Wochen später begegnen sich die beiden erneut bei einer Razzia. Auch da ist die Sache „nach einer kurzen Belehrung“ gegessen. Da der „Koloss“ mit Vornamen „Tedi“ hieß – „er ist mittlerweile tot“, bedauert Berkefeld – hat er fortan seinen neuen Spitznamen weg.

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Auch in Dietzenbach hinterlässt Berkefeld als Leiter der Ermittlungsgruppe große Spuren. „Es hat mich begeistert, zu sehen, dass sich ein sozialer Brennpunkt so zum Positiven verändern kann.“ Berkefeld meint das Spessartviertel, für das er als Leiter der Ermittlungsgruppe vornehmlich zuständig ist, bis der Nachfolger den Dienst im Oktober antritt. „Es wollte keiner in der ganzen Behörde den Job machen.“ Der damalige Polizeipräsident Heinrich Bernhardt überredet ihn beim Kaffee und gibt ihm zwei Tage Bedenkzeit.

„Ich habe keinen Tag bereut“

Im Nachhinein lobt Berkefeld das Zusammenspiel verschiedener Behörden, das zum Befrieden des ehemaligen Starkenburgrings geführt hat. „Aus dem Brennpunkt ist ein normales Wohngebiet geworden, wie es es in vielen deutschen Großstädten gibt“, sagt Berkefeld nicht ohne Stolz. Es habe nie einen Moment in den 42 Jahren gegeben, in dem er hinschmeißen wollte: „Ich habe keinen Tag bereut.“

Auf die Zeit danach freut er sich dennoch: auf das morgens länger schlafen, frühstücken, Offenbach-Post lesen, Sport machen und mehr Zeit mit dem Enkel verbringen. „Ich werde in kein Loch fallen“, sagt er und lacht.

Zuvor steht für den Mühlheimer noch eine Abschiedsparty mit vielen Weggefährten auf dem Dietesheimer Sportplatz an. Da wird der sonst eher hart wirkende „Schimanski“ dann doch sentimental: „Ich werde mir auf jeden Fall ein paar Taschentücher einstecken.“

VON RONNY PAUL

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