Reibach mit gestohlenen Europaletten

Schwerer Bandendiebstahl: Osmanen-Mitglied packt aus

Darmstadt/Dietzenbach - Neun Mitglieder der Osmanen Germania sitzen auf der Anklagebank des Landgerichts. Der Vorwurf: schwerer Bandendiebstahl. Von Silke Gelhausen

8222 Euro-Paletten und 1201 Gitterboxen im Gesamtwert von 75 .000 Euro hat eine Bande krimineller Männer 2016 von Firmengeländen in Friedberg und Aschaffenburg geklaut. Seit Dienstag müssen sich neun Männer zwischen 30 und 59 Jahren vor dem Darmstädter Landgericht wegen schwerem Bandendiebstahl verantworten. Als Hauptangeklagte geben sich die Ehre: Osmanen-Chef Mehmet B. (47) und sein Stellvertreter Selcuk S. (38). Im mittlerweile versiegelten Dietzenbacher Osmanen-Clubhaus an der Voltastraße sollen die Tatabsprachen getätigt worden sein.

Der große Saal drei des Landgerichts platzt aus allen Nähten. Nicht ein Angeklagter mehr hätte es sein dürfen, der vor der Ersten Strafkammer und zwei Oberstaatsanwälten Platz nehmen darf. Verstärkte Eingangskontrollen und Überwachung durch Wachtmeister und Polizisten, ein verdunkelter Flur und Maschinenpistolen im Anschlag zeigen unmissverständlich: Da sitzen keine gewöhnlichen Ganoven. Dabei bringt man den Tatbestand nicht auf Anhieb mit der rockerähnlichen Vereinigung Osmanen Germania in Verbindung: Diebstahl von Euro-Paletten hört sich ein bisschen zu harmlos an.

Zu einem Gewinn von 75 .000 Euro sagt man aber auch in diesen Kreisen nicht „Nein“. Der als Boxclub deklarierte Verein wurde im Juli 2018 verboten. Erst vor einer Woche wurde Mehmet B. in einem Stuttgarter Mammutprozess wegen versuchter Strafvereitlung zu einer achtmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt, sitzt aber wegen der Europaletten seit Juli in Untersuchungshaft. Stellvertreter Selcuk S. wurde im gleichen Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter räuberischer Erpressung für drei Jahre und vier Monate ins Gefängnis geschickt.

Am ersten Verhandlungstag will fast keiner der neun Männer etwas sagen, obwohl dem Gericht drei Einlassungen in schriftlicher Form schon vorliegen. Eine Ausnahme macht der 30-jährige Enis Y. aus Nidda. Er gibt offen zu, den Diebstahl der Europaletten erst möglich gemacht zu haben – als Schichtleiter Wareneingang bei Fresenius Kabi Logistik in Friedberg. „Über meinen Job bei einer Reinigungsfirma bin ich an Fresenius rangekommen. Zuerst als Staplerfahrer über eine Leiharbeitsfirma, dann wurde eine Stelle als Schichtführer frei, auf die ich mich bewarb. Das war Anfang 2016.“

Das erklärt der Jüngste der Bande. Bei Fresenius habe er Selcuk S. kennengelernt, der in einer anderen Abteilung arbeitete. Er habe ein Palettengeschäft: ob er nicht mitmachen wolle. Der zweifache Familienvater: „Zuerst lehnte ich ab, weil ich mit krummen Dingern nichts zu tun haben wollte. Doch dann hab ich nach einiger Zeit wegen meiner Schulden zugestimmt.“ Er sei ins Clubhaus nach Dietzenbach eingeladen worden, wo man zu viert – Mehmet B. und Hamza B. (42) waren ebenfalls dabei – die Modalitäten des Diebstahls besprach. „Ich hatte ja regelmäßig mit dem Abladen von Lkw zu tun und hatte mir an der Pforte ein gewisses Vertrauen aufgebaut – deshalb sollte ich die Fahrzeuge reinholen“, gesteht Y.. Vertrauen aufgebaut und missbraucht: Y. gelang es, die 12,5- und 40-Tonner auch ohne Frachtpapiere in die Lagerhalle zu bekommen – ein Anruf am Wareneingang mit Durchsage des Kraftfahrzeugkennzeichens genügte. Das Nummernschild habe ihm Hamza B. vorher telefonisch mitgeteilt. So verließen wöchentlich ein bis zwei Lkw mit 200 bis 500 Paletten illegal das Betriebsgelände – ein halbes Jahr lang.

Bilder: Razzia gegen Osmanen in Dietzenbach

Ein Euro pro Palette sei sein Lohn gewesen. Eigentlich habe er 1,50 Euro haben wollen, aber dies sei abgelehnt worden. „Für wie viel und an wen ist die Ware dann weiter verkauft worden?“, will die Vorsitzende Richterin Ingrid Schroff wissen. „Das habe ich nicht mitbekommen“, behauptet Y.. Und ob der Diebstahl denn niemandem aufgefallen sei, ist die nächste Frage. Nein, er habe einfach die kaputten Paletten, die in der Prüfanlage aussortiert wurden, zur Seite geschafft. So, dass es keiner sehen konnte. Die werden normalerweise von einem Entsorger abgeholt und aufgearbeitet, wofür die Firma Geld bekommt. Zwei weitere Angeklagte agierten als Fahrer der Lkw.

Y. hat inzwischen mit Fresenius die Vereinbarung getroffen, 15. 000 Euro zurückzuzahlen. In monatlichen Raten zu 350 Euro. Das entspricht einem Wert von rund fünf Euro pro Palette.

Eine weitere lukrative Einnahmequelle versprachen sich die drei Hauptangeklagten im Diebstahl und Weiterverkauf von Gitterboxen. Dafür akquirierten sie wieder einen Lageristen, diesmal bei der Firma Linde Material Handling in Aschaffenburg, den 59-jährigen Ralf D.. An diesem Geschäft wirkten außerdem der 33-jährige Robert B. aus Gelnhausen und der 45-jährige Murat S. aus Frankfurt mit. Letzterer kaufte die Hehlerware an. Für den Prozess sind insgesamt acht Sitzungstage geplant.

Rubriklistenbild: © dpa

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