Dietzenbach

Süchtiger bestreitet Drogenhandel vehement – dann belastet er einen Polizisten 

Joint Flamme
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Ein Mann aus Dietzenbach wird wegen Drogenhandels vom Schöffengericht in Offenbach verurteilt. (Symbolbild)

Vehement hat ein Mann aus Dietzenbach bestritten, mit Drogen gehandelt zu haben. Stattdessen belastete er einen Polizisten.

Dietzenbach – Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten G. vor, in mehreren Fällen Drogen besessen und Handel betrieben zu haben. Der Polizist Ernst (Name von der Redaktion geändert) beschreibt den 27-Jährigen als „hochgradig von Cannabis abhängig“. Man ahne schon, dass G. wieder was verbergen wolle, wenn er sich beim Anblick der Polizei hektisch neben seinen Kumpels erhebe und mit serviler Freundlichkeit auf einen zugehe, so wie etwa bei einer Kontrolle am 22. Juli des vergangenen Jahres an der Laufacher Straße im Spessartviertel. In seinem Umfeld hätten sich eine Feinwaage und zwei Klumpen Haschisch befunden. Ende des folgenden Monats habe man in dessen Nähe dann 9,6 Gramm Haschisch gefunden. Ernst sagt wie alle übrigen Polizisten, G. nie direkt mit Drogen in der Hand erwischt zu haben, „bis auf einen angerauchten Joint“.

Dietzenbach: „Ich bin süchtig, habe aber noch nie mit Drogen gehandelt“, behauptet der Angeklagte.

Die Aussage des G., er habe weder mit der Feinwaage noch mit gefundenen Drogen etwas zu tun, glaubt Richter Manfred Beck nicht unbedingt. Auf Cliptütchen und Waage hatten sich Fingerabdrücke und DNA-Nachweise des Angeklagten gefunden. G. erklärt, er fasse jedes Drogentütchen an, das man ihm vorhalte. „Ich bin süchtig, habe aber noch nie mit Drogen gehandelt“, betont der Mann, der zu den fraglichen Zeiten wegen Rauschgifthandels unter Bewährung stand.

G. führt aus, der Polizist Ernst habe auch ihn auf dem Kieker, weil man Aufnahmen, wie Ernst mit Kollegen Alkohol trinkt, an dessen Chef gesendet habe. Aus Rache habe ihm Ernst schon mal ein Gramm Cannabis geschenkt, um es bei einer anschließenden Personenkontrolle zu finden, „dafür kann ich zehn Leute als Zeugen herbeischaffen“, behauptet G. Ernst betont, dem Angeklagten niemals Cannabis zugesteckt zu haben. Was Alkoholkonsum betrifft, antwortet der Beamte, „disziplinarisch kam nie jemand auf mich zu“.

Polizist bezeichnet privaten Besuch eines Cafés in Dietzenbach als „Fehler“

Am nächsten Verhandlungstag erklärt Polizist Gessler, nach einem Dienstgruppenabend mit Alkoholgenuss hätte er mit dem Kollegen Ernst noch ein polizeibekanntes Dietzenbacher Café privat besucht, „das war ein Fehler“. Dort sei man gefilmt worden.

Auch ein Cannabis-Kunde sagt aus. Die Polizei hatte beobachtet, wie er in Dietzenbach etwas kaufte. Als die Ermittler ihn kurz darauf stoppen, fanden sie ein Gramm. Der Zeuge erklärt, zwischenzeitlich sei er in der Kreisstadt geschlagen worden, weil er den Angeklagten G. gegenüber der Polizei als seinen Dealer beschrieben habe. Heute will er sich nicht mehr zu 100 Prozent festlegen, dass G. ihm das Gramm Cannabis für 20 Euro verkaufte.

Von den zehn Zeugen, die G. angekündigt hatte, die gegen Polizist Ernst aussagen würden, erscheinen zwei. Die führen jedoch keinerlei Ausweisdokumente mit sich, weshalb sie nicht aussagen können. Die Staatsanwaltschaft fordert wegen Drogenhandels in fünf Fällen 18 Monate Gefängnis. G. habe während einer Bewährungsstrafe mit Drogen gehandelt. Die Bewährungshelferin habe ihm außerdem ein bescheidenes Zeugnis ausgestellt.

Dietzenbach: 20 Monate Haft für Angeklagten

Rechtsanwalt Ralf Müller-Lühmann betont, kein Polizist habe ausgesagt, seinen Mandanten direkt beim Handel erwischt zu haben. Die Fingerabdrücke rührten daher, „dass G. alles anfassen muss“. Müller-Lühmann plädiert auf eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen, „lediglich wegen Drogenbesitzes“.

Richter Beck und die beiden Schöffen verurteilen G. zu 20 Monaten Gefängnis. Beck will nicht ausschließen, dass der Polizist Ernst nach den Filmaufnahmen eher mehr als weniger kontrollierte. Der Beamte habe jedoch keinerlei Belastungseifer gezeigt.

G. habe gemeinschaftlich Drogen verkauft, wofür auch die Fingerabdrücke sprächen. „Wer dann was an wen übergab, das spielt keine Rolle“, sagte der Richter. Schließlich hätten sich seine Spuren auch an der Feinwaage gefunden, und „dass ein Kunde selbst abwiegt, spricht gegen alle Lebenserfahrung“. Beck rät dem Angeklagten, bis zu einem möglichen Revisionsverfahren „sich endlich mal mit der Suchtberatung in Verbindung zu setzen“. (Stefan Mangold)

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