Teil der Seele Dietzenbachs

Dietzenbach trauert um den Künstler Karl Heinz Wagner

Karl Heinz Wagner (†)

Dietzenbach trauert um Karl Heinz Wagner. Der Künstler ist in der Silvesternacht im Alter von 94 Jahren verstorben. 

Dietzenbach – Mit dem Ende des Jahres hat die Stadt eine ihrer prägenden Persönlichkeiten verloren. Dietzenbach (Landkreis Offenbach) trauert um Karl Heinz Wagner. Der Künstler ist in der Silvesternacht im Alter von 94 Jahren verstorben. 

„Dass eine Stadt wie Dietzenbach eine Identität hat, ist nur möglich, wenn es eine Seele gibt, zu der Menschen wie Karl Heinz Wagner wesentlich beitragen. “ Das sagte Dietzenbachs ehemaliger Bürgermeister Stephan Gieseler einst anlässlich der Verleihung des hessischen Landesehrenbriefes an den in Komotau im Sudetenland geborenen Künstler, dessen Werke weit über die Grenzen der Stadt bekannt sind. Die Liste seiner Auszeichnungen ist ebenso lang wie die seiner Werke, die etwa Landschaften, Stillleben, Porträts und farbenfrohe abstrakte Gemälde umfasst.

Und sein Einfluss war groß. „Karl Heinz Wagner hat nachhaltig Spuren in der Dietzenbacher Geschichte hinterlassen, wir werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren“, betont der Heimatvereinsvorsitzende Hans Scholze. Mehr als 50 Jahre engagierte sich der Maler für den Erhalt volkstümlicher Güter und Kunst. 1977 war er bei der Gründung des Arbeitskreises „Rettet das Dorf in der Stadt“ dabei, der sich für den Erhalt des alten Ortskerns einsetzte. Ebenso plante Wagner seit der Gründung des Arbeitskreises „Schule und Museum“ 1989 nicht nur museumspädagogische Projekte, sondern setzte sie ebenso tatkräftig mit um.

Auch den kreativen Nachwuchs in der Kreisstadt hat er maßgeblich beeinflusst. Ratte-Ludwig-Schöpferin Uschi Heusel nennt Wagner ihr Vorbild: „Schon als Kind habe ich ihn sehr bewundert und wollte genau wie er ein bekannter Künstler werden.“ Heusel erinnert sich besonders an Wagners „schelmisch-liebenswerten Humor, wenn er mir von seinem Leben und seiner Kunst erzählte“. Wagner war bis zu seinem Tod auch Teil des illustren Dietzenbacher Künstlerkreises, den er mitgegründet hat. Die verbliebenen sechs Mitglieder gedenken ihrem Senior, Freund und Künstlerkollegen: „Wie kaum ein anderer Kunstschaffender seiner Generation hat er die kulturelle Landschaft in der Region auf dem Gebiet der bildenden Kunst geprägt und bereichert.“

Bereits als Kind zeichnete Wagner alles, was er sah. Die Leidenschaft für die Kunst entflammte vollends, als er als 14-Jähriger drei Malern im Schlafzimmer seines Onkels beim Schablonieren von Rosen auf die Wand zuschaute. Den Moment bezeichnete Wagner im Rückblick als Glücksfall. Anschließend begann er eine Lehre als Kirchenmaler. Bereits nach einem Jahr schickte ihn der Meister alleine zu Kunden. Da zeigte sich: Wagner war ein Naturtalent, der Expressionismus seine Spielwiese. Seine markanten Ölbilder entstanden teils mit der vom ihm erfundenen Walztechnik.

Viele seiner frühen Werke sind Zeitzeugen, von Tod, Gewalt, Leid und Elend – geprägt von Jahren im Zweiten Weltkrieg: Als Sudetendeutsche hatten die Wagners in ihrer Heimat einen schweren Stand. Am 9. Juni 1945 musste Wagner am Komotauer Todesmarsch nach Gebirgsneudorf teilnehmen. Auch das anschließende Arbeitslager in Maltheuern blieb ihm nicht erspart. Einige Federzeichnungen sind die wenigen Bilddokumente, die aus dieser schrecklichen Zeit existieren. Die Kunst half Wagner, vieles davon zu verarbeiten.

Nach der Vertreibung aus der Heimat 1946 landete er zunächst in Schwanebeck bei Halberstadt in der Sowjetischen Besatzungszone, wo er seine Frau Lilo kennenlernte. Ein Jahr später heiratete das Paar. Im Dezember 1948 kam Tochter Sylvia zur Welt. 1951 flüchtete die Familie nach Halsdorf bei Marburg und zog zwei Jahre später nach Hertingshausen, wo Sohn Heinz Jürgen 1954 das Licht der Welt erblickte. 1955 zog die Familie weiter nach Offenbach.

1964 kauften die Wagners ein altes Fachwerkhaus in der Schäfergasse 16. Mehrere Monate lang fuhr Wagner nach der Arbeit von Offenbach nach Dietzenbach, um das Haus zu renovieren. Der Kuhstall des alten Bauernhauses wurde zur Galerie umgebaut, wo regelmäßig Ausstellungen auch namhafter Künstler stattfanden.

Von 1970 bis 1984 war Wagner Dozent an der Volkshochschule in Dietzenbach und von 1982 bis 1988 war er Vorsitzender im Bund für freie und angewandte Kunst in Darmstadt. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland haben ihn bekannt gemacht. Zu den unzähligen Auszeichnungen, die Wagner erhielt, gehören die Kulturpreise des Kreises Offenbach 1978 und Dietzenbachs 1985. Im selben Jahr wurde ihm die Adalbert-Stifter-Medaille der Sudetendeutschen Landsmannschaft und der Komotauer Ehrenbrief mit Ehrenzeichen verliehen.

Bei all seinen Unternehmungen stand Frau Lilo ihm hilfreich zur Seite und nahm ihm viele Alltagsprobleme ab. Sie starb 2007. Anlässlich seines 85. Geburtstages fand 2010 im Bürgerhaus eine Jubiläumsausstellung statt, wo Wagner seine Werke gemeinsam mit denen seiner Kinder Sylvia und Heinz Jürgen präsentierte. Das hohe Alter forderte allerdings in den vergangenen Jahren seinen Tribut. Ein Augenleiden ließ ihn seine Umgebung nur eingeschränkt wahrnehmen. Im Herbst erlitt er einen Schlaganfall, kam zunächst ins Krankenhaus, anschließend in die Reha. Trotzdem war Wagner bei klarem Verstand, wusste, dass es mit ihm zu Ende ging, schildert seine Tochter. Er wollte zu Hause sterben.

Wenige Tage vor Wagners Schlaganfall besuchte Erster Stadtrat Dieter Lang den Künstler in seiner Galerie. Lang zeigt sich tief betroffen: „Wagners Tod ist ein großer Verlust für die Dietzenbacher Künstlerszene.“

Das Weihnachtsfest und seine letzten Tage erlebte er im Kreis seiner Familie.

Von Ronny Paul

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