Erinnerung an Reichspogromnacht

Stolpersteine putzen gegen den Hass und das Vergessen

Wie er sich im Jahr 2019 als Jude fühlt, eröffnete Anton Jakob Weinberger im Hildegardishaus. FotoS: Schmedemann
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Wie er sich im Jahr 2019 als Jude fühlt, eröffnete Anton Jakob Weinberger im Hildegardishaus.

Die Initiative „Aktives Gedenken in Dietzenbach“ setzt sich dafür ein, dass die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 im Gedächtnis der Gesellschaft nicht verblasst.

Dietzenbach – Insgesamt 23 Stolpersteine befinden sich im Ort vor den ehemaligen Wohnhäusern Dietzenbacher Juden, Euthanasieopfern und einem politisch Verfolgten. Das Messingpflaster wird unweigerlich mit der Zeit trüb. Um dem entgegenzuwirken, hat sich Artus Rosenbusch fachkundig gemacht: Mit einer Politur und Stahlwolle strahlt der Stolperstein nach wenigen Handbewegungen.

Die erste Station befindet sich vor dem „tegut“-Supermarkt an der Babenhäuser Straße. Da fällt es angesichts des großen Baus etwas schwer, sich in die Zeit zurückzuversetzen, in der die Jüdin Elisabethe Ebert dort wohnte. Zu ihrer Person referiert Buchautor Horst Schäfer: „Die 1882 geborene Frau litt vermutlich an Depressionen oder Ähnlichem, weshalb sie in die ,Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster’ gebracht worden ist.“ Durch geplante Überbelegung und gezielte Unterernährung fand das „unwerte Leben“ der Frau in dieser Anstalt ein Ende – sie gilt damit als Euthanasieopfer. Auch Martin Werwatz, der in der Darmstädter Straße 57 wohnte, wurde „wegen Schwachsinn und Epilepsie“ Opfer jener „Rassenhygiene“.

Was heute für Kopfschütteln sorgt, war damals das Schicksal von Dietzenbachern. Der verordnete Judenboykott des NS-Regimes kroch auch in das Dorf im Wiesengrün und ließ etwa das Futtermittelgeschäft der Familie Max und Johanna Wolf zugrunde gehen. Sie zogen sich aus der dörflichen Präsenz zurück in die Anonymität der Großstadt. Ähnlich erging es der Familie Ostermann, die im September 1938 nach Frankfurt umsiedelte. „Der NS-Bürgermeister Heinrich Fickel konnte also von einem ,judenfreien Dietzenbach’ sprechen“, berichtet Horst Schäfer mit Abscheu in der Stimme.

Die Zuhörerin Helen Mani lauscht mit wachem Blick. „Es ist interessant, welche Schicksale sich hinter den Steinen verbergen“, sagt sie. Sie halte es für wichtig, dass solche Arbeit zum Gedenken geleistet wird. „Gerade in Zeiten, in denen der Antisemitismus wieder aufkeimt.“

Dass dieser Schatten der Geschichte nach 81 Jahren nicht verschwunden ist, verdeutlicht Anton Jakob Weinberger bei einem Vortrag seiner Gedanken im Hildegardishaus. „Nach Halle hatte ich ein mulmiges Gefühl, als Jude auf die Straße zu gehen“, berichtet er. Die Schüsse auf die Synagoge haben auch ihn ins Herz getroffen. Der Journalist spricht von einer „Zeitenwende“. „Auf diese Menschen ist geschossen worden, nur weil sie Juden sind“, betont Weinberger. Diese niederen Beweggründe zu einer solchen Tat habe es seit der NS-Zeit nicht gegeben. Der Anschlag am Versöhnungstag Jom Kippur – eine perfide Symbolik. „Auch Bildung und Kultur sind kein Schutzschild vor diesem Gedankengut“, sagt der Referent, „wer ein Judenfeind ist, ist ein Menschenfeind“. Es liege an einem selbst, weder wegzuschauen noch wegzuhören.

VON LISA SCHMEDEMANN

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